Wenn jemand das Recht zu einem Jammermarathon hätte, dann sie: immens harte Kindheit, Geschichten mit Männern, die sie betrogen, ausnahmen oder kontrollieren wollten, Bewerbungsgespräche, in denen sie gefragt wurde, ob sie denn wisse, „warum ein Taco wie eine Muschi aussieht“. Doch Cher hat keine Lust, bedauert zu werden. Und auf so etwas Naheliegendes wie eine Therapie, die das alles mal gründlich aufarbeiten könnte, auch nicht.

Sie ist kein Opfer. Sondern eine Diva. Eine Frau, die im Lauf ihrer mittlerweile 78 Jahre oft am Boden lag, aber jedes Mal wieder aufstand, ohne Aufhebens davon zu machen. Warum sollte sie sich mit Selbstbespiegelung, Selbstrechtfertigung und Selbstmitleid langweilen?

Sie erzählt lieber, was es zu erzählen gibt. Das ist unterhaltsam, auch für sie selbst. Stoff ist so reichlich da, dass sie beschlossen hat, für ihre Autobiografie zwei Bände zu benötigen. Der Erste, im November 2024 in den USA erschienen, kommt nun in deutscher Übersetzung auf den Markt.

Cher haut Anekdoten raus

Es ist ein großartiges Buch, obwohl es von Ghostwritern verfasst wurde (notgedrungen, weil Cher eine Lese-Rechtschreibschwäche hat und Satzzeichen für sie „wie Symbole sind, die man in die Luft wirft und einfach irgendwo landen lässt“), die sich manchmal ein bisschen zu viel Mühe gaben, sich an die Genre-Konventionen zu halten, doch es ist immer noch unverkennbar Cher, die da spricht: eine, die sich über die Wechselfälle ihres Lebens amüsiert und Anekdoten raushaut, statt nachdenklich Bilanz zu ziehen.

Die Frau war immer schon unkaputtbar. Sie musste es sein, sonst hätte sie schon ihre Kindheit nicht überlebt. Ihre Mutter, eine mäßig erfolglose Schauspielerin, konfrontierte Cher mit ständig neuen Männern, bei denen es jetzt aber wirklich klappen würde, ihr Vater war ein heroinsüchtiger Säufer, Spieler und Choleriker. Geld: kaum je vorhanden.

Cher erzählt, wie sie sich ihrer Schuhe schämte, die mit Gummibändern zusammengehalten wurden, wenn sich die Sohle zu lösen begann. Die Verhältnisse wurden erst besser, als Mom einen reicheren Mann heiratete, der mit der Familie nach Bel Air zog und das Mädchen auf eine bessere Schule schickte. Allerdings hatte sie da schon keine Lust mehr und stieg aus.

Sie wollte dringend ein Star werden, eigentlich im Kino, aber dann lernte sie, mit 16, Sonny Bono kennen, elf Jahre älter als sie. Es dauerte nicht allzu lange, bis die beiden sowohl privat als auch beruflich ein Paar und als Sonny & Cher zu Megastars der Hippiejahre wurden. Er trug eine Caesarenfrisur und bizarre Jacken, sie Schlaghosen und kühne Overalls, und ihre exotische Schönheit und ihre Altstimme versprachen etwas, das die Bürgerwelt nicht kannte. Ihrem Erfolg half es, dass die beiden zwar wild aussahen, es aber nicht waren: keine Drogen, keine Exzesse, strikte Monogamie.

Nach ein paar Jahren war die Ehe zu Ende, gescheitert an den üblichen männlichen Macken. Er ging permanent fremd („Wenn ich sexuell befriedigt wäre, müsste ich mich nicht außerhalb unserer Ehe umsehen“), hatte aber extrem viel dagegen, wenn sie mit anderen Männern sprach oder ausgehen wollte. Cher stellte fest, dass ihr Mann sie mit einem Knebelvertrag gefesselt hatte und sie kein Geld hatte. Was ihr offenstand: ein Mode-Idol zu werden. Diana Vreeland, die Chefredakteurin der „Vogue“ hatte sich in ihren Look verliebt, Fotografen wie Richard Avedon nahmen ikonische Bilder mit ihr auf.

Mitte der 1970er – nachdem sie endgültig aus ihrer Ehe mit Sonny (den sie immer noch mochte und über den sie in ihren Memoiren kaum etwas Böses sagt) und aus ihrem Knebelvertrag raus war – startete Cher ihr erstes Comeback als Sängerin. Mittlerweile hat sie so viele hinter sich, dass sie mal sagte, sie komme sich vor wie „eine Drehtür“. Cher ist der einzige Popstar, der seit den 1960ern in jedem Jahrzehnt einen Nummer-Eins-Hit geschafft hat.

Unkaputtbar in der Popgeschichte

Ihr Erfolgsrezept: Musik, die sich mit dem Zeitgeist vertrug (Folkpop, Rock, Disco), aber dabei immer unverwechselbar Cher zu bleiben, ein souveränes Fabelwesen in den wahnwitzigsten Verkleidungen. Sie war die erste, die Bauchnabel zeigte, trug zwei Jahrzehnte vor Madonna Lingerie Chic und manchmal so krasse Outfits, dass sich die Zuseher hinterher fragten, ob da noch Unterwäsche war oder doch nicht: die erste wirklich überlebensgroße Diva in der Popgeschichte.

Hinter dem Spektakel sah man oft ihr Talent nicht. Das wurde erst durch ein paar mutigere Hollywood-Regisseure entdeckt. In „Mondsüchtig“, „Die Maske“ und „Silkwood“ zeigte sie sich als grandiose Schauspielerin, 1988 bekam sie für „Mondsüchtig“ einen Oscar – doch das wird erst im zweiten Teil ihrer Memoiren zum Thema werden.

Immer noch hat sie keine Falten. Weil ich nicht rauche, nicht trinke, keine Drogen nehme, gute Gene habe, erklärte sie. Jedes Mal, wenn sie gefragt wurde, wie viel sie denn hätte machen lassen, sagte sie Sätze wie: „Und wenn ich beschlösse, mir meine Titten auf den Rücken verpflanzen zu lassen, wäre das ganz alleine meine Sache.“ Der Satz ist ein schönes Beispiel für eine ihrer einnehmendsten Eigenschaften. Sie sagt, was sie denkt, gerne in robustem Vokabular.

Zu den Image-Taktikerinnen, die sich zurückhalten, hat sie nie gehört. Das hat sie immer zugänglicher als andere überlebensgroße Stars gemacht, unter all den Perücken und Kostümen ist sie eine ganz normale Frau geblieben, verwirrt, warmherzig, manchmal wütend. Und immer wahnsinnig unterhaltsam.

„Cher: Die Autobiografie, Teil 1“. HarperCollins, 495 Seiten, 34 Euro

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