Vigdis Hjorth fühlt sich wohl auf der Bühne; sie trägt einen Text über ihr „erstes Mal“ vor, und die 65-jährige Autorin, hin- und herwippend, mitreißend und schenkelklopfend komisch, wirkt voll in ihrem Element. Sie erzählt von einer 16-Jährigen im Herbst 1975, die auf ihre ersten Partys geht, heimlich Bier trinkt, engtanzt, herumknutscht, und von dem älteren Jungen, der sie dann – endlich! – hoch ins Schlafzimmer führt, ein Kondom rausholt und sich auf sie legt. Und der trotz ihrer wiederholten Hinweise – „Du bist nicht drin!“ – am Ende selbstzufrieden zu ihr sagt: „Jetzt bist du zur Frau geworden!“
Man kommt sich ein bisschen vor wie auf einer Berliner Lesebühne in den Nullerjahren, als pointenreiche, aus dem (eigenen) Leben gegriffene Storys die üblichen Romanlesungsrituale spießig und verstaubt erscheinen ließen. Dabei sind wir im schicken Veranstaltungsraum des Osloer Munch-Museums, wo Hjorth vor einer Gruppe von Kritikern und Literaturbloggern ihren jüngsten Roman „Wiederholung“ vorstellt. Und es scheint, als hätte sie nie etwas anderes getan, als die Bühne zu rocken: Ihr ganzer Körper liest mit.
Eine Coming-of-Age-Geschichte also, unterhaltsam, ein bisschen nostalgisch, natürlich auch feministisch. Wer aber von den Zuhörern den Roman schon gelesen hatte, der konnte sich wundern. Denn diese Leichtigkeit ist in diesem schmalen Buch eingebettet, in die aufwühlende Erzählung eines Traumas, in eine Geschichte von Missbrauch, Verdrängung und familiären Tabus: Die Episode von der schräg missglückten sexuellen Initiation ist nur der Schlüsselmoment, der einen Abgrund der Erinnerung aufsperrt.
Die durchaus vorhandene Situationskomik scheint die Annäherung an den Schmerz erst erträglich machen. Dass wir uns im Museum befinden, in dem eine Version des ikonischen „Schreis“ zu sehen ist, wirkt da wie eine Fügung. Auch Hjorths Bücher erzählen von einer Verzweiflung, deren Grund verborgen ist.
Im anschließenden Gespräch erklärt Vigdis Hjorth die Differenz aus Buch und Auftritt: Die Geschichte selbst, eine Familienaufstellung in nuce, sei für den mündlichen Vortrag zu komplex. „Den Heavy stuff überlasse ich dem Schreiben“, sagt sie. Hjorth ist seit den 1980ern eine erfolgreiche Autorin; schon als junge Mutter war sie in ihrer Heimat bekannt. Aber erst seit den 2010er-Jahren wurde sie auch international stärker beachtet, auch im Zusammenhang mit dem Boom autobiografisch grundierter Prosa, die mit Karl Ove Knausgard, Tomas Espedal und dem Literaturnobelpreisträger Jon Fosse zu einem Markenzeichen der norwegischen Literatur geworden ist.
Ihr 2016 im Original erschienener Roman „Ein falsches Wort“ (der Originaltitel „Arv og miljø“, wörtlich „Erbe und Umwelt“ passt viel besser) sorgte für einen Skandal: Ein Streit unter Geschwistern um die vom Vater hinterlassenen Ferienhäuser am Meer wird zum Disput um die Erinnerung und reißt tiefe Wunden auf. Bergljot, die Erzählerin, wurde als kleines Kind vom Vater missbraucht; ihre Geschichte wird aber nicht geglaubt, ja, schlimmer noch: Sie wird von der Mutter wider besseres Wissen bis zum heutigen Tag negiert; auch die beiden jüngeren Schwestern schlagen sich in diesem Gaslighting in großem Stil auf die Seite der Eltern. Nur der ältere Bruder hält zu ihr. Bergljot, Mitte 50, hat deswegen schon lange mit ihrer Familie gebrochen.
Auf das Erscheinen des Buchs folgte eine bittere Pointe in der Realität: Vigdis Hjorths Schwester Helga, von Beruf Juristin, veröffentlichte einen Gegenroman über eine zum dramatischen Auftritt neigende Frau, die ihre Familie mit falschen Beschuldigungen überzieht. In Norwegen löste das eine Debatte aus über Realität und Fiktion und das Genre des Schlüsselromans aus.
Hjorth griff den Stoff in ihrem nächsten Werk „Die Wahrheiten meiner Mutter“ (deutsch 2023) wieder auf, und „Wiederholung“ erzählt nun die schon in „Ein falsches Wort“ erwähnte Teenager-Episode neu: die ans Krankhafte grenzenden Ängste der Mutter um das Sexleben der Tochter werden nur verständlich durch die in Schweigen begrabene Vorgeschichte.
Spricht man mit Vigdis Hjorth, dann wahrt sie formal die Konvention, dass es sich um Fiktion handele, doch ist klar, dass es ihre eigene Geschichte ist. Familiäre Konflikte, so sagt sie, seien nie schwarz-weiß, aus den verschiedenen Perspektiven erwachse ihre Komplexität: „Man wächst nicht in der gleichen Familie auf, selbst wenn sich um Geschwister handelt. Man hat andere Kindheiten und sogar andere Eltern.“
In „Wiederholung“ beschreibt das enttäuschte Mädchen den nur vorgestellten, idealen Sex in ihrem Tagebuch – was die Eltern bei der Lektüre in Verzweiflung stürzt. So lernt sie, wie es im Buch heißt, „dass das, was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann, als das was wahr ist, dass es wahrer sein kann.“ „Das erste Mal“ – es ist zugleich der Anfang der Literatur.
Die Kollision von Realität und Fiktion ist für Hjorth nichts Neues. Ihr Roman „Die Liebeskur“ von 2001 – im vergangenen Herbst unter dem Titel „If Only“ mit großer Resonanz auf Englisch erschienen – erzählt von der Liebesgeschichte zwischen einer jüngeren Frau und einem älteren prominenten Professor, offensichtlich ein Roman à clef. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Arild Linneberg eine Gegenversion und stellte die Lovestory quasi richtig – ein Vorgang, den Hjorth einfach nur „sehr lustig“ findet: „Zu meinen Romanen wurden gleich zwei Gegenbücher geschrieben.“ Sie setzte sich sogar zusammen mit ihrem Ex-Lover auf Podien; dann unterhielten die beiden das Publikum mit ihren unterschiedlichen Erinnerungen an ein und dieselbe Affäre.
Das wirkt wie die Komödien-Version zum tragischen Familienstreit – in Norwegen ist es ein offenes Geheimnis, dass Hjorth mit ihren Schwestern und der Mutter nicht mehr spricht. „Wiederholung“ erzählt auch von der Einsamkeit der jungen Erzählerin, die die Situation nicht verstehen kann, weil ihr die verdrängte Erinnerung an den Missbrauch erst später in einem langen analytischen Prozess wieder zu Bewusstsein kommen wird. Als ältere Frau blickt sie mit tiefem Mitleid auf ihr jüngeres Ich zurück und möchte ihm über die fünf Jahrzehnte hinweg stärkend die Hand reichen.
Wie sehr ist Schreiben eine Fortsetzung der Psychoanalyse mit anderen Mitteln? „Wenn Schreiben therapeutischen Charakter hätte und helfen würde, dann hätten die Schriftsteller keine psychischen Probleme mehr“, sagt Hjorth, „aber es ist tröstlich. Und es hilft mir, die Dinge klarer zu sehen. Ich weiß nicht, was ich denke, bevor ich nicht gesehen habe, was ich schreibe.“
Dieses Prozesshafte und Offene mache das Schreiben zugleich aufregend, eine Erfahrung, die sich auch dem Leser mitteilt. „Ich versuche den Text so zu betrachten, als hätte ich ihn nicht selbst geschrieben. Wenn ich beim Lesen ermüde, dann wird es auch dem Leser so gehen.“ Hjorths Erzählen ist ein stetiges Umkreisen und langsames Entblößen eines Kerns, der sich immer wieder entzieht.
„Man kann ein Trauma niemals ganz loswerden, aber man kann einer Closure, einem Abschließen näher kommen und einen Weg finden, besser damit umzugehen, damit es nicht so schmerzt und selbstzerstörerisch wirkt.“ Das gelte im Individuellen wie im Kollektiven, etwa bei der Bewältigung nationaler Traumata. Auch in den politischen Konflikten der Gegenwart sei eines immer wieder zu beobachten: „Man wird nicht gut, wenn man selbst schlecht behandelt wird.“ Es sei schwer, ein erfahrenes Leid in etwas Positives umzuwandeln. Wer als Kind geschlagen wurde, der wird seine eigenen Kinder verprügeln oder jemand anderen. Das Gegenteil sei die Ausnahme.
In ihrem jüngsten, noch nicht auf Deutsch erschienen Buch setzt sich Vigdis Hjorth mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander, und auch mit dem Alkoholismus – einem Thema, das schon in Knausgards Vater-Buch „Sterben“ eine zentrale Rolle einnahm.
Ist die Familiengeschichte also abgeschlossen? Im Moment ja, aber „Man kann immer überrascht werden“. Sie habe drei Kinder und sechs Enkelkinder: „Vielleicht werden sie mir etwas erzählen, das meine Perspektive auf die Geschichte verändert.“ Dann muss Hjorth los, noch vor dem Abendessen im spektakulären Dachrestaurant des Munch-Baus im Hafen von Oslo. In ihrem Heim am Rand der Stadt wartet der Hund. Auch der kommt im neuen Buch vor; dort findet er seinen Weg durch die dunklen Wälder ganz von alleine.
Vigdis Hjorth: „Wiederholung“. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. S. Fischer, 158 S., 22 Euro.
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