Man muss sich fragen, was eigentlich schlimmer ist: Selbst wegen Mordverdacht festgenommen zu werden – oder der Verhaftung des eigenen Kindes zuzusehen. Wenn die Tür im Morgengrauen von einem Spezialkommando der Polizei eingetreten wird, Mutter, Vater und Schwester sich auf den Boden legen müssen und der 13-jährige Sohn im Schlafanzug aus dem Bett geholt wird. Seine Hose muss er wechseln, bevor es aufs Polizeirevier geht. So beginnt die neue Miniserie „Adolescence“ auf Netflix, die schon in 79 Ländern auf Platz eins der Charts ist.

Der Anfang ist schwer mitanzusehen, was auch daran liegt, dass Regisseur Philip Barantini jede der vier Episoden in einem einzigen Take ohne Schnitt gedreht hat. Vielleicht um die Atemlosigkeit der Situation zu betonen. Das mag hohe Filmkunst sein und mancher als besonders intensive Erfahrung empfinden, einige Szenen jedoch werden so auch unnötig in die Länge gezogen. Dennoch ist dem Regisseur ein außergewöhnlicher Krimi gelungen. Noch nie wurden alle Ängste, die Eltern angesichts der sozialen Medien um ihre Kinder haben können, so eindringlich in einem Worst-Case-Szenario durchexerziert.

Ein Mädchen ist mit sieben Messerstichen ermordet worden. Doch wer die Tat begangen hat, steht in „Adolescene“ nicht im Vordergrund. Schon zu Beginn der ersten Folge ist eigentlich klar: Jamie – der Junge, den man eben noch bemitleidet hat, der aus seiner Familie gerissen wurde, der sich in die Hose gemacht und nach seinem Vater geschrien hat, der verlassen und vor Angst zitternd in einer grauen Zelle sitzt – ist schuldig. Und dank Kameraüberwachung auch leicht überführt. (Dass seine Schuld im Laufe der Serie immer wieder angezweifelt und selbst im Nachklapp noch in Zeitungsartikeln diskutiert wird, ist Verdienst des Regisseurs und Phänomen unserer Zeit: Der Fake-News-Verdacht hat sich in unser Denken eingeschlichen.)

Herz oder Hass

„Adolescence“ erzählt vom Horror der Pubertät in der heutigen Zeit, in der Lästereien und Bewertungen aus der Schule hinaus in den digitalen Raum bis ins Kinderzimmer greifen. In der ein Instagram-Profil zur digitalen Beliebtheitsshow wird: Herz oder Hass. Hinzu kommt die absolute Ahnungslosigkeit der Erwachsenen: Die Herz-oder-Hass-Welt, in der ihre Kinder leben, ist ihnen größtenteils unbekannt. Sie wollen sie vor Gefahren schützen, für die sie keine Augen haben.

Eine Folge von „Adolescence“ spielt an der Schule des Opfers, die auch der Sohn des leitenden Ermittlers besucht. Hier zeigt sich nicht nur, dass der Sohn in der Schule gemobbt wird, ohne zu Hause davon zu erzählen, sondern auch, dass der Vater modernes Mobbing überhaupt nicht mehr versteht. In einer Szene zieht der Junge seinen Vater zur Seite und zeigt ihm einen Instagrampost des Opfers. „Nett, oder?“ Nein, wohl nicht. Was für die Ermittler wie eine freundliche Nachricht wirkt, ist für die Jugendlichen über Emojis codiertes Mobbing. Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen mündet in eine Katastrophe. Die Frage von Jamies Eltern drückt ihre ganze Hilflosigkeit aus: „Hätten wir es sehen müssen?“ Hätten sie es sehen können?

„Andrew-Tate-Shite“

Ebenso wenig ist den Ermittlern klar, was es bedeutet 13-Jährige als Incels, also Involuntary Celibates, zu beleidigen – gemeint sind eigentlich Hetero-Männer, die keine Sexualpartnerin finden. „Sind das nicht alle 13-Jährigen?“, fragt der befremdete Inspektor. Doch Sex ist für Schüler heute noch viel gegenwärtiger als er es vor zehn oder zwanzig Jahren war: Der Pornokonsum unter Jugendlichen ist in den letzten Jahren auch in Deutschland gestiegen. Eine Studie aus dem Jahr 2024 sieht bereits einen Anstieg bei den Elf- bis 13-Jährigen: In dieser Gruppe habe jedes vierte Kind schon mal einen Porno gesehen. Geteilt werden diese Filme in Chatgruppen oder über Internetseiten, von denen die Eltern nichts wissen. Der vielleicht erste Eindruck von Sexualität und welche Rolle man darin einzunehmen hat, wird völlig verzerrt.

In diese Gemengelage treten dann Influencer aus der Manosphere wie Andrew Tate, als „Andrew-Tate-Shite“ auch in der Serie erwähnt, die verbreiten, dass ein echter Mann hart zu sein habe. Die eigene Maskulinität zwischen der Debatte um toxische Männlichkeit und dem Zerrbild verweichlichter Beta-Males austarieren zu müssen, hat Pubertät für Jungen nur noch komplizierter gemacht.

Regisseur Barantini stellt diese Probleme als Teil einer Lebenswirklichkeit dar, ohne sie in der Serie selbst zur kulturpolitischen Debatte aufzubauschen. Vielmehr geht es um die Psyche des Jungen und die Auswirkungen auf die Eltern, deren Leben ebenso wie das des Sohnes zerrissen wird. „Wie haben wir ihn gemacht?“, fragen sie am Ende verzweifelt. „Er kommt doch von uns“.

Der Erfolg dieser Serie verdankt sich vielleicht einer Art Rabbit-Hole-Effekt: Der Mensch will das Worst-Case-Szenario kennen, um sich vorbereiten zu können. Für Eltern wäre „Adolescence“ dann eine Konfrontationstherapie – denn schlimmer, doomiger als in diesen vier Folgen kann es kaum kommen: Die Schüler scheinen allesamt außer Kontrolle, die Lehrer versagen als Respekts- oder Vertrauenspersonen, und der Täter kommt aus einer liebevollen Familie, die ihn doch eigentlich behütet. Die Widersprüchlichkeit des Menschen zeigt sich darin, dass die Zuschauer nach vier Folgen trotz allem über das Ende rätseln: Wir haben es unmittelbar vor Augen – und wollen es nicht sehen.

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