Schon ein paar Tage vor unserem Gang durchs Museum sehen wir uns bei einer Abendveranstaltung. Harald Meller, als Hüter und Erforscher der weltberühmten Himmelsscheibe von Nebra einer der bekanntesten Archäologen Deutschlands, stellt sein neues Buch vor.
Für den Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle an der Saale ist der Abend ein Heimspiel. Seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, kommt beim Hallenser Publikum in der ausverkauften Thalia-Buchhandlung bestens an. Hier doziert einer auf die zugewandte, leutselige Art – und dass er es mit dem nie abgelegten Akzent seiner Herkunft aus Olching bei München tut, lässt ihn nur doppelt authentisch erscheinen.
Das Buch heißt „Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen“. Meller hat es mit zwei Co-Autoren verfasst, dem Historiker Kai Michel (an diesem Abend ebenfalls auf der Bühne) und dem Evolutionsbiologen Carel van Schaik. Die populärwissenschaftliche Menschheitsgeschichte des Trios ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die These: Die längste Zeit seiner Existenz kannte der Mensch zwar Aggressionen, aber keinen Krieg. Der kam erst mit der Sesshaftigkeit in die Welt. Wenn Menschen an einem festen Ort leben, geht man Konflikten nicht mehr so leicht aus dem Weg. Natürlich können wir jetzt nicht alle wieder Jäger und Sammler werden und nomadisch leben. Doch das erklärt Harald Meller besser im Museum, bei unserer Verabredung am darauffolgenden Montag.
Das schmucke Gebäude von 1912, das architektonisch der Porta Nigra in Trier nachempfunden ist, betritt man an diesem Tag nur per Klingel durch den Seiteneingang. „Wenn wir uns selbst verstehen wollen, müssen wir die Menschen von früher verstehen. Und zwar nicht nur die von vor 100 oder vor 1000 Jahren, sondern auch die von vor Hunderttausenden“, sagt Meller, nachdem wir die Treppen ins zweite Obergeschoss erklommen haben.
Dort warten einige Highlights des Hauses. Ein rekonstruierter, vier Meter hoher Waldelefant. Ein raumfüllendes Mammutskelett. Ein Neandertaler in der Pose des Denkers von Rodin. Die älteste Familienbestattung der Welt. Prähistorischer Klebstoff (Birkenpech). Und 200.000 Jahre alter, versteinerter Hyänenkot.
Knochen und Fossilien, Scherben und Scheiße: Salopp gesagt, wird es eine archäologische Sammlung nie so leicht haben wie eine gefällige Gemäldegalerie oder ein Technikmuseum voller Mitmachgeräte. Meller weiß, dass vieles, womit Prähistoriker prahlen, fürs normale Publikum erst mal ganz weit weg ist. Er skizziert das Problem, indem er uns selbst aus der Zeit beamt: „Stell dir vor, du gehst in 200.000 Jahren in ein Museum und findest eine Radkappe von einem BMW, einen Lenker von einem VW-Bus und eine Motorhaube von einem Mercedes. Und das alles präsentiert man dir, und du weißt aber nicht, dass alles zu einem Auto gehört. Da sind nur verschiedene Teile, von denen aus man auf unser Zeitalter zurückschließen muss. Wie stellst du den Lifestyle dar?“
Meller spricht beim Rundgang öfter in solchen Du-Sätzen. Es ist das gleiche Du, mit dem Sportler und Personal Trainer hantieren, wenn sie von Herausforderungen erzählen, die es zu meistern gilt. Der Bayer Meller kam – nach einer Zwischenstation in Sachsen – 2001 nach Sachsen-Anhalt, wo er den Posten des Landesarchäologen und Museumsdirektors seit bald einem Vierteljahrhundert bekleidet. Als er die Dauerausstellung neu konzipierte, sei ihm klar gewesen: „Du brauchst nicht bloß Designer oder Gestalter, sondern echte Künstler.“ Eine befreundete Kostümchefin von den Salzburger Festspielen habe ihm den Bühnenbildner Karol Schauer empfohlen, und Meller selbst, seit Studienzeiten begeisterter Kinogänger, kannte den Filmemacher Juraj Lipták.
Mit den beiden Künstlern hat er einen echten Glücksgriff gelandet. Das Museum kommt in seinen Kulissen ästhetisch, suggestiv und kinderfreundlich daher. Vieles ist gemalte Interpretation. Das Ende der Eiszeit wird nicht mit Klimadiagrammen, sondern plastisch mit einer Gletscherzunge dargestellt. Die Bevölkerungsexplosion im Zuge der Sesshaftwerdung teilt sich durch eine lange Wand voller Beile mit. Der Mensch als prähistorischer Heimwerker. Je länger man durch die Zeiten und Räume wandelt, desto klarer wird, wie gelungen die Ausstellung ist. Sie bietet eine Mischung aus sinnlichen Rekonstruktionen und klassischen Objekten.
Wie stellst du den Lifestyle aus?
„Als Museumsdirektor bin ich nicht nur Hüter über die Schätze. Sondern muss den Menschen erzählen, was die Schätze mitzuteilen haben.“ Die Vermittlung ist die Gretchenfrage für Meller. „Wenn Museumsräume gefüllt sind wie ein Supermarkt, hat mich das immer gestört. Und ich mag auch keine Ausstellungen, die Buch spielen.“ Endlose Erklärtexte seien Quatsch. „Für mich ist es wichtig, dass man die Dinge nicht kompliziert lesen muss, sondern ein Erlebnis mit dem Original und ein Vermittlungserlebnis haben kann. Ein Museum sollte wie Theater oder Kino sein, etwas Bildhaftes bieten.“
Im Trakt, der zur Himmelsscheibe von Nebra führt, wird es zappenduster, nachthimmelschwarz. Andächtig dimmt Meller die Stimme, zeigt auf das dynamische Firmament an der Raumdecke. Als stünde man im Freien. Und die Vitrine mit der Himmelscheibe ist in einem schwarzen Monolithen deponiert, der Cineasten nicht zufällig an die Eröffnungssequenz von Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert.
Später sitzen wir im Museumscafé, das an diesem Montag exklusiv für uns geöffnet hat, und sprechen über Mellers Werdegang. Wie früh wusste er, dass er Archäologe werden wollte? Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums hätten ihn schon als Kind fasziniert. „Und im Gymnasium habe ich mich sehr für Biologie interessiert. Mein Nachbar war Paläontologe. Seit ich zwölf war, konnte ich ihn zu Ausgrabungen von Schildkröten, Krokodilen und anderen miozänen Fossilien (aus der Zeit vor etwa 20 bis 5 Millionen Jahren, d. Red.) begleiten. Wir fuhren ins Donautal. Oder nach Schwandorf in die Braunkohle. Ich habe festgestellt: Ich habe ein gutes Gedächtnis für Formen. Später, im Studium der Ur- und Frühgeschichte, hatte ich den Vorteil, schon als Jugendlicher viele Grabungen gemacht zu haben.“
Das Tolle an Archäologie sei, dass sie zwar mit alten Dingen beschäftigt sei, aber ständig neue Erkenntnisse biete. „Bei jeder Ausgrabung entdeckst du etwas, das vorher so noch nie gesehen wurde. Vor allem bei der Auswertung. In einer Zeit, in der sich vieles repetiert, ist das doch spannend.“ Archäologie, traditionell stark auf Nachbarfächer wie Genetik, Statistik, Bildwissenschaft und Anthropologie angewiesen, profitiere enorm vom Fortschritt. Gerade durch die vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie mitentwickelte Methode der Sequenzierung von Alt-DNA (für die Svante Pääbo 2022 den Nobelpreis bekam) könne man heute Verwandtschaften, ja sogar Haut- und Augenfarbe prähistorischer Menschen bestimmen. So etwa bei der 9000 Jahre alten Schamanin von Bad Dürrenberg.
Die Anbindung der Archäologie ans Hightech-Labor ist das eine. Daneben singt Meller ein Loblied auf die ehrenamtlichen Archäologen, die die Landschaft durchstreifen und bei Großgrabungen helfen. „Wir haben 400 Ehrenamtliche, die teils auch mit der Metallsonde gehen. Die haben einen Ausweis, dürfen das also offiziell. Sind registriert. Und kriegen eine Entschädigung.“ Über sein aktuelles Grabungsprojekt will Meller noch nicht öffentlich sprechen, nur so viel: Es kamen Quadrocopter-Drohnen zum Einsatz, und es wurde mutmaßlich gefunden, was schon lange gesucht wurde.
Kenner wissen, dass Sachsen-Anhalt, dieses vermeintlich gesichtslose Bindestrich-Bundesland im Ostschatten des Harzes, zu den interessantesten Archäologie-Regionen Deutschlands gehört. Hier steht das deutsche Stonehenge (in Pömmelte). Hier hat der Braunkohlentagebau ganze Elefantenherden zutage gefördert. Meller spricht vom „Silicon Valley der Vorgeschichte“.
Angebote, anderswo tätig zu werden, habe es zahlreiche gegeben. „Doch der Grund, warum ich immer hiergeblieben bin, ist ganz einfach. Die Sammlung ist unglaublich gut. Man kann wissenschaftlich sehr viel damit machen.“ Wahrer Erfolg zeige sich, gerade in der Wissenschaft, langfristig. Da braucht es Ausdauer. Meller mag sein Museum, dessen Architektur. Sein Team. Last but not least: „Die Politik in Sachsen-Anhalt ist uns zugewandt. Sie hat Kultur und Archäologie immer unterstützt.“ Auch dass Museum und Denkmalpflege hier nicht, wie in anderen Bundesländern, zwei Paar Stiefel seien, sondern zusammen praktiziert werden könnten, gefalle ihm.
Zum Abschied fragt Meller: „Kennen Sie die Abrafaxe?“ Aber hallo. Beherzt greift er in die Auslage seines Museumsshops und drückt uns ein druckfrisches „Mosaik“-Heft Nr. 590 in die Hand. In der jüngsten Ausgabe des seit DDR-Zeiten legendären Comichefts haben die Abrafaxe ein prähistorisches Abenteuer im Zeichen der Himmelsscheibe zu bestehen.
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