Neulich hat Roman Ehrlich seine Freundin vom Flughafen BER abgeholt. Zu Fuß, vom Wedding aus. Ehrlich erzählt das wie nebenbei, als wir uns an der Bösebrücke, dem ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, treffen, der guten Foto-Hintergründe wegen und weil er im angrenzenden Soldiner Kiez wohnt. Es bläst eisiger Wind, man bedauert fast, den Autor bitten zu müssen, seine Mütze abzunehmen, um seine Langhaarfrisur authentisch ins Bild zu setzen.

Vom Wedding zu Fuß durch die ganze Stadt bis nach Schönefeld in Brandenburg? So etwas mache er öfter, sagt Ehrlich, am besten immer der Nase nach, nicht nach Stadtplan oder Google Maps, so lerne man die Stadt am besten kennen. Als er vorschlug, für unser Gespräch durch den Wedding zu laufen, war mir nicht klar, wie er das meinte. Ehrlich hat seine Tennissachen dabei, später will er zum Training am Volkspark Rehberge, am anderen Ende des Bezirks. Dorthin gehen wir also, querstadtein über Firmengelände, Parkplätze, Schulhöfe, durch Wohnanlagen und Brachen. Es ist ein Roman-Setting.

In „Das kalte Jahr“, Ehrlichs Debüt von 2013, wandert ein junger Mann an der Autobahn entlang durch ein leeres, verschneites Land, bis zu dem Dorf, in dem sein verlassenes Elternhaus steht. In seinem jüngsten Roman „Videotime“ will der Erzähler seinen alleinlebenden Vater besuchen. Aber auf dem Weg zu dem Mehrfamilienhaus, in dem er aufwuchs, schweift er immer wieder ab, läuft in Schleifen durch die Wohnsiedlung am Stadtrand, durch ödes Gelände, das zwar keine Apokalypse erlebt hat, aber genauso tot wirkt wie irgendeine Actionhorrorfilm-Zukunft.

„Coming-of-Age-Geschichte zweiter Ordnung“

„Videotime“ handelt ebenso sehr vom Umherlaufen wie vom Videogucken; der Erzähler erinnert sich an jugendliche Film-Erlebnisse, von der „Unendlichen Geschichte“ über „Natural Born Killers“ bis zu Action-Krachern wie „Universal Soldier“ mit Jean-Claude Van Damme. „Videotime“ sei eine „Coming-of-Age-Geschichte zweiter Ordnung“, sagt Roman Ehrlich, mehr als ums Erwachsenwerden gehe es um allgemeine Fragen: „Kann man eine vergangene Zeit zurückholen oder ist sie dazu verdammt, verloren zu gehen? Etwa wenn eine Familie, in der man aufgewachsen ist, nicht mehr existiert. Ist dann alles, was daraus hervorgegangen ist, dem Verschwinden anheimgegeben? Wird alles vom Nichts verschlungen? Und ist unsere Erinnerung dann etwas Fantastisches, das nur durch unseren Glauben daran erhalten wird?“ Ehrlich formuliert tatsächlich so, im Gehen, komplex, präzise, druckreif.

Wir machen Rast auf einem um diese Uhrzeit verwaisten Kinderspielplatz neben hässlichen Wohnblocks – so ähnlich muss der Spielplatz im Roman aussehen, hinter den Parkplätzen der mythischen Blechbaracke mit dem „Videotime“-Schriftzug, wo der Junge einst heimlich die für ihn noch verbotenen Kassetten auslieh. Obwohl der Familienroman in einer bayerischen Kleinstadt spielt, die seinem Heimatort Neuburg an der Donau ähnelt, wird darin nichts Selbsterlebtes heraufbeschworen. Ehrlichs Vorgehensweise ist eine grundsätzlich andere: „Am Anfang steht nicht etwa ein autobiografischer Erinnerungskern, ein Plot oder eine Figur, sondern eine abstrakte Frage, die ich nicht beantworten kann. Im Schreibprozess wird das Abstraktionsniveau immer weiter abgebaut, um bei etwas sehr Konkretem anzukommen.“

Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler hat den Roman ein „Erkenntnisinstrument“ genannt; Ehrlich spricht von einer „Selbstplausibilisierungsbewegung“: „Ich versuche, Thesen aus nicht fiktionalen Werken – etwa aus Klaus Theweleits ‚Männerfantasien‘ – verständlich und plastisch zu machen, indem ich sie in Fiktion übersetze.“ In „Videotime“ gibt es den älteren Bruder, der vom Vater auf unbarmherzige Weise zum Tennis-Crack gedrillt werden soll. So wirken autoritäre, an Leistung und Erfolg orientierte Erziehungsmodelle weiter – Ideale, die ihrerseits in Blockbustern wie „Universal Soldier“ reproduziert wurden.

Familienerinnerungen und Filmfiktionen kommentieren und durchdringen sich. „Ich habe mich gefragt, von welchen Erzählungen ich eigentlich geprägt wurde. Bei mir waren es die der Videos aus der Videothek, vor allem dieser nicht sehr hochwertigen Actionfilme. Ich wollte wissen, was das für Narrative waren, die mir von klein auf eingegeben wurden. Was wird da noch miterzählt? Wie kann ich mir von den Filmen beim Erzählen helfen lassen?“ In diesen frühen Seherfahrungen, nicht im Plot, liegt das Autobiografische des Buchs.

Ehrlichs Ideal als Autor ist, ganz hinter dem Werk zu verschwinden und zurückzutreten, was im Literaturbetrieb natürlich kaum möglich ist, heute weniger denn je. Die Zeiten von Schriftsteller-Phantomen wie Salinger oder Pynchon sind lange vorbei. Einem Instagram-Account verweigert Ehrlich sich; seine „Biografie-Attrappe“ im Buch geht so: „Geboren und aufgewachsen, studiert, erhielt Preise und Stipendien, lebt und arbeitet (Stand 2024)“. Wenn auf Büchern anderer ein Autorenbild sei, sagt er, mache er immer den Schutzumschlag ab. „Mich stört, wenn ich lese und ein Gesicht hinten im Buch habe.“

Schreiben mit „Rentner-Routine“

Es ist untertrieben, Ehrlich einen Gewohnheitsmenschen zu nennen. Täglich steht er um sechs auf, um ein paar Stunden zu schreiben. Am späteren Vormittag geht es auf Stadtwanderung. „Für die Erhöhung der Produktivität beim Schreiben bedarf es fast schon einer Art Rentner-Routine. Aber man kann ja nicht nur dasitzen und schreiben und spazieren gehen. Am Ende kommen dann nur noch Bücher übers Spazierengehen heraus.“ Wir schleichen uns derweil an einem Möbelhaus entlang, vorbei an Lieferanteneingängen von Supermärkten mit Migrationshintergrund.

Zu den notwendigen Abwechslungen gehören Reisen, aber auch die Tätigkeit am Leipziger Literaturinstitut, wo Ehrlich eine Prosawerkstatt leitet. Und eben das Tennisspielen, woran – anders geht’s hier nicht – ebenfalls ein literarischer Verweis schuld ist, David Foster Wallace’ Großroman „Unendlicher Spaß“ nämlich: Bei der Lektüre habe er sich an das Tennisschauen seiner Kindheit mit Boris Becker und Steffi Graf erinnert. Heute trainiert er zwei-, dreimal die Woche und nimmt am Wochenende an Wettkämpfen teil: „Dieser Aspekt der körperlichen Verausgabung ist mir sehr teuer. Wenn dieses Bewegungselement verhindert ist, diese Erschöpfung, dieses kurzzeitige Loswerden des Denkens, dann klappt es mit dem täglichen Schreiben auch nicht.“

Als junger Mann hat Ehrlich, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt, eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker abgebrochen – eine Episode, die in grotesker Verzerrung in seinen Büchern wieder auftaucht. Dann half ihm die Literatur, der Provinz zu entkommen. „Ich kann mir mein Leben nicht vorstellen als eines, aus dem das Schreiben wieder subtrahiert ist. Aber ich habe auch eine Scheu, alle meine Entscheidungen darauf auszurichten. Die große, über allen schreibenden Menschen dramatisch dräuende Frage ist, wie lange das noch gut gehen wird. Wie lange wird dieser immer rauer werdende Kulturbetrieb uns alle noch ernähren?“

Sein Kulturpessimismus sei allerdings „stimmungsabhängig“: „An schlechten Tagen denke ich, dass die Welt sich der Banalität zuwendet und alles auf der Strecke bleibt, was Ambiguitätstoleranz erfordert, was vieldeutig und seltsam ist, was vielleicht auch Unbehagen erzeugt. Und dann nehme ich aber auch das Bedürfnis nach dieser Literatur wahr, gerade als Kontrast.“

Ehrlichs Schreiben ist alles andere als leichte Kost, was auch an seiner großen Lust liegt, das Unheimliche, Schockierende, Furchterregende der fiktionalen wie der realen Welt in verstörenden Details auszubuchstabieren. In „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ (2017) lässt ein experimenteller Horrorfilm-Regisseur sein Team wie in einer perversen Gruppentherapie die tiefsten inneren Ängste erkunden.

Auch in „Videotime“ kontaminieren die Gewaltszenen auf dem Fernsehbildschirm die Weltwahrnehmung des Zuschauers – und die des Lesers. „Die Romane sind Einladungen, sich selbst lesend mit ins Spiel zu bringen“, sagt Ehrlich. Das klingt erst mal banal, ist aber äußerst ambitioniert. Ohne Eigenleistung geht es nicht. Was es bei ihm nicht gebe, sei dieser „Bescheidwissermodus“, den er selbst bei anderen Büchern „verachte“.

Inzwischen haben wir den Schillerpark erreicht, vor Kälte sind die Münder steif geworden, die immer noch geschliffenen Sätze werden unverständlicher. Bis nach Rehberge werden wir es nicht mehr schaffen. Seestraße/Ecke Müllerstraße, gegenüber vom „Cineplex Alhambra“, kehren wir, mehr zum Aufwärmen als zum Mittagessen, in ein türkisches Restaurant ein. Eine gute Grundlage, um noch auf das Politische am Schreiben zu kommen. So bedacht und ruhig Ehrlich spricht, so hart und unversöhnlich ist seine Haltung gegenüber den Zumutungen der Gesellschaft. Der Schreibimpuls sei, „soziale Verhältnisse in ihrer Nichtfestigkeit darzustellen“. Seine Grundfrage jene von Camus: „Wie soll man denn in dieser absurden Welt überhaupt leben?“

Eine seiner Antworten darauf ist, das Nachdenken und Wortemachen eine Weile auszusetzen und nur zu schauen: „Die Dinge sind da, und im richtigen Mindset ist in allen die Schönheit zu entdecken.“ Wer spaziert, braucht nicht zu reden, zu formulieren, zu theoretisieren, es sei denn, er führt oder gibt gerade ein Interview. Ich nehme die Tram nach Hause, Roman Ehrlich geht den restlichen Weg bis zum Tennisplatz, wie üblich, allein.

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