Eine in ihrer Ehe unerfüllte Frau, die sich in der Wolga ertränkt. Eine Frau, deren uneheliches Kind von der Ziehmutter umgebracht wird, auf dass sie ein besseres Leben habe. Eine Frau, die eine Formel für das ewige Leben hat, dem aber nichts mehr abgewinnen kann. Eine Füchsin, die sich paart und stirbt, während sich im Wald der Kreislauf des Lebens weiterdreht. Ein nörgeliger Prager Hausbesitzer, der im Sufftraum Abenteuer auf dem Mond und im Mittelalter erlebt. Russische Gefangene in einem sibirischen Straflager, deren Leiden nie enden wird, auch wenn einzelne freikommen.
Das ist der Inhalt von sechs der neun Opern Leoš Janáčeks, die heute – mehr oder weniger – zum akzeptierten Repertoire gehören, mit regelmäßigen Premieren an großen wie kleinen Häusern weltweit. Der tschechische Komponist, geboren 1854, gestorben 1928, der die meiste Zeit seines Lebens in Brünn verbrachte, ist in jeder Hinsicht ein Spätzünder, aber ein besonders hartnäckiger.
Er war fast 50 Jahre alt, als er – 1894 war der kurze Einakter „Anfang eines Romans“ vorausgegangen – 1903 mit der Uraufführung seiner Dorfoper „Jenufa“ berühmt wurde. Und obwohl seine Opern meist in Prag oder Russland spielen, wurde durch ihn der Klang Mährens Weltmusik. Sofort erkennbar an einer kleinteiligen, der Wortmelodie als „das Fenster zur Seele“ folgenden Struktur, harten Brüchen, den wehmütigen Holzbläsern, den insistierenden Streichern.
Es ist eine intensive Musik über intensiv erlebte Schicksale, gedrängt kurz, oft atemlos und doch erfüllt, kontrastiv, idyllisch und skurril, deskriptiv und abstrakt. Einfach sehr Leoš Janáček. Es hat freilich Jahrzehnte gedauert, bis sich seine Opern, allen voran die drei, die ein Frauenschicksal in den Mittelpunkt stellen, durchgesetzt haben.
Natürlich haben die großen tschechischen Dirigenten sie immer und bis heute hochgehalten. Doch dann kam Sir Charles Mackerras, der via England die Botschaft dieser Opern für längst klassische CD-Aufnahmen auch den Wiener Philharmonikern implantierte, der wichtige Sängerinnen zu Janáček-Fans machte und jüngere Dirigenten wie Simon Rattle anfixte.
Er war ein Menschenschilderer
Leoš Janáček aufzuführen, ist schwer (schon wegen der Sprachbarriere), aber unbedingt lohnend. Und auch wenn das Publikum mitunter immer noch Angst hat vor einem „Neutöner“ des 20. Jahrhunderts: Es gibt keine Janáček-Aufführung, von der Zuhörer nicht gepackt und begeistert werden. Von Janáčeks ganz eigener Art der Menschen- wie Milieuschilderung.
Leoš Janáček gibt Tieren und Untoten, mürrischen Kleinbürgern und monströsen Schwiegermüttern stimmige Vokalgesten. Er zeichnet plastisch Wälder und Wirtshäuser, er ist emphatisch, aber er wird nie sentimental.
In den „Ausflügen des Herrn Brouček“ ist er eher sarkastisch distanziert. Dieses Werk aus der Mitte seines Werkkorpus, uraufgeführt 1920, kam jetzt, dirigiert von Simon Rattle, an der Berliner Lindenoper heraus. Für den Janáček-Fan Robert Carsen ist es schon die sechste Inszenierung einer der Opern des großen Mähren; die Premiere war im vergangenen November beim Janáček-Festival in Brünn.
Diese spröde Farce kommt schon sehr, sehr tschechisch daher. Sie handelt von einem kleingeistigen Hausbesitzer in Prags Stadtteil Kleinseite, eine Prager Mythologie wie Jaroslav Hašeks braver Soldat Schwejk. Janáček fand seine Vorlage in zwei der beliebten „Brouček“-Novellen von Svatopluk Čech (1846 bis 1908), dessen satirischen Witz er durch seine sardonische Musik im Tanzrhythmus und durch die Verwendung ungewöhnlicher Instrumente wie Glasharmonika oder Dudelsack perfekt umsetzte.
Zweimal träumt sich der von Peter Hoare schlüssig verkörperte Unsympath in der „Pfarrhaus“-Kneipe beim Bier in ferne Zeiten und Orte. Der erste Akt – der Ausflug auf den Mond – zielt mit spitzer Ironie auf Prager Kritiker, Künstler und Intellektuelle. Der zweite Teil, der in die Zeit der Hussitenglaubenskriege des 15. Jahrhunderts führt, stellt unschöne Eigenschaften des tschechischen Volkes wie Lüge, Feigheit, Prahlerei aus.
Carsen wiederum potenziert im grau-beigen Einheitsraum, der eine Sixties-Kneipe mit kleiner Bühne links und Mikrobrauerei rechts vorführt, die landestypischen Interna. Auch die Kostüme haben Spaß am kleinkarierten Styling – bis hin zu brav über der Glatze drapierten Resthaaren beim Wirt Würfl (Carles Pachon).
Ein Tscheche auf dem Mond?
Die schon wegen ihrer Mode gern für Opernaktualisierungen herangezogenen Sixties machen diesmal gleich zweifach Sinn: Zum einen sitzen schon am Anfang, der uns durch einen riesigen Schwarzweiß-TV-Bühnenrahmen samt der entsprechenden historischen Nachrichtenbilder in die Kneipe zoomt, auch die mondverrückten Tschechen gierig vor der Live-Übertragung der US-Landung auf dem Erdtrabanten.
Zum zweiten wird die Mittelalter-Verkleidung des folgenden Aktes, in der Brouček, der Duckmäuser und Aufschneider, zu ganz großer Form aufläuft, hier zur Erinnerung an den Studenten Jan Palach, der sich selbst verbrannte, und zur Protesthoffnung des blutig von den Russen niedergeschlagenen Prager Frühlings. Der wurde konterkariert – als wenigstens utopische Schlachtanordnung – vom Sieg des nationalen Eishockey-Teams gegen die UdSSR bei der Europameisterschaft 1969. Die folgenden, von den Russen angefachten Proteste in Prag zwangen den kritischen Parteisekretär Alexander Dubček (der hier ebenfalls seinen Auftritt hat) zum Rücktritt.
So versinkt zwar, greinend wie begriffsstutzig, Herr Brouček am Ende im gnädigen Bierstrom des Vergessens, aber in die Kneipe fährt ein Russenpanzer ein. So endet sarkastisch hart eine turbulente Farce als fulminantes Ensemblestück für den tollen Chor. Simon Rattle hat die bewegliche, präzise Staatskapelle souverän im Griff, lässt es knarren und knirschen, sirren und säuseln; selten genug auch lyrisch aufleuchten. Von den 13 kleineren Rollen hebt sich der plastische Tenor von Aleš Briscein als Mazal ab.
Der hat mit dem Serviermädel Málinka (etwas schrill: Lucy Crowe) sein Liebesauf-und -ab. Brouček fantasiert sie sich zudem als in ihn verliebte Mondprinzessin Etherea herbei. Mit ihr zusammen findet er sich auf dem liebevoll ausinszenierten Woodstock-Ersatz Moonstock wieder: Da sind die Kleider mindestens ähnlich schrill psychedelisch, man singt Liebe statt Krieg, und weiß nicht, wo die Blumen sind.
Nur Brouček bleibt sich ständig treu und gleich. Sein trompetender Tenor gibt der Rolle passenderweise impertinente Präsenz. Heute würde dieser ewige Stammtischmeckerer wohl AfD wählen…
Geläufiger bleibt die jüngste Münchner Staatsopernpremiere mit der von ihrer neugierigen Dorfgemeinschaft in die Wolga getriebenen Káťa Kabanová, die der Komponist 1921 nach der Vorlage des Ostrowski-Stückes „Das Gewitter“ formte. Angefangen vom gar nicht von Janáček komponierten Tango über die Sixties-Nouvelle-Vague-Ästhetik und die bühnenfüllenden Videos im kahlen Einheitsraum von Małgorzata Szczęśniak bleibt das weitgehend überraschungslos ganz der glamourös-rätselhaft-coolen Bildwelt des regelmäßig hier inszenierenden Krzysztof Warlikowski treu. Aber es passt diesmal sehr stimmig.
Und wie sich die grandiose Corinne Winters fragil, doch zäh und stark in ihrer Paraderolle schon an der Musikbox stumm verausgabt, da weiß man: mit dieser lebenshungrigen, doch unerfüllten, sich in gleißenden Soprankantilenen erschöpfenden Frau kann es nur schlimm enden.
Wie überhaupt diese spannende, in 115 starken Minuten durchlaufende „Káťa Kabanová“ neben der dicht gestrickten Handlung vor allem durch eine feinsortierte Typenparade besticht: da sind der schmierige Lover Boris, dem der tenortrumpfende Pavel Černoch selbst in Kanariengelb und mit fieser Lockenperücke Würde gibt; die gleichgültig-impertinente Schwiegermutter Kabanicha der genüsslich miesen Violeta Urmana samt bulligem Liebhaber Dikoj (Milan Siljanov). Káťas winselnder Mann Tichon (John Dazak). Und als einziger, sonnig-unbefleckter Liebeslichtstrahl das junge Paar Varvara (Ena Prongrac) und Kudrjáš (James Ley).
Sie werden von Marc Albrecht am Pult des weichgestimmten Staatsorchesters emporgehoben und traumsicher geführt. Keiner vermisst hier die ursprünglich angesetzte Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, die der Münchner Oper nun schon zum wiederholten Male abgesagt hatte. Denn man sieht und hört hier wie in Berlin: Für Leoš Janáček kommen die allerersten Namen. Er, seine Opern und das Publikum haben es verdient. Und Tschechien hat so mit ihm – neben Smetana und Dvořák – sein inzwischen ewigen Logenplatz im Musiktheaterkanon weltweit.
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