Am Karneval scheiden sich die Geister. Während die meisten Frohnaturen, rheinische oder alemannische, es gar nicht erwarten können, sich in Maske und Fummel zu schmeißen und tage-, ja, wochenlang Ausnahmezustand auszurufen, gibt es mindestens ebenso viele Fastnachtsmuffel, denen die allgemeine Lustigkeit „auf Knopfdruck“ entweder als spießiger Geselligkeitszwang oder als Ausdruck seichtester Oberflächlichkeit erscheint. Oder schlicht zu aufdringlich, laut und anstrengend ist – und erst diese Musik!

„Bei Trompeten und Gitarren/ drehen wir uns im Labyrinth/ und sind aufgeputzte Narren/ um zu scheinen, was wir sind“, heißt es in Erich Kästners „Februar“-Gedicht, das aus seinem äußerst beliebten Band „Die 13 Monate“ von 1955 stammt. Ziemlich schlecht gelaunt wird darin ein an die Barockzeit erinnernder Vanitas-Gedanke ausgeführt.

Die Eitelkeit menschlicher Feierfreudigkeit steht gegen die Vergänglichkeit alles Irdischen. Kästner lässt die Allegorie der Zeit selbst kostümiert auf die Party gehen: „Pünktlich holt sie aus der Truhe/ falschen Bart und goldnen Kram./ Pünktlich sperrt sie in die Truhe/ Sorgenkleid und falsche Scham.// In Brokat und seidnen Resten,/ eine Maske vorm Gesicht,/ kommt sie dann zu unsren Festen./ Wir erkennen sie nur nicht.“ Die Zeit – und damit der Tod – schunkelt immer mit.

„Et in Arcadia ego“, lautete das alte Memento mori. Verkleidet ist auch beim Maskenball die Zeit dabei, die nur für die tollen Tage das graue Kleid der Alltagssorgen vorübergehend ablegt.

Formal ist das Gedicht äußerst simpel. Acht vierzeilige Strophen, Kreuzreim und als Versmaß einen stampfenden Trochäus, der den Marschrhythmus einer Rosenmontagskapelle nachzuahmen scheint (nicht ohne Grund ist das Gedicht klassischer Schulstoff): „Bleich, als sähe er Gespenster,/ mustert uns Prinz Karneval./ Aschermittwoch starrt durchs Fenster./ Und die Zeit verlässt den Saal.“

Die erste und die letzte Strophe dieser Moralpredigt sind fast identisch, die Jahreszeiten wechseln, aber am Wesen des Daseins ändert sich nichts: „Und indes die Zeit vergeht, bleibt uns doch nur eins: die Zeit.“ Vielleicht hat Kästner hier Heideggers „Sein und Zeit“ im Sinn gehabt und in der karnevalistischen Ekstase ein „Verfallen-Sein“ an „das Man“ erkannt, ein Verfehlen der „Eigentlichkeit“.

Im Kern ist das allerdings ein grobes Missverständnis des Wesens der Fastnacht. Viele Karnevalslieder handeln nämlich neben allem Rummtata und Jebütze unüberhörbar auch von Sterblichkeit und Jenseitshoffnung – von Kasallas „Alle Jläser huh“ oder bis „Su lang mer noch am Lääve sin“ von Brings. Das Carpe diem, das Feiern des Hier und Jetzt, ist für Karnevalisten stets die Kehrseite des Memento mori.

Doch die Zeit des Karnevals, die am nächsten Donnerstag mit Weiberfastnacht wieder beginnt, ist nicht dieser miesepetrige Partyschreck von Kästners Gedicht, sondern die „Superjeilezick“ des gleichnamigen Songs. Gefeiert wird hier das Leben selbst, mit allem, was dazugehört.

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