Ray Barra war ein besonders netter Mensch. Kann man nett sein, wenn man doch Choreograf und Ballettmeister ist? Muss dann nicht Druck und Drang, Zug und Zwang herrschen, so wie das dem in jüngerer Zeit immer wieder unter Moralbeschuss geratenem Ballett gern vorgeworfen wird?

Barra wusste, dass man Künstler nicht brechen muss, um Höchstleistungen zu bekommen, dass solches auch mit Zugewandtheit und guten, vor allem richtigen Worten möglich ist. Denn Ray Barra, der später Teil des „Stuttgarter Ballettwunders“ wurde, war selbst Künstler, Tänzer, ein ganz herausragender.

Geboren als Raymond Martin Barallobre Ramirez am 3. Januar 1930 in San Francisco wuchs er in einer spanischen Familie auf. Tanz war ihm natürlichster Ausdruck und so besuchte der Junge die School of Ballet in San Francisco und die American Ballet Theatre School in New York.

Schon als 19-Jähriger wurde der für seine Sprungkraft und gewinnende Bühnenpersönlichkeit bekannte Tänzer Mitglied des San Francisco Opera Balletts. Von 1953 bis 1959 war er beim American Ballet Theatre in New York als Solist engagiert. Ab 1959 war er Solotänzer des Stuttgarter Balletts, wo er die klassischen Rollen interpretierte.

1961 kam dann ein unbekannter Choreograf aus Südafrika nach Schwaben – John Cranko. Und dieser geniale Menschenfänger erkannte sofort das Potenzial von Ray Barra, mischte es mit den Talenten und Temperamenten seiner neuengagierten Solisten, der Chilenin Marcia Haydée, dem Dänen Egon Madsen und der sudetendeutschen Ballerina Birgit Keil. 1962 kam noch der amerikanische Stepptänzer Richard Cragun hinzu, der besser aussah, größer war, prinzlicher wirkte als Ray Barra.

Trotzdem: Ray Barra war – zwei Hispanos auf der schwäbischen Tanzbühne – 1962 Crankos Romeo und 1965 sein Onegin, „star crosssed lover“ aus Verona und eitler russischer Dandy. Es sollten zwei der bedeutenden männlichen Tanzrollen des 20. Jahrhunderts werden.

Hinzu kamen in diesen arbeitsreichen Aufbaujahren der Prinz in Crankos „Feuervogel“ wie „Schwanensee“ und Hauptrollen in zwei bedeutenden Kreationen des von Cranko nach Stuttgart eingeladenen Freundes Kenneth MacMillan: Pepe in „Las Hermanas“ (1963), seiner Fassung von „Bernarda Albas Haus“ sowie in der Gustav-Mahler-Adaption „Das Lied von der Erde“ (1995); bis heute gern von den berühmtesten Ballerinos getanzte Klassiker.

Doch schon 1966 war alles vorbei. Bei einem Probenunfall riss sich Ray Barra, der vor allem auch als Partner von allen großen Ballerinen seiner Zeit geliebt wurde, die rechte Archillessehne, mit 36 Jahren – es passierte genau an seinem Geburtstag – musste er die Ballettschuhe an den symbolischen Nagel hängen.

Doch der Ballettwelt sagte er lange noch nicht Bye-Bye, er hat viele pädagogische, wie später auch choreographische Fähigkeiten. Und so wurde er zunächst Ballettmeister an der Deutschen Oper Berlin, wo MacMillan wirkte, ab 1970 beim Ballett der Frankfurter Oper, von wo er 1973 mit dem ebenfalls dem Stuttgarter Kreativort entstammenden John Neumeier nach Hamburg wechselte und dort eine weitere, heute weltberühmte Truppe mit aufbaute.

Und immer wieder Berlin

Ende der Achtziger war Barra stellvertretender Direktor und Gastchoreograf des Ballet Nacional de España Clásico in Madrid. Von 1994 bis 1996 war er nach dem Abgang von Peter Schaufuss Ballettdirektor an der Deutschen Oper Berlin.

Ray Barra, immer fröhlich und positiv, einer der ersten der aus seinem Zusammenleben mit einem Mann kein großes Ding machte, war international als Gastballettmeister gefragt, und er choreografierte eigene Stücke, für die er weltweit eingeladen wurde. Aber als besonders langlebig erwiesen sich seine sorgfältigen, aber eben auch zeitgenössisch bühnenwirksamen Klassikeradaptionen. Für das Bayerische Staatsballett inszenierte er „Don Quijote“ (1991), „Schwanensee“ (1995) und „Raymonda“ (2001), alle werden bis heute gespielt.

„A life in ballet“, hieß 2020 ein Buch, das ihm zu seinem 90. Geburtstag gewidmet wurde. Und natürlich war Ray Barra, der längst im sonnigen Marbella den Unruhestand genoss, auch auf der Stuttgarter Bühne als dort 2012 der 50. „Romeo und Julia“-Geburtstag gefeiert wurde: Marcia Haydée war jetzt die Amme, Egon Madsen Pater Lorenzo, Birgit Keil Lady Capulet – und als großer Alter winkte Ray Barra aus seiner herzoglichen Sänfte.

Er war ein freundlicher Doyen des Ensembles, Urgestein neben der noch zwei Jahre älteren Georgette Tsinguridis, die damals ebenfalls noch als Straßenmädchen auftrat. Jetzt ist Ray Barra, der den Mann im Tanz mit neu definiert hat, gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.

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