Karla Sofía Gascón, die Transfrau, die die Hauptrolle in „Emilia Pérez“ spielt, kann sich auf was gefasst machen. In einem älteren Tweet schrieb sie über die Oscar-Verleihung 2021, sie habe gezweifelt, ob sie sich „ein afrokoreanisches Festival, eine Black-Lives-Matter-Demo“ oder eine Feminismusgala anschaue. Das bekam sie ganz schön um die Ohren gehauen, sodass ihr Film (Regie: Jacques Audiard) trotz sagenhafter 13 Nominierungen nur noch unter „ferner liefen“ im Rennen um die schmucken Goldjungs ist.

Wie das bei besonders heftigen Aufregern heutzutage üblich ist, hat Gascón natürlich nicht ganz unrecht.

Unter den besten Filmen machen es dieses Jahr Sex und Klassenkampf („Anora“), eine schwülstige Extraprise Holocaust und Migration („The Brutalist“), Emanzipationsfantasy („Wicked“), feministischer Body-Horror („The Substance“) und antirassistisches Aufbegehren („The Nickel Boys“) wohl unter sich aus. Die alten weißen Männer aus Edward Bergers „Konklave“ haben hingegen wohl keine Chance, obwohl Ralph Fiennes selten besser war (er ist, der Wahrheit die Ehre, halt immer gut).

Auch Denis Villeneuves „Dune: Part Two“ gilt als zu monumental-machoid, um ernsthaft infrage zu kommen, wenn auch Timothée Chalamet zeitgeistige Hipster-Sensibilität beisteuert. Der dünne Mann spielt auch in „A Complete Unknown“ die Hauptrolle, und zwar einen gewissen Bob Dylan, dem er tatsächlich nicht unähnlich sieht und auch ähnlich interessant singen kann wie dieser. Ob der momentane Chalamet-Hype sogar zu einer Dylan-Renaissance unter Taylor-Swift-Fans beiträgt? Mag sein. Dylanologen berichten jedenfalls schon, sich für ihre ungefragten Elogen nicht mehr so entschuldigen müssen wie noch vor ein paar Monaten. Zuletzt bewirbt sich Walter Salles’ „I’m Still Here“ um den Oscar für den besten Film. Das Porträt einer Familie unter der brasilianischen Militärdiktatur ist zwar sehr ergreifend, aber für den Hauptpreis wohl zu speziell.

In der Kategorie „Bester Schauspieler“ bietet sich ein ähnliches Bild: Adrien Brody ist für „The Brutalist“ nominiert, Chalamet für „A Complete Unknown“. Die Liste wird komplettiert von Colman Domingo im Gefängnis-Drama mit Shakespeare-Anleihen „Sing Sing“, Ralph Fiennes im Papstwahlkampf „Konklave“ und Sebastian Stan im Trump-Biopic „The Apprentice“.

Der Cast aus den Anwärtern auf den besten Film kehrt auch bei der besten weiblichen Hauptrolle wieder: Cynthia Erivo in „Wicked“, Karla Sofía Gascón in „Emilia Pérez“, Mikey Madison in „Anora“, Demi Moore in „The Substance“ und Fernanda Torres in „I’m Still Here“.

Bei der besten Regie sieht es nicht anders aus. Dort liegen Sean Baker („Anora“) Brady Corbet („The Brutalist“), James Mangold („A Complete Unknown“), Jacques Audiard („Emilia Pérez“) und Coralie Fargeat („The Substance“) miteinander im Clinch.

Wenn die Welt gerecht wäre, würden in den Hauptkategorien die folgenden Kandidaten gewinnen:

Bester Film: „Konklave“

Beste Schauspielerin: Demi Moore („The Substance“)

Bester Schauspieler: Ralph Fiennes („Konklave“)

Beste Regie: Edward Berger („Konklave“)

Wie wir wissen, ist die Welt aber nicht gerecht, besonders bei Jury-Entscheidungen. Deshalb auch noch die Namen derer, von denen ich glaube, dass die Academy sie auszeichnen wird:

Bester Film: „Anora“

Beste Schauspielerin: Demi Moore („The Substance“)

Bester Schauspieler: Timothée Chalamet („A Complete Unknown“)

Beste Regie: Brady Corbet („The Brutalist“)

Im Prinzip wäre diese Auswahl auch in Ordnung, bis auf „The Brutalist“, das ist schlimme Holocaust-Exploitation, ein gnadenlos auf viele Stunden ausgewalztes Machwerk, das auf die simple Formel „Citizen Kane“ plus „Schindlers Liste“ spekuliert und dem der egomane Ehrgeiz des Regisseurs und Autors aus jeder Pore quillt. Die Venedig-Szenen am Ende sind zum Fremdschämen. Und der Rausschmeißer-Song im Abspann ein ausgestreckter Mittelfinger Richtung Publikum.

Adrien Brody tut, was er kann. Den armen Mann trifft keine Schuld, so wenig wie seine Figur im Film, der ein wahrer Atlas ist, der die ganze böse Welt auf seinen schmalen Schultern trägt. Sollte er also den Oscar für den besten Hauptdarsteller bekommen, wäre es kein Trauerspiel, bloß ein fatales Signal für aufstrebende Independent-Filmer, auch solche megalomanischen Schmonzetten zu drehen, um, wenn schon kein Geld, dann wenigstens Ruhm und Ehre zu ernten.

Noch ein Wort zu dem politisch korrekten Zeitgeistquirl, Stichwort afrokoreanischer Feminismus, mit dem Karla Sofía Gascón ein Problem hat: Jede Zeit verhandelt ihre Themen, die schnell wechselnden Moden unterliegen, ähnlich wie die Kleider auf den Laufstegen der Designer. Insofern ist an Gascóns Diagnose natürlich was dran. Aber muss man gleich so miesepetrig unken? Klar gewinnt womöglich der ein oder andere Affirmative-Action-Kandidat. Richtig schlecht sind die nominierten Filme trotzdem nicht – bis auf „The Brutalist“. Und sogar daraus lässt sich einiges über unsere Gegenwart lernen, zumal, wenn man ihn mit kritischer Distanz sieht.

Was wäre denn auch die Alternative? Ewiges Verharren in derselben Formsprache und in den gleichen Geschichten? Abgesehen davon, dass das ziemlich öde wäre, ist es sowieso unmöglich. Die Zeit schreitet verlässlich voran. Mitleid für Nostalgiker hat sie sich noch nie geleistet. So, und jetzt nur noch zweimal schlafen (falls Sie am Sonntag ins Bett gehen), dann wissen wir mehr.

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