Tobias Sammet landete mit „Avantasia“ auf Anhieb auf Platz eins der deutschen Charts. Der Musiker aus Fulda bringt in seinem Projekt international bekannte Sänger zusammen und unternimmt mit ihnen eine gemeinsame Reise, die einer fantasievollen Rockoper ähnelt. Er nennt das „einen Film für die Ohren“. Ein Gespräch über Hexen, gemeine Lehrer und eine Welt, die vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie sie einige wahrnehmen.
WELT: Warum wurden Sie von Ihrer Chemielehrerin „weltfremder Spinner“ genannt?
Tobias Sammet: Ich habe halt keinen Zweifel daran gelassen, dass mich das nicht so sonderlich interessiert, was sie mir da erzählt. Ich war gar nicht so wahnsinnig anti, ich wusste vielmehr, dass mir gewisse Sachen nicht so lagen und war echt schlecht.
WELT: Also hatte das nichts mit der Musik zu tun?
Sammet: Doch, klar. Ich war auf dem Gymnasium, habe mit 15 eine Band gegründet und bin von einem sehr guten Schüler ziemlich schnell abgestürzt. Man konnte nicht guter Schüler und Rockstar sein, das ließ sich mit meinen Helden nicht vereinbaren. Wenn man in einem konservativen Dorf aufwächst und mit 15 sagt, man wird Musiker, gilt man natürlich als Spinner. Und diese Lehrerin konnte mich schlicht nicht leiden und hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie mich für einen Spinner hielt. Hey, ich habe mir mit 15 eine Dauerwelle machen lassen, ich sah aus wie ein Schaf. Ich wollte einfach nur mein Ding machen.
WELT: Und haben vermutlich mehr als andere Ihre Fantasien ausleben?
Sammet: Natürlich habe ich in einer anderen Welt gelebt. Meine Helden haben keine chemischen Verbindungen gelernt, meine Helden hingen als Poster an der Wand und hatten Sägeblätter zwischen den Beinen. Bon Scott war einer meiner Helden. Ich dachte, irgendwie musste es doch möglich sein, Musik zu machen, ohne in der Welt der Erwachsenen seine Zeit zu vergeuden.
WELT: Offensichtlich haben Sie sich ein großes Stück Jugend bewahrt. Sie schreiben sehr fantasievolle Songs, und auf dem Cover des neuen Albums „Here be Dragons“ prangt ein großer Drache.
Sammet: Auf eine gewisse Art und Weise ist das Realitätsflucht, aber ich verweigere mich der Realität nicht ganz. Ich verpacke Dinge, die mich beschäftigen, in fantastischen Geschichten. Emotionen, Melancholie, Angst und Depressionen, all das ist da drin. Meine Themen bringe ich in eine blumige Sprache, die einen ein bisschen aus der Realität herausziehen soll. Wie das Autoren wie Lewis Caroll oder Algernon Blackwood vor über 100 Jahren schon geschafft haben. Musik ist für mich immer auch Therapie.
WELT: Wovon?
Sammet: Vom Alltag. Das ist Stressabbau. Das ist wie Tagebuchführen. Man sitzt da und verarbeitet die Dinge, die einem so passiert sind. Ich schreibe lauter Briefe, die ich niemandem schicke. Man lässt bestimmte Dinge los, macht ein Schleifchen drum und sendet sie ins Universum.
WELT: Sie haben eine beeindruckende deutsche Rock-Geschichte geschrieben. Haben Sie auch die Härten des Geschäfts mitbekommen?
Sammet: Als hart empfinde ich es selten. Ich habe mit 14 angefangen, mit 17 meine erste Platte aufgenommen, mit 19 meine erste Europa-Tour, mit 23 meine erste Welt-Tournee gespielt. Alles ist sehr organisch gewachsen. Die einzigen Momente, in denen es wirklich sehr anstrengend wird, sind solche wie heute Morgen. Ich bin wach geworden und dachte: Oh Gott, du hast dich erkältet. In solchen Momenten denke ich: Verdammt, hättest du mal was Anständiges gelernt, dann würdest du jetzt zum Arzt gehen und danach einen gelben Zettel abgeben. Das kannst du als Musiker nicht. Heute Abend findet ein Konzert statt.
WELT: Sie könnten es absagen.
Sammet: Ich mochte es als Fan immer, wenn Musiker um mich gekämpft haben, auch mit ihrer Schwäche an diesem oder jenen Tag. Das war mir immer lieber, als wenn sie absagen oder auf einmal Backing Tracks benutzen oder ganz Playback spielen. Absagen ist für mich keine Option. Das Gute bei Avantasia: Wir sind sieben Sänger, die anderen werden mich entlasten.
WELT: Sie sprechen es selbst an: Sie führen bei Avantasia keine Band, sondern ein Unternehmen. Tragen Sie allein das volle finanzielle Risiko?
Sammet: Auch das habe ich heute früh verflucht, als ich wach wurde (lacht). Obwohl ich KISS-Fan bin, sage ich: Im Musikbusiness ist immer mehr Show, die sich ein bisschen von der Musik untermalen lässt. Mir geht es in erster Linie um Musik, es haben sich die Prioritäten verschoben. Visuelle Effekte sollten nur der Untermalung dienen. Ich kann mich dem aber nicht verschließen. Ich musste auch aufrüsten. Das habe ich beim Videodreh gemacht, auch beim Bühnenbild. Ja, ich musste investieren, um relevant zu bleiben.
WELT: Aber Sie allein zahlen es. Geht das?
Sammet: Ich sage mal so: Es verdient jeder auf dieser Tour garantiert Geld. Ob ich dazu gehöre, werde ich in 30 Tagen wissen, wenn alles vorbei ist. Es ist nicht nur Fluch, dein eigener Chef zu sein, es ist auch Segen. Ich wollte es so. Ich kann alles aus dem Stand entscheiden. Vieles, das ich mache, ist intuitiv, also aus dem Bau heraus.
WELT: Liegt die Härte des Musikgeschäfts auch daran, dass sehr alte Rockmusiker keinen Platz machen und mit ihren x-ten Abschiedstouren noch immer das meiste Geld verdienen?
Sammet: Als Unternehmer sehe ich natürlich, dass sich Gelder anders im Markt verteilen als mir das lieb wäre. Als Fan bin ich aber begeistert, dass einige so lange durchziehen. Dafür bin ich zu nostalgisch. Als KISS ihr letztes Konzert gaben, war ich echt traurig. Ich bin mit den Platzhirschen aufgewachsen und schaue nach wie vor demütig zu ihnen auf.
WELT: Avantasia gibt es nun auch schon seit 25 Jahren. Sie machen, was man sonst nur von Band Aid-Zusammenstellungen kannte: Stars unterschiedlicher Bands singen auf einem Album oder sogar in einem Song zusammen. Wie kam es dazu?
Sammet: Ich war 22, hatte das Gefühl, neuen Input zu brauchen nach drei Alben mit meiner Band Edguy, die ich schon mit 15 gegründet habe. Ich wollte mit anderen Musikern arbeiten, aber kein Allstar-Projekt machen. Es sollte ein Konzept dahinterstecken, kurz: Ich wollte einen Film für die Ohren machen. Daraus wurden dann zunächst die ersten beiden Alben. Einige Jahre später, als wir Avantasia wieder zum Leben erweckten, bekam ich das Angebot, in Wacken damit aufzutreten, und ich dachte: Geht das? Eine Mischung aus Rock-Muscial und Heavy-Metal-Konzert mit vier Sängern? Und was soll ich sagen: nachdem wir dort auftraten, gab es Anfragen aus Skandinavien, Japan, aus Südamerika, und irgendwann stand quasi eine Welt-Tournee. So bin ich da reingestolpert.
WELT: Aber Sie hatten in Wacken spontan angekündigt, nie mehr live spielen zu wollen.
Sammet: Ja. Wacken war einfach so magisch. Da standen 80.000 Leute vor mir. Es war eine so unfassbare Nacht, und ich dachte, größer kann es nicht mehr werden. Deshalb habe ich leichtsinnigerweise auf der Bühne zum Schluss gesagt: Das war es, ich spiele nicht mehr live (lacht). Hab ich dann nach zwei Jahren verworfen, weil ich Blut geleckt hatte. Wacken war der Moment, als mir bewusst wurde, dass es etwas Besonderes ist, was ich mit Avantasia mache.
WELT: Früher analysierten Schüler die Rockoper „Tommy“ von The Who. Hören Kids in der Schule bald Avantasia?
Sammet: Ach, das gibt es doch schon längst. Ich kriege das öfter mal zu hören. Die erste Platte hat natürlich auch alles dafür geboten, sogar Verschwörungstheorien, ohne dass ich das wusste. Hexenverbrennung, die katholische Kirche, und ich hab da eine Science-Fiction-Geschichte reingesponnen, das war wie der Da Vinci Code. Ich finde, man sollte an der Schule lieber Goethe analysieren, nicht Tommy und nicht Alben, die sich ein ungehobelter Wald- und Wiesenmusiker im Kinderzimmer ausgedacht hat (lacht).
WELT: Sie spielen fast jeden Tag Klavier. Wie komponiert man gute Rockmusik am Klavier?
Sammet: Das geht, weil ich weiß, was die anderen Instrumente machen. Ich klimpere rum, das kommt so aus dem Unterbewusstsein, und ab einem bestimmten Punkt spüre ich: Das ist jetzt geil, da mach’ ich was draus. Und im Kopf bastelt sich der Song zusammen. Ich weiß dann genau, was die Gitarren machen, der Bass, das Schlagzeug. Das ergibt sich automatisch. 30 Jahre Studioerfahrung ergeben einen ziemlich guten Werkzeugkasten. Ich bin ehrlich: Das Musikmachen ist fast noch schöner als auf die Bühne zu gehen.
WELT: Und den Text?
Sammet: Manchmal habe ich direkt eine Idee, aber meistens schreibe ich den Text später. Ich war zum Beispiel in Cornwall im Urlaub und habe da ganz, ganz viel geschrieben, weil die Natur so überwältigend war. Was ich mache, ist ganz autodidaktisch, ungelernt und intuitiv. Dadurch wird es auch nicht langweilig.
WELT: Sie sind ein erstaunlich positiv denkender Mensch. Ist bei Ihnen ein Glas immer halbvoll?
Sammet: Grundsätzlich bin ich schon sehr positiv denkend. Auch wenn es komisch klingt, aber die Weltsituation da draußen wirft mich nicht aus der Bahn. Mag sein, dass ich ein bisschen naiv bin. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, da gab es Aids, da gab es Tschernobyl, den Kalten Krieg, einige richtige Kriege wie den in Jugoslawien. Kaum war ich erwachsen, flogen Flugzeuge ins World Trade Center. Dinge, die im Nachhinein verklärt werden als „Das war doch alles gar nicht so schlimm“. Natürlich nicht, weil deswegen die Welt nicht untergegangen ist. Tragödien waren es dennoch.
WELT: Unvergessene Tragödien. Das sieht man ja auch an Ihnen.
Sammet: Und es waren genügend Gründe, den Kopf in den Sand zu stecken. Aber so bin ich nicht. Und ich muss sagen: Es gibt so vieles, was so unvorstellbar viel brutaler ist als die Coronamaßnahmen, die wir erleiden mussten. Ich finde, es gab deutlich schlimmere Zeiten als diese jetzt. Schaut man aber in den sozialen Medien an den falschen Stellen, dann kann es nicht mehr schlimmer werden. Nö, mein Leben ist nicht kacke, und das lasse ich mir auch nicht einreden.
WELT: Und dabei haben Sie wirklich viel von der Welt gesehen.
Sammet: Durch die Musik bin ich 25-mal um die Welt geflogen, habe so viele Länder gesehen. Ich kann nur sagen: Hey, es ist nicht so scheiße hier, uns geht es in Deutschland verdammt gut. Ja, jetzt merke ich: Mein Glas ist tendenziell ganz klar mehr als halbvoll.
WELT: Ihr neues Album landete auf Anhieb auf Rang eins in den deutschen Charts. Sind Hitlisten für einen Musiker wirklich noch so wichtig?
Sammet: Na ja, das ist wie ein schicker Sportwagen. Mit 47 braucht man den nicht mehr unbedingt und dennoch … Man bekommt einen Plexiglaspokal und kann ihn sich hinstellen. Das ist eine schöne Anerkennung, die einen wie mich glücklich macht. Aber ich gebe zu: Ein bisschen ist es vielleicht so wie der Gewinn des Audi-Cups für Bayern München, es verändert sich dadurch nichts gravierend, aber es fühlt sich trotzdem schön an.
WELT: Haben Sie denn noch Ziele?
Sammet: Oh, ich habe keine Bucket-List abzuarbeiten. Während Corona habe ich mir gewünscht, noch mal auf die Bühne gehen zu können. Das ist geschehen. Und ich habe seitdem so vieles erlebt. Alles, was jetzt kommt, ist Bonus. Frei so weitermachen zu können, das wäre schön.
Hier macht die Avantasia-Show in Deutschland noch Station: 04.04.25 München, 05.04.25 Frankfurt am Main, 06.04.25 Köln
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