Aufatmen bei ProSiebenSat.1: Vor wenigen Tagen haben die Zugpferde der Sendergruppe, Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, ihre Verträge um fünf Jahre verlängert. Der Medienkonzern vermeldete dazu, dies sei „ein wichtiges Signal für die Zukunft von Joyn und ProSieben“. Joyn ist die Streaming-Plattform von ProSiebenSat.1.
Die beiden Moderatoren sind nach dem Abgang von Stefan Raab die wichtigsten Aushängeschilder der Sendergruppe, vor allem mit dem Format „ProSieben gegen Joko und Klaas“ sorgen sie immer wieder für Aufsehen. Joko und Klaas sind dabei nicht zwei einzelne Figuren im Unterhaltungsgeschäft, sondern sie produzieren ihre Formate über ihre Produktionsgesellschaft Florida TV. Am 22. März startet ihre neue Show „Ein sehr gutes Quiz (mit sehr hoher Gewinnsumme)“.
Der dahingeschludert wirkende Titel der neuen Show legt schon eine Schlussfolgerung nahe: Joko und Klaas haben bei ProSieben relative Narrenfreiheit – die bisher für beide Seiten vorteilhaft war. Neben den beiden Hochleistungsunterhaltern können nur wenige Formate mithalten, darunter sicherlich das zurzeit laufende „Germany’s Next Topmodel“ mit Heidi Klum.
Eine weitere positive Nachricht gab es ebenfalls diese Woche, wenn auch von geringerer Fallhöhe. Demnach erreichte „TV Total“, die alte Erfolgsshow von Stefan Raab, mehr Zuschauer im linearen Fernsehen als Raabs neue Show „Du gewinnst hier nicht die Million“, die inzwischen bei Raabs neuem Haussender RTL läuft.
Raab wollte mit der Show, die zunächst nur bei dem Streamingdienst RTL+ zu sehen war und seit einigen Wochen auch im linearen Fernsehen, direkt gegen „TV Total“ antreten, also am Mittwochabend. ProSieben verlegte „TV Total“ daraufhin aber auf den Dienstag. „Du gewinnst hier nicht die Million“ erreichte nun am Mittwochabend 850.000 Zuschauer, die Tendenz ist sinkend.
Die unangenehmen Themen überwiegen allerdings derzeit bei dem Münchner Medienkonzern. Die Streamingplattform Joyn steht weiter im Mittelpunkt der Strategie. Das bekräftigte Bert Habets, der CEO von ProSiebenSat.1, bei einem Pressegespräch am Donnerstag. Doch auf dem Weg zu einem „Superstreamer“, wie Habets Joyn nennt, mussten die Manager gerade einen Rückschlag hinnehmen.
Ein „Beta-Test“, bei dem ohne eindeutige Zusage die Mediatheken von ARD und ZDF bei Joyn „eingebettet“ wurden, wurde gerade beendet. Ende Januar tauchten die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender auf der Joyn-Oberfläche auf, die Inhalte wurden also innerhalb von Joyn abgespielt. ARD und ZDF hatten dieser Integration massiv widersprochen, ARD-Chef Florian Hager hatte von „modernem Raubrittertum“ gesprochen.
Das ZDF hat demnach bereits eine einstweilige Verfügung am Landgericht München beantragt, auch die ARD drohte rechtliche Schritte an. Obwohl man sich bei P7S1 auf der rechtlich sichereren Seite wähnt und davon ausgeht, dass „Embedding“ zulässig sei, weil beispielsweise keine Werbevermarktung der Inhalte erfolge, hat man die Integration nun wieder beendet. ARD und ZDF hatten dem Konzern eine Verlinkung von Inhalten angeboten, bei der Zuschauer auf die Mediatheken weitergeleitet würden.
Ungeachtet dessen forciert Konzernchef Habets den Ausbau von Joyn – doch nur mit eigenen Inhalten wird man eher nicht zu einem „Superstreamer“. Ziel sei, so Habets, Joyn als „führende werbefinanzierte Streaming-Plattform im deutschsprachigen Raum zu etablieren“. Anders als RTL+ setzt man bei Joyn weniger auf den Verkauf von Abos, sondern auf Werbekunden. Die Wachstumsraten bei Abrufen und Nutzung seien zweistellig, so Habets – wie hoch die absoluten Zahlen sind, ist allerdings unklar.
Die Frage ist allerdings, ob P7S1 genug Geld hat, um diesen Ausbau voranzutreiben. Habets verkündete am Donnerstag ein Sparprogramm, das offiziell aber als Transformationsprogramm bezeichnet wird. Im Kerngeschäft mit Unterhaltung, also TV und Streaming, sollen 70 Millionen Euro eingespart werden. In Medienberichten war von insgesamt 500 Stellen die Rede, die abgebaut werden – konkrete Mitarbeiterzahlen nannte Habets allerdings nicht.
Vor allem im linearen Fernsehen sind die Werbeeinnahmen im vergangenen Jahr gesunken, insbesondere im vierten Quartal. Dieser Abwärtstrend betrifft die gesamte privat finanzierte Fernsehbranche. Bei P7S1 konnte zwar der Gesamtumsatz auf 3,918 Millionen Euro leicht gesteigert werden, der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen sank allerdings um 21 Millionen auf 557 Millionen Euro, für das laufende Jahr rechnet das Management nur mit 550 Millionen Euro. Das Konzernergebnis lag vor allem wegen Wertminderungen bei minus 122 Millionen Euro.
Die Investoren werden ungeduldig
P7S1 trifft die schwache Konjunktur noch etwas härter als beispielsweise den Konkurrenten RTL, weil hinter den Kulissen die Investoren ungeduldig werden. So scharrt der Konzern Media for Europe (MFE), hinter dem die Berlusconi-Familie steht und dem 29,9 Prozent an ProSiebenSat.1 gehören, mit den Hufen.
MFE fordert schon länger, dass ProSiebenSat.1 medienferne Beteiligungen wie den Parfumversandhändler Flaconi und das Preisvergleichsportal Verivox verkaufen soll. Entsprechende Gespräche laufen laut Habets, sind aber offenbar noch nicht unterschriftsreif.
Am Mittwoch veröffentlichte P7S1 dann noch eine Mitteilung, dass der Finanzinvestor General Atlantic, mit dem man über eine Firmenholding verbunden ist, über einen Tauschhandel zum Gesellschafter bei P7S1 werden könnte. Und dann ist da noch der tschechische Investor PPF, der nach letztem Stand rund 15 Prozent Anteile hält, der ebenfalls Druck macht.
Die Gemengelage ist also kompliziert, dazu kommt eine Nettoverschuldung von rund 1,5 Milliarden Euro. MFE könnte, darüber sind die Spekulationen wieder hochgekocht, ein Übernahmeangebot für den Gesamtkonzern machen, um eine paneuropäische Medienholding aufzubauen. Vielleicht gibt es bis zur Hauptversammlung der Aktionäre im Mai Neuigkeiten.
Ebenso muss der Vertrag von CEO Habets verlängert werden – dessen Rückhalt in Gestalt von Aufsichtsratschef Andreas Wiele allerdings im Mai abtritt. Wiele sieht die Einflussnahme von MFE nach Medienberichten so kritisch, dass er seinen Posten freiwillig räumt. Wer ihm nachfolgt, ist unklar.
Wer davon ausgeht, dass den größten Nervenkitzel bei ProSieben dessen Stars Joko und Klaas verbreiten, der muss sich erst mal mit den Kämpfen hinter den Kulissen vertraut machen.
Christian Meier ist WELT-Medienredakteur.
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