Es nennt sich selbst das „Schatzhaus an der Eisbachwelle“. Das Bayerische Nationalmuseum steht am südlichen Rand des Englischen Gartens von München unweit des beliebten Surfspots und ist eines der größten Museen Deutschlands, es präsentiere „auf einzigartige Weise europäische Kulturgeschichte in Bayern“. Viermal im Jahr veröffentlicht das vom Freistaat Bayern betriebene Haus eine Broschüre, die das Programm bewirbt. Die Vorschau auf das zweite Quartal 2025 musste nun druckfrisch eingestampft werden.

Denn auf dem Titelblatt war ein antisemitisch lesbares Motiv gezeigt worden. Zu sehen war ein Mann mit rotem Haar und Bart in einem strahlend gelben Gewand. Um den Hals trägt er einen Geldbeutel, den er mit seiner linken Hand fest verschlossen hält, seine rechte Hand erhebt den Zeigefinger. Hinter ihm stehen römische Soldaten, die sich wissbegierig zu ihm wenden. Es ist eine typische Darstellung des Judas Iskariot, einem der zwölf Jünger Jesu. Gezeigt wird er in dem Moment, als er dessen Festnahme in Jerusalem ermöglicht. Ob es ein „Verrat“ war, ist durchaus umstritten.

Das Motiv entstammt einer der drei Tafeln des ehemaligen Hochaltars aus der Benediktinerabtei Tegernsee, dessen Teile im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt sind. Zugeschnitten wurde es allerdings auf das schmale Hochformat des Programmhefts. Was fehlt ist der Kontext: Die Gefangennahme von Jesus, wie er sein Kreuz auf den Ölberg trägt, wie er entkleidet wird. Die große Menschenansammlung, die seiner Hinrichtung beiwohnt, sehen wir nicht. Auf dem Programmheft, nur ein Mann, der sich offensichtlich hat bezahlen lassen.

Dass es sich um ein Detail aus der christlichen Kunstgeschichte der Passion Jesu handelt, muss man wissen, ebenso dass die realistische Darstellung der gotischen Malerei des 15. Jahrhunderts entstammt. Zu sehen war ein aus dem Zusammenhang gerissener Ausschnitt, der antisemitische Klischees bedienen kann, besonders wenn diese Vorkenntnisse fehlen – eine Typisierung des angeblich geldgierigen Juden.

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, hätte der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums Frank Matthias Kammel diesen Kontext leisten können – und müssen. Doch in seinem Programmheft-Editorial würden lediglich die Tegernseer Passionsszenen gerühmt, aber nicht erklärt, warum man den visuellen Fokus auf Judas legt, ohne dessen Rolle zu erklären. In antisemitischen Kreisen werde Judas Iskariot mit dem gesamten jüdischen Volk personifiziert, das für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht wird, konkretisiert die „Jüdische Allgemeine“. Im Hintergrund sehe man zudem eine Fackel, die auf den antisemitischen Brauch des „Judasfeuers“ hinweise, der in Teilen Bayerns bis heute gepflegt werde.

Gestoppt wurde die Verbreitung des Programmhefts letztlich vom Bayerischen Landesministerium für Wissenschaft und Kunst, das die Bildauswahl als „untragbar“ bezeichnete. Auch das PDF ist auf der Website des Museums nicht mehr abrufbar. Minister Markus Blume betonte, dass er von allen staatlichen Einrichtungen eine „klare Haltung und besondere Sensibilität“ erwarte.

Der Freistaat sah sich offensichtlich genötigt, den Eklat einzudämmen. Die Staatsmuseen stehen zurzeit unter Druck. So sehen sich die Münchener Pinakotheken dem Vorwurf ausgesetzt, NS-Raubkunst vor der bedingungslosen Rückgabe zurückzuhalten und Restitutionsverfahren zu verzögern. Und Ende März werden in München 75 Nachfahren von jüdischen Bürgern erwartet, die während der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Geplant war der Besuch von Wohnorten ihrer Vorfahren, von Stolpersteinen und Schulen. Die Gedenkveranstaltung soll im Bayerischen Nationalmuseum stattfinden.

Auch Museumsdirektor Frank Matthias Kammel hat sich über seine Sprecherin mittlerweile entschuldigt und bedauert, „dass sich Menschen angesichts des ursprünglich gewählten Motivs in ihren Gefühlen und Empfindungen verletzt sehen“. Man werde „noch sensibler als bisher“ auf die Auswahl der Covermotive achten. Die Einsicht wird allerdings dadurch verharmlost, dass er laut „SZ“ erklärt, die Judas-Figur würde „nicht physisch verschroben oder nicht mimisch entstellt gezeigt“, es wäre „nicht verunglimpft und in menschenverachtender Weise geschildert“ worden. Das nun aber ist nicht exklusiv eine Frage seiner eigenen Interpretation von Kulturgeschichte. Wenn ausgerechnet Kunsthistoriker die Wirkung von Bildern nicht mehr einschätzen können, dann ist das ein Grund zu Besorgnis.

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