Du hast überlebt“, sagt die Frau, die vielleicht klüger ist als alle um sie herum, „das ist dein Glück, nicht deine Schuld.“ Und dann sagt sie noch etwas, das einem, wenn man weiß, zu wem sie es sagt und was er vielleicht heute – gut fünfzig Jahre später – tun müsste, durch Mark und Bein geht: „Du musst dich nicht verstecken.“
Traudl heißt die Frau. Traudl Rosenthal. Sie ist so blond und blauäugig, wie sie klug ist. Und als sie, Silke Bodenbender macht das mit einer herrlichen Doppelbödigkeit, das sagt in „Rosenthal“, dem Biopic des ZDF zum 100. Geburtstag des möglicherweise legendärsten seiner Showmaster („Dalli Dalli“), ist sie seit gut dreißig Jahren mit Hans Rosenthal zusammen. Wir schreiben das Jahr 1978. Auch so eine Art Zeitenwende. Am 9. November nämlich – 33 Jahre nach Kriegsende und vierzig Jahre nach den Pogromen, die als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingingen – wird es zum ersten Mal eine öffentliche Gedenkfeier geben.
In der Kölner Synagoge. Und ein deutscher Bundeskanzler – Helmut Schmidt – wird sprechen. Juden werden wieder sichtbar in der deutschen Gesellschaft. Und Rosenthal, der wahrscheinlich Sichtbarste aller unsichtbaren deutschen Juden, gerät in eine Zwickmühle.
„Rosenthal“ ist, was Biopics im besten Fall sind, nicht nur die Geschichte eines Menschen allein. „Rosenthal“ ist ein Gesellschaftsporträt, Ausschnittvergrößerung, Momentaufnahme eines Landes im Umbruch.
Hans Rosenthal wurde 1930 in Berlin geboren. Seine Eltern verlor er früh. Der Vater starb, da war er sieben, die Mutter, da war er elf. Sein Bruder Gert war zehn Jahre jünger als er. Sie kamen in ein jüdisches Waisenhaus. Während Hans, das sieht man in einer der dramaturgisch geschickt eingebauten Rückblenden, bei der Musterung ist und erfährt, dass er ab jetzt Hans „Israel“ Rosenthal heißen muss und „wehrunwürdig“ ist, wird Gert verschleppt (und von der SS später in Riga erschossen).
Hans überlebt in der Laube der Ida Jauch, einer Freundin seiner Mutter. Als Ida 1944 stirbt, kümmern sich zwei andere Frauen. Immer wenn bei Fliegerangriffen der Alliierten Sirenen die Deutschen in die Luftschutzbunker rufen, kann er raus. Sirenenklänge, an die jeder sich erinnert, der in den Siebzigern jeden Donnerstag Rosenthals „Dalli Dalli“ erlebt hat, werden Symbole der Freiheit.
Ein Fest für Küchenpsychologen
Rosenthal – geboren in Prenzlauer Berg – geht zum Radio. Zum sowjetischen Sender in Berlin zuerst. Dann der Freiheit wegen in den Westen. Hans Rosenthal wird Legende beim RIAS, später dessen Unterhaltungschef. Am 13. Mai 1971 geht es los mit „Dalli Dalli“.
Küchenpsychologen wäre die Spielshow vermutlich immer noch ein Fest. Ein jüdischer Moderator, der im prinzipiell langsamen deutschen Fernsehen der Siebziger Deutsche gegen die Uhr anspielen lässt. Ein Überlebender des Holocaust, der Prominente aus dem Volk der Täter (ein paar der Kandidaten von „Dalli Dalli“ waren offensichtliche Mitläufer der Nazis) dazu bringt, unter Zeitdruck völlig absurde Sachen zu tun.
Das ist ein für heutige Verhältnisse völlig irrer Erfolg. Im Durchschnitt zwanzig Millionen Bundesbürger (die Dunkelziffer der DDR-Zuschauer geht wohl auch in die Millionen) schaut zu. „Dalli Dalli“ erreicht locker fünfzig Prozent Marktanteil.
Und dann sind wir, damit geht „Rosenthal“ los, bei den Vorbereitungen für die Jubiläumssendung. Das Sendejahr 1978 wird geplant auf dem Mainzer Lerchenberg. Die 75. Version von „Dalli Dalli“ steht an. Live-Aufzeichnung in München. Am 9. November. Rosenthal – den Florian Lukas, der eigentlich keinerlei Ähnlichkeit hat mit Hans Rosenthal, so intensiv spielt, dass einem das gar nicht auffällt – versucht irgendwie aus der Klemme zu kommen.
Seinen Status zu behalten. Ein Jude zu bleiben, von dem keiner weiß, dass er Jude ist, obwohl alle wissen können, dass er Jude ist. Die Deutschen glücklich zu machen, fröhlich, menschlich. Rosenthal will die Verschiebung des Termins. Das ZDF lehnt ab. In der ZDF-Dokumentation zum Rosenthal-Biopic wird der damalige Unterhaltungschef und spätere Intendant Dieter Stolte mit einer geradezu abenteuerlichen Begründung zitiert.
Auf Rosenthal wird ein „Wachhund“ angesetzt („Rosenthal“ steckt übrigens voller solcher Spitzen gegen den damals latenten Zeitgeist). Er beugt sich dem Diktat. Wehrt sich aber, wo er kann. Wimpel werden ab- und eine Art Friedhofsdeko aufgehängt.
Statt Volksliedern werden Opernarien gesungen. Statt eines gruselig-karierten Peter-Frankenfeld-Lookalike-Anzugs trägt Florian Lukas Schwarz und kündigt an, nicht zu hüpfen, wie Rosenthal es – sein Sprung nach der Frage ans Publikum: „Sie sind der Meinung: Das war Spitze?“ ist Markenzeichen von „Dalli Dalli“ – sonst tut, wenn ein Team sozusagen seinen Spielplan überfüllt hat.
„Rosenthal“ ist übrigens getragen von einer geradezu erstaunlichen Fähigkeit zur Selbstironie. Die Nonchalance, mit der sich das ZDF vom Drehbuchautor Gernot Krää und vom Regisseur Oliver Haffner ins Knie schießen lässt, hätte man den Mainzern niemals zugetraut. Einer der roten Fäden dieser beinahe perfiden Geschichte ist die (fiktive) des Dr. Hummel. Der ist die Quersumme aller realexistierenden Unterhaltungschefs. Hans-Jochen Wagner spielt ihn in aller Schmierigkeit.
Dr. Hummel versucht, sich von seiner mit Katharina Marie Schubert eigentlich überbesetzten und hochtoupierten Sekretärin Helga immer wieder verleugnen zu lassen. Mal ist er auf Elba, mal ist er essen, mal hat er irgendwelche Termine. Und ist er mal da, redet er, bis es nicht mehr geht, dieses Dings, dieses Ereignis, diesen Pogrom beim Cognac klein, an den zu erinnern, es am 9. November vor allem gilt.
Das ZDF, sagt Hummel, sei halt keine Volkshochschule. Die Leute, sagt Hummel, wollen „Spaß haben, wollen nach vorne schauen, nicht immer zurück“. Das kommt jedem, der damals bei der Geschichtsverleugnung dabei war und jetzt irgendwelche Debatten verfolgt, leider fast fünfzig Jahre später immer noch furchterregend aktuell vor.
„Zwei Leben“ in Deutschland
„Rosenthal“ erinnert überhaupt jeden, der es sieht und nicht nur jeden, der noch weiß, wie es war, daran, wie weit die deutsche Gesellschaft bis heute gekommen ist. Und was auf dem Spiel steht. Rosenthals Bungalow in Berlin, der ganze Film ist halt nicht nur der Tapeten, der Möbel, der furchterregenden Krawatten wegen eine Zeitkapsel.
Ein gar nicht ferner Spiegel des Gesellschaftsdiskurses und der Geschlechterverhältnisse, eine Warnung an alle, die meinen, die damals gängige, machistische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hätte Menschen früher glücklich gemacht.
Am Ende weiß Hans Rosenthal, dass er nicht mehr schweigen darf. Dass er sich und sein Judentum und seine Geschichte öffentlich machen muss. Damit das Verleugnen, das Verschweigen, die traditionelle deutsche Erinnerungskultur nicht dazu führt, dass wieder geschieht, was geschehen ist. Rosenthal schreibt seine Autobiographie. „Zwei Leben“ heißt sie. Es ist immer noch ein Bestseller. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte sie unbedingt lesen.
Es gibt einen einzigen Moment in „Rosenthal“, da wünscht man sich zurück ans Ende der Siebziger. Eben hat Hans seinem Bruder im Waisenhaus noch einen zusammengeflickten Lederball geschenkt und wusste nicht, dass er dabei Gert zum letzten Mal begegnete, bevor er weggebracht und ermordet wurde von den Deutschen. Dann sieht man ihn im Hof des Jüdischen Gemeindezentrums zu Berlin. Er spielt Fußball mit den Jungs da. Und es ist kein einziger Polizist zu sehen. Das erschreckt einen total. Das wäre heute völlig unmöglich. Das fährt einem durch Mark und Bein. Juden müssen sich heute wieder verstecken.
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