Gérard Depardieu liebt die Frauen, und wenn er in sich hineinhört, sagt er, fühlt er sich eigentlich selbst als eine. Das Geständnis kommt am Ende eines langen Prozesstages. Der französische Superstar muss sich wegen sexueller Übergriffe und Nötigung vor Gericht verantworten, zum ersten Mal. Zwei Frauen haben ihn angezeigt, weil er sie bei den Dreharbeiten zu dem Film „Les volets verts“ (Die grünen Fensterläden) im Jahr 2021 mehrfach begrapscht haben soll. Er streitet alles ab. Ein anderer Prozess wegen Vergewaltigung, ein weiterer wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche könnten noch folgen. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat 18 Monate Gefängnis auf Bewährung gefordert. Als Höchststrafe drohen Depardieu 75.000 Euro Geldstrafe und fünf Jahre Haft.
Über die Geldstrafe kann Depardieu vermutlich nur lachen. Er besitzt Weingüter in Frankreich, Algerien, Argentinien, einen Stadtpalast in Saint-Germain-des-Prés, den er jahrelang vergeblich für 50 Millionen Euro zum Verkauf angeboten hat, nachdem er sich verschiedene Wohnsitze im Ausland zugelegt hat, aus steuerlichen Gründen in Belgien, aus Putin-Affinität im russischen Saransk, in der Straße der Demokratie.
Aber fünf Jahre Haft, das wäre etwas anderes. Es geht hier um die letzten Lebensjahre eines 76 Jahre alten Mannes, der sich vor Gericht als „Invalide“ bezeichnet. Er hat Diabetes, Herzprobleme, starkes Übergewicht, trotz der 25 Kilo, die er abgenommen hat. Zum Zeitpunkt der Vorwürfe brachte er 150 auf die Waage. Vor Gericht erscheint er gestützt auf die Schulter seines Anwalts oder den Unterarm seines Bodyguards, ein Mann groß wie ein Gorilla. Die Knie sind kaputt. „Im Inneren ist alles im Arsch“, sagt er lapidar.
Es ist großes Kino, was seit dem 24. März 2025 im neuen Pariser Justizpalast aufgeführt wird. Oder formulieren wir es besser so: Es wäre großes Kino, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Denn es handelt sich um ein gesellschaftliches Lehrstück und die verspätete Ankunft der Metoo-Debatte in Frankreich. In der Verhandlung geht es darum, mit alter, toxischer Männlichkeit abzuschließen, mit der Normalität von Zoten und schlüpfrigen Sprüchen, die für Depardieu ein „Ritual“ geworden sind, wie es ein Chef-Kameramann formuliert. „Muschi, Muschi, Muschi“, ruft Depardieu selbst vor Gericht. Man wird das schließlich noch sagen dürfen.
Es ist großes Kino, weil ein Weltstar auf der Anklagebank sitzt. In Depardieus Fall handelt es sich um eine Kiste, wie sie bei Dreharbeiten benutzt wird, um Kameras zu erhöhen, kleine Schauspieler größer erscheinen zu lassen. Sein von Kollegen bemalter und signierter Kubus, „cube machino“ sagen die Profis, wird im Verlauf der Verhandlung noch eine Rolle spielen. Denn er saß auch während der Dreharbeiten auf so einem Hocker, als er Amélie K. „wie eine Krabbe“ in die Presse genommen habe, wie die heute 53-jährige Szenenbildnerin es formuliert.
Großes Kino ist es auch, weil man sich zuweilen in Cannes vermuten kann. Hinter der Bank seiner neun Anwälte hat der Clan von Depardieu Platz genommen. Die Ex-Frau, die junge Lebensgefährtin, Depardieus Enkeltochter, seine Tochter Roxane, 33, benannt nach der angebeteten Cousine in „Cyrano de Bergerac“, die einen Aquarellkasten mitgebracht hat und freundliche Monster tuscht. Am Tag zuvor erschien sie bekleidet mit einem Kapuzenpullover mit „Fuck you“-Aufdruck.
Die Hauptrolle aber geht nicht an Depardieu, der geschwächt in einem abgetragen schwarzen Anzug auftritt, der ihm zu groß geworden ist, sondern an Maître Jérémie Assous, seinen Anwalt, ein Mann mit zurückgegeltem Haar, der kein Mikro benötigt, um den gesamten Saal mit seiner Wortgewalt zu überrollen, der die gegnerischen Anwältinnen in einem Zug beleidigt und die Klägerinnen als Lügnerinnen bezeichnet. Dazu die versammelte Weltpresse, an die sich Depardieus Verteidiger immer wieder richtet, als fälle sie das Urteil, nicht der Richter. Letzterer ist vom Aufgebot der VIPs offensichtlich so beeindruckt, dass er die Show des Staranwalts selten stoppt.
Auf der anderen Seite Frauen in Tränen, denen der Gerichtsdiener Taschentücher bringt. Identische Berichte von Zeuginnen über vulgäre Äußerungen, Grunzen, Depardieus Händen auf dem Hintern, auf dem Busen, das Begrapschen, das Kneten, das Gefühl von Scham, ja von Schuld. Das Schweigen, um die Dreharbeiten nicht zu stören.
Sarah war 20, als sie bei den Dreharbeiten der TV-Serie „Marseille“ Depardieu begegnet ist. Er steckte ihr die Hand in die Unterhose, zweimal. Beim ersten Mal riss sie sie raus. „Da ist Gégé, der seine Hand in meine Shorts steckt“, sagte sie beim zweiten Mal. „Ich denke, du willst Schauspielerin werden“, lautet die Antwort des Stars.
Zum großen Kino gehört vor allem die große Fanny Ardant. Sie erscheint im schwarzen Kleid mit weißem Kragen, um die schmale Taille ein breiter Ledergürtel von Alaïa, als wäre es ein Korsett, dazu Schnürstiefelchen, nur die Reitgerte fehlt. Ein Stil irgendwo zwischen Gouvernante und Domina, ein theatralischer Auftritt, als wäre dies hier nicht Saal 213 des Justizpalastes, sondern das Théâtre des Champs Élysées.
Ardant spricht über die schwierige Suche nach der Wahrheit, von der es „niemals eine einzige“ gebe. Dann beginnt sie eine Eloge auf den Freund. Warum er so ein großer Schauspieler sei, bekannt von Kuba bis Wladiwostok? Weil er nicht „Monsieur Parfait“ sei, mit dem sich niemand identifizieren könne. Weil er alles ist, überbordend, vulgär, platzeinnehmend, aber kein Verbrecher. Nie sei sie Zeugin eines Übergriffs gewesen, nicht in 40 Jahren. Depardieu, „Monster und Heiliger“, habe alles gegeben, für jede Rolle. „Jede Form von Genie hat etwas Extravagantes, Unbeugsames, Gefährliches“, raunt Ardant ins Mikro. Dann fügt sie hinzu, was an diesem Tag niemand so klar sagt: „Ich weiß, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Die Orientierungspunkte haben sich verschoben“, sie sei selbst eine Frau und habe in ihrer Karriere halt „Ohrfeigen verteilt“. „Bestimmte Dinge, werden nicht mehr toleriert“, schließt Ardant.
Was in Paris vor Gericht verhandelt wird, ist genau das. Ein neues Koordinatensystem. Zu Depardieus Strategie der Verteidigung gehört, dass er Teil dieser „alten Welt“ sei. „Ich bin kein Grapscher, kein Vergewaltiger, aber ich gehöre nicht derselben Generation an“, versichert er. Immer wieder habe er gebeten, die jungen Frauen durch Männer zu ersetzen. „Ich gelte als vulgär, ich habe gesagt, schickt mir junge Männer, die von meiner Sprache nicht schockiert sind.“ Aber dann rutscht ihm ein Satz raus: „Ich weiß nicht, was ein sexueller Übergriff ist, doch keine Hand auf dem Hintern?“ Sein Anwalt springt auf und will das Gesagte verbiegen.
Nach den Zeugenaussagen der Klägerinnen und Zeuginnen fragt die Anwältin systematisch, was sie durch ihre Anzeige oder ihre Aussagen gewonnen hätten. Nichts, antworten sie. „Es ist mir wichtig, dass wir aufhören, das zu verharmlosen und die Wahrheit ans Licht kommt“, sagt eine der Klägerinnen. Karine V., Produktionsassistentin, Zeugin einer der Übergriffe, sagt aus, sie habe Depardieu gemieden, das Gerede über „feuchte Muschis“, sein ständiges „Gegrunze“ sei unerträglich gewesen. „Ich hoffe, dass sie etwas ändert und wir keine Ohrfeigen mehr verteilen müssen, dass wir gelassen voranschreiten“, sagt V.
Es ist die neue Welt, die der alten den Prozess macht. Aber die neue Welt steht noch auf tönernen Füßen. Sie ist verletzlich, fragil, aber entschlossen, den Kampf zu führen. Die „Beauftragte für sexuelle Belästigung“, Pflicht bei Dreharbeiten seit MeToo, war bei den „Volets verts“ noch ein Ehrentitel ohne Funktion. Inzwischen verpflichtet die französische Filmförderungsbehörde CNC alle bei den Dreharbeiten Beteiligten zu einem Seminar über sexistische und sexuelle Gewalt. In der Nationalversammlung wurde ein Untersuchungsausschuss zur sexuellen Belästigung in der Kino- und Medienindustrie gegründet.
Depardieu dreht nicht mehr, er sitzt auf seiner Kiste vor Gericht. Die Ikone ist vom Podest gestürzt. „Les volets verts“ war sein vorletzter Film. Darin hat er einen unglücklichen Schauspieler am Ende seiner Karriere gespielt. Vor dem Gerichtssaal steht eine Frau mit roter, phrygischer Mütze, die behauptet, die Republik zu verkörpern. Sie sagt, dass Depardieu ein Schauprozess gemacht werde, „wegen Russland“. Wie hat es Ardant so schön formuliert? Es gibt so viele Wahrheiten. Donnerstag, der 27. März 2025, war der letzte Verhandlungstag.
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