Wenn zuletzt von Büchern und Buchmessen die Rede war, dann wurde gern auf den „Young Adult“-Trend verwiesen: Teenager-Mädchen und junge Frauen, die dickleibige Romance- oder Fantasy-Bände, gern mit Farbschnitt, auf TikTok in die Kamera halten, haben der Buchbranche einen neuen Look und Boom beschert. Man wolle versuchen, die Dynamik dieses Segments noch stärker in die Literatur „hinüberzulenken“, sagte die Direktorin der Leipziger Buchmesse, Astrid Böhmisch, drei Wochen vor ihrem Event – die Messe bietet mit „Leipzig liest“ eines der größten Lesefestivals in Europa.
Der Preis der Leipziger Buchmesse, der am 27. März in drei Kategorien vergeben wird, will dazu beitragen, auf die interessantesten Neuerscheinungen des Frühjahrs aufmerksam zu machen. Er hat dieses Mal namhafte Autoren auf seiner Shortlist:
Christian Kracht, in seiner Fangemeinde seit Jahrzehnten Kult, ist mit seinem neuen Roman „Air“ (erscheint am 13. März) nominiert. Genauso wie der österreichische Autor Wolf Haas, dessen jüngster Roman „Wackelkontakt“ enthusiastisch besprochen wurde und bei Amazon lustigerweise als Nr.-1-Bestseller in „Wohlfühl-Literatur“ rangiert.
Kristine Bilkau mit ihrem Wattenmeer-Roman „Halbinsel“ (19. März), Esther Dischereit mit „Ein Haufen Dollarscheine“ (einem Erinnerungs-Kaleidoskop im Schatten des Holocaust) und Cemile Sahins „Kommando Ajax“ (ein Gangsterdrama zwischen Kurdistan und Kunstmarktwelt) runden die gelungene Belletristik-Auswahl ab. Vermissen könnte man allenfalls eine so dicht und anschaulich gestrickte Geschichte, wie Annett Gröschner sie am Beispiel der Blumenbinderin und Kranführerin Hannah Krause in ihrem Magdeburg-Roman „Schwebende Lasten“ (ab 20. März) erzählt.
Starke Sachbücher
Für Zeitgenossen, die den von der Literaturkritik gehypten Romanen ohnehin wenig über den Weg trauen, erzählen Sachbücher seit jeher die besseren Geschichten, und die diesjährige Sachbuch-Shortlist ist die stärkste seit Jahren. Hier kann man alle Themen entdecken, die uns zurzeit beschäftigen: Von Krieg und warum er zur sesshaften Menschheit gehört, handeln Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik in „Evolution der Gewalt“ ab, einem packend geschriebenen Big-History-Buch im Stil von Yuval Noah Harari.
Jens Biskys Deutschland-Panorama der Jahre 1929 bis 1934 („Die Entscheidung“) ist Pflichtlektüre für alle, die uns in „Weimarer Verhältnissen“ sehen. Pünktlich zum Rilke-Jubiläum darf eine klassische Dichter-Biografie (von Sandra Richter) nicht fehlen.
Eine essayistische Auseinandersetzung mit den Resten der russischen Opposition bietet Irina Rastorgueva und eine süffige Reisereportage über das literarische Neapel hat Maike Albath verfasst, die dieses Genre seit Jahren perfektioniert.
Last but not least wirft die Leipziger Buchmesse ein Schlaglicht auf übersetzte Bücher wie „Kälte“ von Szczepan Twardoch. Wer würde den polnischen Superstar hierzulande ohne Olaf Kühl kennen? Und ja, der Literaturbetrieb mit seinen Preis-Ritualen und Buchmessen mag jedes Jahr aufs Neue etwas berechenbar und piefig erscheinen. Aber Wiederholung hat auch etwas Wohltuendes, zumal in Zeiten, in denen kein gedruckter Buchstabe mehr vor Disruption sicher ist.
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