Helene Hegemanns Prosa ist in den letzten Jahren oft als schnell und angriffslustig im Ton beschrieben worden, und im wörtlichen Sinn trifft das auf „Striker“, ihren neuen Roman, zu: Er handelt von einer jungen Frau Mitte zwanzig aus Berlin, die Kampfsport macht, Schläge einsteckt und verteilt. Obwohl sie kräftig ist und andere trainiert, ist sie, so stellt es sich im Verlauf des Romans heraus, einsam oder wenigstens allein mit sich, oft liegt sie nachts wach, denkt, schaut in die seltsam dystopische Stadt hinaus.
Es ist diese Ebene, die Hegemanns Roman so interessant macht: der Blick aus einem einzelnen Selbst nach draußen. Hier bekommt der Roman eine ruhige Lakonie, die neu zu sein scheint in Hegemanns Schreiben, das nur noch vordergründig angriffslustig wirkt – viel mehr interessiert daran, dem eigentümlichen Gebilde Berlin einen Sinn abzuringen, in dem an einer Stelle am Kanal noch in den 1960er-Jahren Kinder ertranken, weil „sich Ost- und West-Berlin noch nicht geeinigt hatten, wer im Grenzgebiet retten durfte, genau an der Stelle liegt jetzt ein vierstöckiges Partyboot mit Palmenambiente“.
Bekannt seit „Axolotl Roadkill“
Helene Hegemann, 1992 geboren, hat schon früh, etwa in ihrem viel diskutierten Debüt „Axolotl Roadkill“, Frauenfiguren geschaffen, die sich gegen die Welt, in die sie geworfen sind, behaupten müssen, auch, weil diese Welt gar nicht mehr eindeutig zu lesen ist zwischen brüchigen Elternbeziehungen, Hyperkapitalismus, Babyeulen auf Instagram und der seltsamen Möglichkeit der Gleichzeitigkeit eigentlich unvereinbarer Begebenheiten und Systeme (in „Striker“ etwa begegnen wir einem Kripo-Kommissar in Frührente, der sich mit Selbsttötungstechniken der Samurai beschäftigt, die er „in einem Skizzenbuch von Albrecht Dürer wiederzufinden glaubt“).
In ihren vorherigen Werken hatten die Figuren in ihrer Suche bei aller Abgehärtetheit und Schnelligkeit immer auch etwas Kaputtes, verzweifelt Heimatloses; auch die junge Frau in „Striker“ lebt jeden Tag mit einer diffusen Angst, sich nicht mehr mit anderen, mit ihrer Außenwelt verbinden zu können oder überhaupt einem Ort zugehörig zu fühlen. Am Ende gelingt ihr das aber auf unerwartete Weise – und Helene Hegemann mit „Striker“ ein vielschichtig kluger Roman.
Helene Hegemann: Striker. Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 23 Euro
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