Man wagt kaum, den leichtfüßigen Ton zu bemerken, in dem Helene Bracht von ihrem frühen Missbrauch erzählt. Gelassen, fast versöhnlich lesen sich ihre Erfahrungen, die andere wohl traumatisch nennen würden. Missbrauch grundiert diverse Werke, die als „autofiktionales Schreiben“ firmieren, man denke an die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux („Erinnerung eines Mädchens“) die Französin Neige Sinno im Roman „Trauriger Tiger“ oder, zuletzt, Gisèle Pelicot im Bericht ihrer Tochter Caroline Darian.
„Das Lieben danach“ von Helene Bracht ist anders – weil eingebettet in Anekdoten und Szenerien, die den Leser wundern lassen, dass dies die erste literarische Veröffentlichung der 70-jährigen Autorin ist. Die Stärke dieses Essays rührt ganz offensichtlich aus der Distanz, den sich die Autorin zwischen Erleben und Analysieren gelassen hat. Bracht verschriftlicht ihre Erfahrungen mit einem zeitlichen Abstand, in dem das Gros der emotionalen Arbeit schon geleistet scheint. Mit 70, schreibt die Autorin, habe sie einen nie gekannten Raum der inneren Freiheit betreten. Aus ihm heraus schafft sie eine unaufgeregt-humorvolle, fast schon soziologische Betrachtung ihrer selbst. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Erinnerungen verräterisch und der autobiografische Erzähler zu den unzuverlässigsten überhaupt gehört: „Es gibt keine lügenfreie Lebenserzählung.“ Doch der Blick, mit dem Bracht nicht nur ihren Täter, sondern auch sich selbst als Täterin ausleuchtet, genügt, um ein neues Licht auf ein Menschheitsthema zu werfen.
Wie wirkt sich ein früher Missbrauch auf die spätere Liebesbiografie aus, wie verändert er das Sexualleben? Diese Frage steht im Zentrum von Brachts Überlegungen. Zeit ihres Lebens sei ihr nämlich langfristig keine erfüllende Beziehung geglückt und auch ihr Sexualleben, reich an Erfahrungen mit Männern wie Frauen, beschreibt die Autorin als eher gestört. Der sexuelle Übergriff sei wie Giersch, so Bracht, der sich unterirdisch ausbreitet und immer wieder an überraschendsten Stellen Triebe schlägt. Die Autorin betrachtet ihre eigene Sexualität, aber auch die ihrer Umgebung im Wandel des Zeitgeists: vom Elternhaus über die 1960er-Jahre bis hin zu „MeToo“. Mit der Verzahnung von Mikro- und Makrokosmos ist Bracht eine psychologisch und zeitgeschichtlich tiefe Betrachtung gelungen, wie Missbrauch geschehen und sich fortsetzen kann.
Brachts Geschichte dürften viele Frauen ihrer Generation ähnlich erlebt haben. Die Mutter, nach dem Zweiten Weltkrieg von Russen vergewaltigt, musste für den kriegstraumatisierten Vater immer dann sexuell verfügbar sein, wenn er nach ihr rief. Die spätere Vergewaltigung durch einen Untermieter schien ihr lange nicht der Rede wert. Als der Missbrauch der eigenen Tochter durch einen Freund der Familie entdeckt wurde, richtete sich die Beschämung auf das Kind. Auf die Verstocktheit der Kriegsgeneration folgten die Hippies der 1960er-Jahre, in der die angebliche sexuelle Befreiung für Frauen nur eine weitere Form der Dominanz bedeutete: Wer als Frau nicht mitspielte, so Bracht, galt als prüde und verklemmt. Die sexuelle Offenheit kam mit neuen Zwängen.
Das Problem mit MeToo
Interessant an Brachts Essay ist die Analyse ihres eigenen Verhaltens. Eine ihrer Strategien, mit Sex umzugehen, sei gewesen, in eine „männlich“-dominante Rolle zu wechseln. Die Autorin schildert, wie sie Jahrzehnte nach dem Ende ihrer Beziehung die Ex-Partnerin wiedertrifft. An das, was zwischen ihnen geschehen ist, will sie sich nur noch vage erinnern. Die andere Frau hält ihr vor, beim Sex grob gewesen zu sein, sie nie gefragt zu haben und als Antwort auf ihre Beschwerden nur gelacht zu haben. „Es fehlte mir, was Übergriffe betraf, in jener Phase meines Lebens eine entscheidende Hemmschwelle“, so Bracht.
Es sind Schilderungen, die einen Mann auch noch Jahrzehnte danach öffentlich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würden. Doch umgekehrt wird die Sache komplexer. Nicht nur, weil wir Brachts Verhalten in einer Kette traumatischer Erlebnisse lesen. Sondern weil der ermächtigende Rollentausch psychologisch so nachvollziehbar ist. Das Opfer nähert sich dem Verhalten des Täters an, die Frau imitiert männliches Dominanzverhalten.
Doch was macht einen Täter aus? Die Szenarien, die sich hier gegenüberstehen, sind ein 50-jähriger Mann, der sich an einer Fünfjährigen vergreift. Und eine erwachsene Frau, die sich in der Beziehung mit einer anderen sexuell rücksichtslos verhält und sie anschließend, wie es neudeutsch heißt, ghostet. Unter den „MeToo“-Begriff würden wohl beide Szenarien fallen, was Bracht zu einer Kritik der Bewegung veranlasst. Etwa, wenn eine unflätige Bemerkung in die gleiche Kategorie wie ein schweres Gewaltverbrechen fällt. Ähnlich wie Svenja Flaßpöhler, die seinerzeit hart dafür kritisiert wurde, moniert Bracht den Verlust der Kernbotschaft sowie die Fortschreibung der Frau als ewiges Opfer.
Brachts Buch bringt die festgefahrene Sexismus-Debatte einen wertvollen Schritt weiter. Es ist auch ihr Ton, der diese neue Betrachtung ermöglicht. Ein Ton, der nicht mit Beschämung, sondern mit Interesse auf den Menschen und seine Widersprüche zugeht.
Helene Bracht: „Das Lieben danach“. Hanser, 192 Seiten, 22 Euro.
Lena Karger ist Redakteurin im Feuilleton und schreibt über Film, Sachbücher und Comedy. Ihre Artikel finden Sie hier.
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