Ja, sie kann es – immer noch. Die Kunstfigur Lady Gaga holt für „Mahyem“ – ihr neues, ihr siebtes Studioalbum, ihr erstes nach „Chromatica“ vor fünf Jahren – wieder mal die inzwischen 38-jährige Stefani Joanne Angelina Germanotta hervor. Und überrascht mit weniger Eingrenzung, mehr Freiheit und Varianz – als Zeichen von Resilienz? Jedenfalls lässt sie auf diese Art das ziemlich floppige Tiefschlaggebiet der jüngeren Gaga-Zeit hinter sich.
So gelingt ihr das Gegenteil des Albumtitels „Mayhem“, der von Chaos und Verwüstung erzählt. Ein globaler Star sortiert sich und seine musikalischen Bauteile neu, stellt sich aus dem Vorhandenen, etwas Zerscherbten frisch auf. Geholfen hat dabei als Co-Produzent und Co-Songwriter Andrew Watt, der schon die Stones und Elton John wieder flott gemacht hat.
Songstichwort „Bad Romance“: Das hier ist eine gute Retro-Romanze geworden, obwohl dieses schnell in die Beine gehende und zum Mitsingen animierende Album, auf dem sie selbst Klavier und Synthesizer spielt, mit einer „Disease“ losgeht.
Am Rande des Nervenzusammenbruchs
„Seuche“ war die dritte der Gaga-Vorabsingles und gibt als munterer, sich ins Gedächtnis bohrender Elektrobeat-Track das Tempo vor. Dazu besitzt er gruftige Lyrics von einem Heiler, der jede Liebeskrankheit kuriert. Im Video freilich kämpft Lady Gaga in einer Vorstadtsiedlung als Hausfrau am Rande des Nervenzusammenbruchs, blutig und mit rot unterlaufenen Augen gegen mehrere Versionen von sich selbst; auch gegen eine todesartige Wicked Witch of the West, die an einem Autosteuer sitzt und ihre anderen Ichs mit langen Fingernagelhänden verfolgt. Die genüsslich zitierenden Zombies sind los.
So seuchenartig ist aber höchstens die Geschwindigkeit, mit der sie sich als einer der wenigen Megapopstars nach wie vor gagaesk über den Planeten verbreitet. Auch wenn sie nur – vorproduziert und ziemlich trutschig – bei der Eröffnungszeremonie der Pariser Olympischen Spiele an einer Seine-Treppe Zizi Jeanmaires (und Roland Petits) federleichten Choreo-Klassiker „Mon truc en plumes“ kopiert. Oder kurze Zeit später in dem extrem schrägen, an der Kasse völlig versagendem Film „Joker: Folie à deux“ neben Joaquin Phoenix zu Musical-Klassikern wie „If My Friends Could See Me Now“, „Bewitched“ oder „That’s Entertainment“ durch den Regen vor dem Gerichtsgebäude tanzt.
Dafür gab’s – natürlich – für beide die berühmt-berüchtigte „Goldene Himbeere“ als schlechteste Leinwandleistung 2024. Und das, intern als Nummer 6.5 gezählte, Cover-Album „Harlequin“, auf dem sie sich als Filmfigur Harley Quinn an weiteren Musical-Evergreens versucht.
Jetzt aber musste sich Lady Gaga für „Mayhem“ – die Erwartungen waren sehr, sehr hoch – doch neu erfinden oder eben rückbesinnen. Und sie lässt auch die Finger vom Jazz, der ihr zwar Spaß macht, den aber zu wenige hören wollen und der auch die Grenzen ihrer Stimme in den alten Krachern von Porter, Berlin, Arlen, Gershwin & Co. gnadenlos offenbart. Sehr gut gelang ihr das immer mit etwas dicker aufgetragener Bitchigkeit.
Deshalb folgt, zweitplatziert in der Albumreihung, nun der houseige Dancepop von „Abracadabra“ mit seinen sinnfreien, aber rhythmisch befeuernden Zaubersprüchen, das Lady Gaga als Video zur Grammy-Veröffentlichung ins Netz stellte. Immerhin 158 Millionen Abrufe hat es bis heute, dieses voran preschende, dadaeske Giga-Gaga-Gestammel, das schwarze und weiße Tänzer in hartem Kontrast um den roten Leitstern einer Lady in Lackleder versammelt. Tanz oder Tod, Tod oder Liebe, das sind ihre Schlussfolgerungen und so springt sie dem Sterben von der Schippe.
Wer will, kriegt Nachschub im hakig anhebenden „Garden of Eden“, der freilich gleich Girlfriend-Verlockung für das Wochenende anbietet, wenn man sich als „Boyfriend for tonight“ bereithalten würde. Tja, kostenlos ist nur das Sterben auf dem Dancefloor. Sehr viel mehr Botschaft außer dem Leben als Tanzdasein im ewigen Disco-Wunderland ist aber nicht.
Sieh der Prinzessin beim Sterben zu
Mit jeder Menge Hall geht es zur „Perfect Celebrity“. Damit ist, inklusive eingängiger Refrains, wenig Abschweifung, dafür mit unterkühltem Pathos, schon fast das erste Albumdrittel erreicht, durch das immerwährende Beats irrlichtern. Und wieder hinterfragt sie ihre Rolle. Aber was für eine Bilanz: „Sit in the front row, watch the princess die.“ Das bitte nicht. Hier ist der Zentralpunkt von „Mayhem“ erreicht. Wer bin ich? Kann ich das ruhig und gelassen analysieren?
Die makellose Berühmtheit, die mit dem eigenen Ruhm hier recht entspannt zu spielen versteht, kann die Stimme in wunderliche Kunsttonumgebung betten, das ist wirklich fein produziert. Warm geht es in „Vanish Into You“ weiter, doch es wird gleich wieder klirrend eisig, wenn sie von „high on a hill“ herabsingt, was sich hymnisch ausweitet. Die Stimme wirkt elektronisch kleingepresst, aber hat schnell wieder ihre bisweilen schnarrend schreiende Amplitude im gewollt monotonen, perkussivlastigen, sogar den Audiobohrer quietschend ansetzenden „Killah“. Den hatte sie auch schon bei „Saturday Night Live“ im amerikanischen Fernsehen vorgestellt, als Horizont weitende Kollaboration im Geist der Achtziger mit dem Franzosen Mike Levy alias Gesaffelstein.
Nach dieser Prince-Annäherung ist das funkige „Zombieboy“ eher eine gleichförmige Seventies-Dancefloor-Nummer, wo man sich durchaus fragen kann, wie untot oder lebendig das stilistische Arsenal aus „Alternative der 90er, Electro-Grunge, Melodien von Prince und Bowie, Gitarre und Attitüde, funkige Basslinien, französische elektronische Musik und analoge Synthesizer“ ist, das Lady Gaga selbst als ihr Klangbastelwerkzeug reklamiert. Und das sie nun dunkel vollstimmiger im nächsten Song als „LoveDrug“ anbietet. Das reiht sich sehr smooth von Nummer zu Nummer, souverän häutet sie sich und bleibt doch stets erkennbar Lady Gaga – die mit dem „right stuff“.
Sphärisch in die Schlussgerade
Mit dem koketten, fröhlichen, hüpfend verplärrten „How Bad Do U Want Me“ schreitet es in Taylor-Swift-Mode voran, und natürlich ist man stets versucht, alles, was da so gesungen wird, als äußert selbstreferenziell zu begreifen – wobei das gute Mädel nur in den Träumen des lyrischen Gegen-Ichs vorkommt.
Etwas weggedriftet offenbart sich „Don’t Call Tonight“. Es stellt sich, wir sind bei Song Nummer 10 (von 14) und also schon weit über die Albummitte hinaus, gerade eine gewisse Gleichförmigkeit hinsichtlich Tempi, Melodiebildung und Refrain-Absprung ein. Es saust mal wieder gagaesk durch den Vocoder und Stefani legt Druck auf ihr grelles, diesmal weitgehend erkennbares Vokalorgan. „Shadow of a Man“ entwickelt sich dann wieder in Richtung einer augenzwinkernden Michael-Jackson-Hommage. Unter dessen Schatten sie jedenfalls nie ihr Star-Dasein fristete.
„Tic-tac-tic“ geht es uhrwerkartig und schillernd, auch langsamer geworden, mit „The Beast“ in die balladeske, hier zunächst sphärisch getunte Schlussgerade. Nun erinnert die Stimmung plötzlich an den guten alten, lange schon toten Austropopper Falco. Viel Glitzer auf dem Gaga-Schmutz. Und dann wird es richtig tränentreibend. Soll doch der nun mit Akustikgitarre und herabfallenden Klavierakkorden besungenen „Blade of Grass“ der mit einem Rainer-Maria-Rilke-Zitat tätowierten Lady den Verlobungsring ersetzen.
„Ich bin viele Konzepte in einem“, warnt Lady Gaga. Zum Grand Finale mit Stil, wieder säuseln fluffig Gitarren, hat sie sich den Mega-Single-Seller „Die With A Smile“ aufgehoben, so schnell war noch nie eine Novität bei über einer Milliarde Spotify-Abrufen, inzwischen ist sie schon lässig über die Zwei-Milliarden-Grenze gesprungen. Der Song landete in 28 Ländern auf Platz 1 und blieb zehn Wochen lang die meistverkaufte Single der Welt. Bei den Grammys gab es Duo-Gold.
Das Ende der Party – nicht vergessen, es hat mit einer Seuche begonnen – feiert sie hier mit dem Soul-Barden Bruno Mars. Der möchte mir ihr country-kuscheln, wenn die Welt in ihre Schlusskurve geht. Natürlich nur ironisch gemeint, obwohl Lady Gaga auf „Mayhem“ trotz der insgesamt positiven Grundstimmung immer wieder mit Gothic- und Grunge-Versatzstücken hantiert.
„Mayhem“ thematisiere, so Lady Gaga, die Angst, „zu der Popmusik zurückzukehren, die meine frühesten Fans liebten“. Doch Partner Michael Polansky habe gesagt: „Babe. Ich liebe dich. Du musst Popmusik machen“. Und nicht nur ihre Die-Hard-Fans sind hell entzückt. Eklektizismus war gestern, hier werden als musikalische Therapiesitzung wieder tanzbare Refrains gesungen. Wenn es doch immer so einfach wäre.
Lady Gaga: Mayhem (Interscope)
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