„Wir halten vergebens Ausschau nach einer Straße, nach festen Häusern – nichts. Der Camion bleibt vor einer niedrigen Sanddüne stehen, an deren Rand sich ein paar Hütten erheben. (…) Der erste Eindruck von Ibibobo ist: Hitze, Sand und Fliegen.“
Von Wien nach Ibibobo und retour: Dr. Ludwig Popper war ein Wiener Internist, der seit 1934 an seiner Habilitationsschrift arbeitete. 1936 verlor er die Anstellung an der Klinik, 1938 wurde sein Antrag auf Habilitation für „gegenstandslos“ erklärt, da er Jude war. Das Traumziel USA ist unerreichbar, eine Arztstelle im Iran ebenso wenig. Die Flucht vor den Nazis führt Dr. Popper, seine Frau und zwei kleine Kinder nach Bolivien: von La Paz nach Ibibobo und zu weiteren Stationen im Urwald. 1947 kehrt die Familie nach Wien zurück.
Das ist eine der wenigen von Wolfgang Benz in seinem neuen Buch „Exil“ berichteten Geschichten, die sich fast wie eine Abenteuererzählung liest, an deren Ende ein Erfolg steht, zu dem ironischerweise das Exil beitrug: Aus dem Internisten wird nach den Jahren in der Wildnis ein Professor für Tropenmedizin.
Es gab zahllose unfreiwillige Abenteuer auf diesen Leidenswegen, die ganz normale Menschen aus gewohnten Verhältnissen rissen, Karrieren zerstörten, Lebensbindungen kappten, Identitäten, Seelen und Körper versehrten und das Exil nach 1933 auch zu einer Weltreise des Elends machten, das nach 1945 nie wirklich endete: Hitlers Terror verschlug die Exilierten nach Paris, London, New York, Hollywood, Moskau, nach Mexiko, Argentinien, Brasilien, Shanghai oder Ibibobo.
Benz sucht die Schauplätze auf und bewährt sich als historischer Erzähler erstens Ranges, der berühmten Exilanten wie Bert Brecht oder Thomas Mann seine Reverenz erweist, den Schwerpunkt aber auf das Exil Normalsterblicher legt, denen es im Traum nicht eingefallen wäre, auf überfülltem Schiffen ins exotisch Unbekannte zu reisen: Nach Mauritius verschlug es etwa den liberalen Münchner Druckereibesitzer und Verleger Dr. Alfred Heller. Nach der „Reichskristallnacht“ wurde er nach Dachau verschleppt und gepeinigt. Aus dem KZ entlassen, gelingt es ihm und seiner Frau, noch auf ein Schiff Richtung Palästina zu gelangen.
Im Oktober 1940 erreicht das Ehepaar Haifa, wird interniert und umgehend von der britischen Mandatsmacht nach Mauritius deportiert. Voneinander getrennt müssen die Eheleute unter furchtbaren Bedingungen fast fünf Jahre als zwei von 1500 an den Indischen Ozean verschlagenen Juden aushalten, bis sie endlich im August 1945 ein zweites Mal in Haifa landen. Dr. Hellers Frau ist bereits so schwer erkrankt, dass sie nach wenigen Tagen verstirbt.
Manchmal sogar zurück in die NS-Hölle
Diese und andere Biografien zeigen, dass das Exil nach 1933 auch ein apokalyptisches Kapitel internationaler Seefahrt ist, befreiend für jene, die es nach New York oder über die Donau bis nach Palästina schafften, tödlich für die vielen anderen, deren Schiffe untergingen, versenkt wurden oder, wie die „St. Louis“ nach dem Scheitern der Einreise vor Kuba 1939, die Rückfahrt ins Dritte Reich antreten mussten. Die meisten der 936 jüdischen Flüchtlinge, die auf der „St. Louis“ waren, gingen im KZ zugrunde.
Es ist ein Ereignis für die Forschung und für alle am Thema Interessierten, dass der Zeithistoriker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz im hohen Alter jetzt ein Standardwerk zur Vertreibung zwischen 1993 und 1945 vorgelegt hat, in dem sich diese Geschichten finden, von denen sehr wenige „gut“ ausgingen, die meisten aber in der Demütigung, in der Katastrophe, in deutschen Vernichtungslagern endeten.
Kaum jemand außer Benz wäre imstande, diese eindrucksvolle Integration von scharf geschliffener historischer Rahmung und quellenbasierter epischer Ausbreitung vieler Einzelschicksale zu leisten, die sich in einem Buch auskristallisiert, das den Rang eines Klassikers der Exilforschung einnehmen wird.
Es bedarf eines langen, gewissenhaften und passionierten Forscherlebens, um die Daten und politischen Strukturen von der Weimarer Republik über die politische Lage in Shanghai oder Manhattan bis zur Nachkriegszeit in DDR und BRD einerseits adäquat, anderseits so knapp formulieren zu können, dass Raum für die plastische Rekonstruktion von Lebensläufen aus gut recherchierten Quellen und persönlichen Gesprächen bleibt. Diese Integration von Historiografie und Einzelschicksal zu einem eminent lesbaren, reich bebilderten Buch ist eine hohe, seltene Kunst.
Als nur ein Beispiel für Historiografie sei hier Benz’ luzide Darstellung der in ihrer Infamie komplexen Doppelstrategie der Gestapo hervorgehoben, die durch sukzessiv verschärfte Maßnahmen die jüdische Bevölkerung zur Ausreise drängte, dieser Ausreise jedoch simultan immer neue, sadistische Schikanen in den Weg stellte, wodurch sich „die beiden Mühlsteine“ (Arthur Prinz) der Vernichtungspolitik immer stärker in Bewegung setzen.
In den Erzählungen individueller Schicksale gelingt es Benz, die sachliche Stilhaltung des Chronisten angesichts des Grauens durchzuhalten, Empathie diskret zu artikulieren, ohne je ins Sentimentale abzugleiten, selbst nicht im ergreifenden Bericht über die Kindertransporte nach Großbritannien. Neun von zehn der von den Engländern geretteten 10.000 Kinder haben ihre Eltern nach dem Krieg nicht wiedergesehen, da diese verschleppt und ermordet worden waren.
Als engagierter Zeithistoriker nimmt Benz im Nachwort das Exil seit 1933 zum Anlass für Reflexionen zu den Migrationsbewegungen unserer Zeit und wendet sich scharf gegen völkische Ideologie und sinistre Remigrationspläne. Benz schreibt: „Der Gegensatz zwischen dem „nationalen Prinzip“ und demokratischer Gesinnung ist den Propagandisten der Austreibung bewusst, wenn sie Integration und Assimilierung als tote, als „verbrannte“ Begriffe bezeichnen.“
So treffend die Beobachtung ist, sie setzt doch auch eine andere Diskussion fort: Der Gegensatz zwischen nationalem Prinzip und demokratischer Gesinnung ist so alt wie die Französische Revolution, in der sich nationalistische Verve und Proklamation allgemeiner Menschenrechte amalgamierten, und bestimmt die politische Debatte seither. Durchdenkt man den von Benz konstatierten „Gegensatz“ zwischen dem als politisch aggressiv markierten nationalen Prinzip und demokratischer Gesinnung, kann es wirkliche Integration nur geben als Aufhebung des nationalen Prinzips, in dem das Freund-Feind-Schema verhängnisvoll wirksam ist.
Hannah Arendt erblickte in den USA das Modell eines postnationalen Staates, in dem das in den Communities bewahrte, nationale Erbe und unveräußerliche Menschenrechte zueinanderfinden. Die politische Lage der aufrüstenden Gegenwart zeigt, wie fern die Idee einer Aufhebung des nationalen Prinzips zugunsten globaler demokratischer Gesinnung mittlerweile gerückt ist.
Wolfgang Benz: „Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933–1945“. C.H. Beck, 407 Seiten, 36 Euro
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