Die „Sachbücher des Monats“ sind eine unabhängige Empfehlungsliste. In Kooperation mit „Die Literarische Welt“, RBB Kultur, Radio Österreich 1 und „NZZ“ kürt eine Jury jeden Monat zehn lesenswerte Titel aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im April lohnen sich:

1. Dieter Thomä:

Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe. Suhrkamp, 399 Seiten, 28 Euro*

Postindustriell, postheroisch, postmodern: Mittlerweile ist auch der Wissenschaft aufgefallen, wie notorisch sie mit einer Vorsilbe hantiert. Der Philosoph Dieter Thomä singt jetzt ein kluges Lied auf ihr Ende.

2. Herfried Münkler:

Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Rowohlt Berlin, 431 Seiten, 30 Euro*

Der Politikwissenschaftler wurde mit seinen Analysen selten mehr gebraucht als jetzt. Wer Geopolitik nur als Strategiespiel für akademische Seminare abtat, wird hier eines Besseren belehrt. Lesen Sie hier mehr zum Buch.

3. Thomas Piketty / Michael J. Sandel:

Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert. Übersetzt von Stefan Lorenzer, C. H. Beck, 158 Seiten, 20 Euro*

Der Wirtschaftshistoriker und der Philosoph plädieren für eine Erneuerung des sozialdemokratischen Projekts. Statt um Identitätsfragen sollten sich linke Parteien um konkrete Probleme kümmern.

4. Olivier Mannoni:

Hitler übersetzen. Übersetzt von Nicola Denis. HarperCollins, 141 Seiten, 22 Euro*

Zehn Jahre lang übersetzte Olivier Mannoni Hitlers „Mein Kampf“ für eine kritisch-wissenschaftliche Edition ins Französische. Sein Bericht über diese Erfahrung ist ein Essay über die Pflicht zur Aufklärung und den Sumpf, den man dafür manchmal durchwaten muss.

5. Thomas Mann:

Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland. Neuausgabe mit Vor- und Nachwort von Mely Kiyak. S. Fischer, 272 Seiten, 24 Euro*

Dieser Band mit den gesammelten Radioansprachen des Schriftstellers zeigt sein Engagement während der Exilzeit ganz konkret. Als Buch eine ideale Ergänzung zu Kai Sinas Buch über den politischen Thomas Mann.

6. Elisabeth Bronfen:

Shakespeare und seine seriellen Motive. S. Fischer, 398 Seiten, 29 Euro*

Wie viel Netflix steckt in seinen Stücken? Ein erhellendes Buch mit der These , dass erst das klassisch ist, was x-fach durchgespielt werden kann.

7. Thomas Wagner:

Abenteuer der Moderne. Die großen Jahre der Soziologie 1949 – 1969. Klett-Cotta, 330 Seiten, 28 Euro*

Dieses Panorama der Nachkriegssoziologe rund um Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen zeigt, wie sich die Wissenschaft aus Exilanten und Belasteten nach 1945 neu formieren musste. Lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung des Buches.

8. Anna Lowenhaupt Tsing:

Friktionen. Eine Ethnografie globaler Verflechtungen. Übersetzt von Dirk Höfer. Matthes & Seitz, 479 Seiten, 38 Euro*

Was man im indonesischen Regenwald auf Borneo über die unheimlichen Allianzen der Umweltzerstörung lernen kann, das beschreibt die Anthropologin in ihrem Buch.

9. Alain Finkielkraut:

Revisionismus von links. Überlegungen zur Frage des Genozids. Übersetzt von Christoph Hesse. ça-ira-Verlag, 204 Seiten, 26 Euro*

Schon 1982 hat der französische Denker Alain Finkielkraut der Erinnerung an die Schoah eine „Zukunft der Negation“ durch Feinde der Juden vorausgesagt. Seit dem 7. Oktober 2023 scheint sein Szenario plötzlich unheimliche Realität. Lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung des Buches.

10. Racha Kirakosian:

Berauscht der Sinne beraubt. Eine Geschichte der Ekstase. Propyläen, 395 Seiten, 28 Euro*

Die Mediävistin Racha Kirakosian hat eine Kulturgeschichte der Ekstase verfasst. Ein Buch über die rauschhafte Wirkung der Politik, die mittelalterliche Mystik und die Frage, wie viel davon eigentlich in der evangelischen Kirche fortlebt. Lesen Sie hier ein Interview mit der Autorin.

Die Extra-Empfehlung

Neben den zehn Tipps der Jury kommt jeden Monat eine zusätzliche Empfehlung von einem Gast. Diesmal von Michael Krüger (Schriftsteller, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste). Er empfiehlt:

Gilles Deleuze: Über die Malerei. Vorlesungen März bis Juni 1981. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Suhrkamp, 432 Seiten, 38 Euro*

„Ich weiß nicht, ob die Kunsthistoriker über die Vorlesungen begeistert sind, die der französische Philosoph Gilles Deleuze 1981 in Vincennes ‚Über die Malerei‘ gehalten hat, aber wer sich über den ‚optischen Raum‘, das ‚dritte Auge‘, über ‚Modulation‘ und ‚Analogie‘ oder über das Keim-Chaos unterrichten will – an Beispielen aus der ganzen Kunstgeschichte und besonders der deutschen Kunstwissenschaft, der lese dieses merkwürdige Buch; er wird auf jeder dieser wilden Seiten ein paar Entdeckungen machen. Und zwar ausgehend von der Frage, was der Künstler alles wegräumen muss, um überhaupt mit der Arbeit anfangen zu können.“ (Michael Krüger)

Die Jury der Sachbücher des Monats

Tobias Becker, „Spiegel“; Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Publizist, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Uni Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Otto Kallscheuer, Sassari (Italien); Petra Kammann, „Feuilleton Frankfurt“; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Wilhelm Krull, The New Institute, Hamburg; Marianna Lieder, freie Kritikerin, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, SWR Wissen; Gerlinde Pölsler, „Falter“; Marc Reichwein, WELT; Thomas Ribi, „NZZ“; Wolfgang Ritschl, ORF; Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Florian Rötzer, „Krass & Konkret“; Norbert Seitz, Berlin; Anne-Catherine Simon, „Die Presse“, Wien; Prof. Philipp Theisohn, Uni Zürich; Andreas Wang, Berlin; Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Schweiz.

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