Natürlich sei da nicht wirklich ein Engel durch den Raum gegangen, beschrieb Richard Chamberlain in einem Fernseh-Interview im Jahr 2015 einmal den entscheidenden Wendepunkt seines Lebens – den Moment, als er endlich angstfrei bekennen konnte, dass er nun einmal Männer liebt.
„Aber es fühlte sich eben so an, als ob ein Engel die Hand auf meinen Kopf legt und sagt, es ist vorbei.“ Vorbei das Versteckspiel, vorbei die Angst um den Job. Einfach weg. „Da war ich 68!“ sagte er und lachte.
Richard Chamberlains langen Weg zur Selbstakzeptanz kann man in seinen 2003 erschienenen Memoiren „Shattered Love“ nachlesen, einem freundlichen, um die Liebe als Welt- und Lebensprinzip kreisenden Bekenntnis. „Enthüllt“ worden war seine Neigung allerdings schon Anfang der Neunziger Jahre.
Und wie er es befürchtet hatte, blieben die Angebote daraufhin ein Jahr lang aus. Trotzdem: Kritiker hielten ihm nach Erscheinen des Buches vor, erst dann mit der Wahrheit herausgerückt zu sein, als sie ihm sowieso nicht mehr schaden konnte. Weil er, der weltweit bewunderte Frauenschwarm, im Rentenalter ja ohnehin nicht mehr als Projektionsfläche heterosexueller weiblicher Wünsche taugte.
Das war nicht nur gemein, sondern auch falsch, denn er war auch jenseits der 80 noch sehr ansehnlich: mit seinen hoch angesetzten, weit auseinanderliegenden hellen Augen, seinem zugleich scharf geschnittenen und doch sanft proportionierten Profil und seiner angenehm modulierten, höflichen Stimme. Seine Attraktivität tendierte vielleicht im Alter noch mehr als in der Jugend zum Engelhaften, Über-Geschlechtlichen.
1934 im „schlechten Teil“ von Beverly Hills geboren, war Chamberlain ein Spätentwickler: Der verträumte Junge lernte erst spät lesen, hörte aber wie besessen Radio-Soaps und Märchen. Als er einmal als Kind ein Ballettröckchen fand und damit durchs Haus tänzelte, lernte er: Androgynität war „verboten“.
Gazelle im Netz
Das Wort schrieb er auf Deutsch. Als junger Erwachsener sah er noch lange wie ein schlaksiges, großes Kind aus. In seinen ersten Rollen, das vertrauten ihm einst Freunde an, habe er noch ungelenk gewirkt wie eine „Gazelle, die in einem Netz gefangen war“. Er zappelte sich tatsächlich ab, denn berühmt wollte er unbedingt werden, ein „Jemand“ sein. Und er schaffte es.
Seinen Durchbruch als „hübscher Junge“ feierte er in der Titelrolle der Serie „Dr. Kildare“ in den frühen Sechzigerjahren. Da hatte er zwar bereits einige Erfolge hinter sich, aber im Arztkittel war er der Hit: Fünfmal war die Serie für den Emmy und zweimal für den Golden Globe nominiert, den Chamberlain 1963 als „Best TV Star“ gewann.
Er war ein Teenie-Idol. Alles lief bestens, er genoss den Glamour. Und doch fühlte er sich in zwei Personen aufgespalten, die aneinander gebunden sind, aber einfach keine Freunde werden konnten.
Vielseitig begabt, wie er war – er sang, spielte Theater, malte, später schrieb er auch Haikus – gehörte er bald zu den wenigen amerikanischen Schauspielern, die sich in England ungestraft an Shakespeare versuchen durften: Für seinen „Hamlet“ in Birmingham wurde er in den Siebzigern von der Kritik zum seriösen Schauspieler gekürt.
Überhaupt schienen die Briten einen Narren an diesem stets vornehm wirkenden, ewigen Knaben gefressen zu haben. Prinzessin Margaret, die „Lady Di der Sechziger“, wie Chamberlain schrieb, forderte ihn mal zum Tanz auf. Und die betagte Queen Mom soll die Keckheit besessen haben, ihrem schönen Tischnachbarn zu bescheinigen, er habe „klasse Beine“. „Das blieb mein Lieblingskompliment“, notierte er.
Wer in den frühen Achtzigern selbst noch ein Kind war, konnte schon mal Richard Chamberlain mit dem Gefühlspianisten Richard Clayderman verwechseln. Schuld war jene Serie, mit der Chamberlain endgültig zum Megastar wurde – als Pater Ralph de Bricassart – schon dieser Name klang ja wie eine Schachtel kostbarer Pralinen – in „Die Dornenvögel“.
Die von einer herzzerreißenden Titelmelodie umrahmte, unglückliche Liebesgeschichte zwischen der jungen Meggie und dem nach Australien strafversetzten katholischen Pater löste auf den Sofas dieser Welt ein globales Heulkonzert aus. Chamberlain war Tagesgespräch.
Dass er auch anders konnte als gefühlig, bewies er als englischer Seefahrer in „Shogun“ oder, als muskulöser Kolonialzeit-Actionheld, in „Quatermain“. Er spielte den sachte homoerotischen Komponisten Tschaikowsky ebenso wie den Frauenverschleißer Casanova.
Zuletzt bei David Lynch
Nach Jahrzehnten, die er mit seinem Partner Martin Rabbett auf Hawaii verbracht hatte, kehrte er 2010 wieder in seine Heimatstadt Los Angeles zurück, tourte noch mit 75 unter großem Applaus als King Arthur in dem Musical „Spamalot“ drei Monate lang durch die USA und trat mit großem Spaß in TV-Serien auf, zuletzt etwa auch in David Lynchs Fortsetzung von „Twin Peaks“.
Es war, als sehe man ihm die neu gewonnene innere Freiheit an, die Gewissheit, „dass es so gut wie nichts über einen Menschen aussagt, ob er schwul ist oder nicht“. Jetzt ist Richard Chamberlain gestorben, er wurde 90 Jahre alt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke