Pituffik wird wohl auch noch umbenannt werden. Es ist Donald Trump offenbar entgangen, dass die amerikanische Weltraumbasis auf Grönland 2023 in einem Akt der Wiedergutmachung einen indigenen Namen bekam. Vorher hieß sie von 1949 an Thule Air Base. Dieser Name errang während des Kalten Krieges eine mythische Qualität, weil hier in der eisigen dunklen Einsamkeit mit Atombomben bestückte amerikanische Langstreckenflieger starteten und landeten. 1968 stürzte hier ein B52-Atombomber ab.
Dänemark hatte den USA 1951 erlaubt, die Basis zu errichten. Die Bauarbeiten waren mit den gewaltigen Anstrengungen für den Panamakanal vergleichbar. Trotzdem fanden sie im Geheimen statt. Im Sommer 1951 entdeckten der französische Anthropologe Jean Malaurie und sein Inuit-Freund Kutikitsoq die im Bau befindliche Basis zufällig auf ihrem Rückweg von einer Expedition zum geografischen Nordpol. Die Basis Thule zu nennen, lag nahe. Der Name war seit der Antike eine Chiffre für den äußersten Norden der Welt. In seinem Werk „Über das Weltmeer“ hat der griechische Geograf Pythias von Massilia im 4. Jahrhundert v. Chr. berichtet, sechs Tagesfahrten nördlich von Britannien liege eine Insel namens Thule.
Als eine römische Flotte im ersten Jahrhundert nach Christus Britannien umrundete und dessen Inselgestalt bewies, sahen die Expeditionsteilnehmer jenseits der Orkneys unbekanntes Land. Der Historiker Tacitus berichtet: „Nur in Sicht kam Thule, weil der Auftrag nur so weit reichte und überdies der Winter nahte.“
Im Mittelalter wurde das nie genauer lokalisierte Thule mehr und mehr zum mythischen Ort, vergleichbar mit Atlantis. Der legendäre Comic-Held Prinz Eisenherz, dessen Abenteuer im frühmittelalterlichen Britannien des König Artus spielen, wird von Hal Forster als Sohn des Königs von Thule bezeichnet. Thule wird in Skandinavien lokalisiert.
60 Mal vertont
Vielleicht kannte Foster, dessen echter Vorname Rudolf war, Goethes Lied „Der König in Thule“. Das singt Gretchen im „Faust“ beim Auskleiden, bevor sie das Geschenk findet, das der verliebte Doktor und Mephistopheles in ihrem Zimmer versteckt haben. Es beginnt mit den Versen: „Es war ein König in Thule/ Gar treu bis an das Grab,/ Dem sterbend seine Buhle/ Einen goldnen Becher gab.“ Damit wird Gretchen als eine junge Frau charakterisiert, die von romantischer immerwährender Liebe träumt, die mit einem wertvollen Geschenk besiegelt wird. Das märchenhafte Lied wurde im 19. Jahrhundert ungeheuer populär und 60 Mal vertont. Als der Verführer Crampas in Fontanes Roman Effi Briest bittet, einen Becher behalten zu dürfen, aus dem sie getrunken hat, antwortet sie: „Ich mag nicht als Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen.“ Jeder Leser verstand, dass sie nicht seine Buhle werden zu wollen.
Bei seinem farcehaften Grönland-Besuch hat Vize-Präsident J.D. Vance jetzt auch Pituffik/Thule besucht. Was er bestimmt nicht weiß: Für die Inuit ist die Basis eine Erinnerung daran, was ihnen drohen könnte, wenn die USA die Macht in Grönland übernehmen. Der neue Name ist übernommen von der Siedlung, die an gleicher Stelle stand. Ihre Einwohner wurden vertrieben. Entschuldigt hat sich dafür Dänemark; die USA niemals.
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