Vor drei Jahren gab es ein Wiedersehen. In „Top Gun: Maverick“, teils Zeitenwenden-Dokument, teils Nostalgie-Projekt, kehrte Val Kilmer alias Iceman aus dem „Top Gun“-Blockbuster von 1986 zurück. Es war eine rührende Szene zwischen zwei Antipoden. Auf der einen Seite der ewig strahlende Tom Cruise, der partout nicht zu altern scheint, auf der anderen der vom Leben, zu dem nun auch einmal Krankheit gehört, gezeichnete Kilmer. 2014 war Kilmer an Kehlkopfkrebs erkrankt, in die „Top Gun“-Kulisse kehrte er mit Schal und brüchiger Stimme zurück. Doch so heiser sein Iceman die Frage auch stellen mochte, er stellte sie dem Rivalen von früher doch: Wer von uns ist der bessere Pilot? In einer letzten Umarmung blieb es bei einem lebensweisen Unentschieden.

Wie Cruise (Jahrgang 1962), wie Brad Pitt oder Johnny Depp (beide Jahrgang 1963) gehörte Val Kilmer, am letzten Tag der Fünfzigerjahre in Los Angeles geboren, zu Hollywoods leuchtenden Boomern, auch wenn ihm in dieser Reihe der Größten nur der Rang eines Großen blieb, der zudem als Paradiesvogel galt. „Ich habe mich schlecht verhalten. Ich habe mich mutig verhalten. Ich habe mich manchen gegenüber bizarr verhalten“, sagte er selbst in der ihm gewidmeten Dokumentation „Val“, die ein Jahr vor „Top Gun: Maverick“ erschienen war, aber er sagte es ohne Reue und im stolzen Bewusstsein, „gesegnet“ zu sein.

Und wer wollte leugnen, dass er es war? Anders als die von Cruise oder Pitt mag seine Karriere nicht ohne Knick gewesen sein, in den Neunzigerjahren aber war er einer der unbestrittenen Stars in Hollywood, einer der Topverdiener der Traumfabrik und einer, der die ganz großen Rollen spielte. Kilmer war der Batman, der auf Michael Keaton folgte und der vor George Clooney, Christian Bale und Ben Affleck kam. Er spielte an der Seite von de Niro und Pacino in Michael Manns legendärem Thriller „Heat“.

Er war der Doc Holiday an der Seite von Kurt Russells Wyatt Earp in „Tombstone“, eine der klassischen, eine der reizvollsten Westernrollen, die vor ihm Kirk Douglas, Stacy Keach oder Jason Robards ausgefüllt hatten, und tatsächlich passte dieser gefährlich eigensinnige, lungenkranke Exzentriker auch viel besser zu ihm als der unverwundbare Anzugträger Wyatt Earp, der mehr in die Heldenwelt eines Tom Cruise gehört.

Val Kilmer war schließlich immer dann am besten, wenn er den Undurchsichtigen und Schwierigen gab – und das wohl nicht nur bei laufender Kamera. „Batman“-Regisseur Joel Schumacher nannte ihn „kindisch und unmöglich“, John Frankenheimer, der 1996 „DNA – Die Insel des Dr. Moreau“ mit ihm drehte, wollte nachher nie wieder mit ihm zu tun haben, und mit Marlon Brando, dem Moreau dieser Produktion, soll sich Kilmer ebenso überworfen haben wie mit Tom Sizemore, seinem Co-Star in „Red Planet“ (2000).

Doch da waren eben auch Tom Cruise, der auf Kilmers Gastauftritt im wiederbelebten „Top Gun“ bestand, und Michael Biehn aus „Tombstone“ mit dem schönen Kompliment, er sei beim Dreh zwar Doc Holiday, aber niemals Val Kilmer begegnet. Dazu passt, was man sich von den Dreharbeiten von Kilmers vielleicht größtem Film erzählt: Als er unter Regie von Oliver Stone „The Doors“ drehte, ließ er sich nicht als Val Kilmer, sondern als Jim Morrison ansprechen – noch so eine gebrochene, schwierige, undurchsichtige Figur, der er sich leidenschaftlich anverwandelte.

Bereits in den Neunzigern befand ein prominenter Kritiker, Val Kilmer hätte den Preis für den am wenigsten besungenen Hauptdarsteller seiner Generation verdient. Da es diesen Preis nicht gab, nahm ihn Kilmer so wenig mit nach Hause wie einen Oscar. Tatsächlich war er, zur Überraschung mancher, weder für seinen Doc Holiday noch für seinen (übrigens selbst gesungenen) Jim Morrison auch nur nominiert.

Als Val Kilmer 2022 als Iceman noch einmal auf die große Leinwand zurückkehrte, lag all das schon in ferner Vergangenheit. Die 2000er-Jahre waren weit weniger freundlich zu ihm gewesen als die Dekade davor. Sein gezeichneter Iceman scheint dennoch ein Mann ohne Groll. „It‘s time to let go“, tippt er in seinen Computer, weil er seine einmal so klangvolle Stimme verloren hat. Val Kilmer ist am 1. April an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er wurde 65 Jahre alt.

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