„Der einzige Postmodernist, den ich kenne, ist August Stramm“, soll Heiner Müller einmal gesagt haben. „Der war ein Modernist, der bei der Post arbeitete.“ Diese kleine Anekdote verdeutlicht das Problem mit der Vorsilbe „Post-“: Niemand weiß, was damit gemeint ist, außer es geht um Briefe und Pakete. „‚Post‘ ist das Codewort für Ratlosigkeit, die sich im Modischen verfängt“, schrieb Ulrich Beck in seinem Klassiker „Risikogesellschaft“.

Das war 1986, und keine Besserung in Sicht. Die semantische Unbestimmtheit des „Post-“ übt allerdings in den Geistes- und Sozialwissenschaften einen ungeheuren Reiz aus, nicht zuletzt auch unter Feuilletonisten. Aber warum? Die unscheinbare Vorsilbe ist zur Signatur unserer Zeit geworden.

Das behauptet der Philosoph Dieter Thomä, jahrelang Professor in St. Gallen, in seinem neuen Buch. Alles so schön post hier, denkt man bei den vielen Beispielen: postsäkular, postideologisch, postindustriell, postsozialistisch, postkapitalistisch, postheroisch, postödipal, postmigrantisch, postdramatisch, Posthistoire, Postmoderne, Poststrukturalismus, Posthumanismus, Postmaterialismus, Postkolonialismus, Postfeminismus, Postdemokratie, Postpolitik, Postliberalismus. Wohin man schaut, alles ist jetzt post.

„Wer danach kommt, wird nicht bestraft, sondern sogar vom Zeitgeist belohnt“, schreibt Thomä über die inflationäre Verwendung des „Post-“, man könne sogar vom Postismus sprechen. „Ja, bei der Vorsilbe „Post-“ handelt es sich um die erfolgreichste Erfindung im Bereich der Ideengeschichte und Begriffspolitik seit 1945.“ Meint das ein leeres Sprachspiel oder aufgeblasene Angeberei? Im Einzelfall ist das zwar nicht auszuschließen, in der Gesamttendenz offenbart sich laut Thomä allerdings ein harter semantischer Kern der Postsache: „Die Jetztzeit wird als Nachzeit bestimmt.“ Und nicht als Vorgeschichte eines Kommenden. Es klingt nach einem neuen Historismus.

Thomä liest die zahlreichen Postismen als Symptom: Man ist auf die Vergangenheit fixiert, weil die Zukunft verstellt erscheint. Die Geschichte erscheint als erdrückende Bürde, aber auch als unerschöpfliche Ressource. Ähnlich hatte Mark Fisher („Kapitalistischer Realismus“) das Phänomen der Retrokultur erklärt: als unfreiwillige Zeitschleife unter permanenten Innovationsdruck.

Plötzlich war alles Posthistoire

Thomä, der sich selbstironisch einen Vorreiter der „Prefix Studies“ nennt, findet mit dem Post einen kleinen, aber präzisen Schlüssel zur Philosophiegeschichte seit 1945 – ein Kunststück auf knapp 400 Seiten. Wie schillernd die Begriffsgeschichte des „Post-“ ist, zeigt Thomä glänzend am Beispiel der Posthistoire. Arnold Gehlen sprach nach 1945 vom Ende der Geschichte, von ihrer „Kristallisation“. Nur kurz zuvor hatte der Philosoph allerdings noch dem „Führer“ als großem Beweger zugejubelt. „Wer einen ideologischen Kater hat, weiß Nüchternheit zu schätzen“, schreibt Thomä.

Auch jemand wie Martin Heidegger raunte von einem neuen Anfang, vom Ausbruch aus der Geschichte und der Überwindung des „rechnenden Geistes“, den er seinsgeschichtlich nach Jerusalem verlegte. Damit war 1945 Schluss.

Vom Ende der Geschichte sprach auch jemand wie Alexandre Kojève, in dessen Hegel-Vorlesungen die Granden der französischen Philosophie versammelt waren. Kojève träumte von einer großen Politik, als „Weltseele“ in Napoleon und Stalin verkörpert. Später wurde er zu einem Vordenker der Europäischen Union. Neben Gehlen und Kojève nennt Thomä noch Francis Fukuyama als Dritten im Bunde des Posthistoire, der noch immer den Sieg der liberalen Demokratien als Ende der Geschichte verkündet, obwohl Denker wie Patrick Deneen bereits die Totenglocken des Liberalismus läuten.

Neben der Posthistoire nimmt sich Thomä die Postmoderne (Jean-François Lyotard, Jacques Derrida, Michel Foucault) und den Postkolonialismus (Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak, Homi Bhabha) vor, die drei prominentesten Postphänomene.

Von Lyotards emphatischer Parole „Krieg dem Ganzen, retten wir die Differenzen!“ kommt Thomä zu der Frage, ob Trump der erste postmoderne Präsident der USA sei, wie oft behauptet wird. Führt die Abkehr von der Metaphysik zur Post-Truth-Politik? Außerdem zeigt Thomä am Beispiel des Nahost-Konflikts, wie die postkolonialen Denker einer fatalen Fixierung auf die Vergangenheit erliegen und eine bessere Zukunft sabotieren.

Thomä fragt in seinem „Nachruf auf eine Vorsilbe“ im Geiste Nietzsches nach Nutzen und Nachteil des „Post-“ für das Leben. Er plädiert für eine Änderung der Blickrichtung, wieder der Zukunft zugewandt. „Das „Post-“ hat seine Schuldigkeit getan, das „Post-“ kann gehen.“ Kommt nun die Epoche des Postpost? Oder sind Namen nur Schall und Rauch, weil es um den Aufbruch geht? Dazu lädt Thomä mit den Worten Hölderlins ein: „Komm ins Offene, Freund!“ Eine augenöffnende Lektüre.

Dieter Thomä: „Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe“. Suhrkamp, 396 Seiten, 28 Euro

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