Das gab ein großes Hallo, als das Fernsehen – reichlich spät – entdeckte, dass es auch romanhaft erzählen kann und zum „Arch TV“ wurde, also einen großen Bogen spannte und nicht mehr in einzelnen Folgen, sondern in Staffeln erzählte. Diese Entdeckung liegt rund 20 Jahre zurück und der Einfluss ist lange gegenseitig: Nicht bloß wirkt der Roman auf das Arch TV ein, das Arch TV beeinflusst auch die Romanproduktion für zusehends ungeduldige Leser.
Was die amerikanische Schriftstellerin Liz Moore in ihrem mittlerweile fünften Roman „Der Gott des Waldes“ erzählt, fügte sich jedenfalls prima auf der Netflix-Startseite ein. Auf dem catchy Bild dort wäre vermutlich eine verirrte junge Frau in einem wilden Wald zu sehen, und die unverzichtbaren Schlagworte, Trias der Taxonomie, könnten „Mystery“, „Coming of Age“ und, der Klassiker, „anschwellende Spannung“ lauten. Und das soll, bitte, nicht despektierlich klingen: Der Roman, allem Anschein nach eine bedrohte Art, braucht Romanciers, die wissen, wie es geht. Originalität wird ohnehin überschätzt; sie war schon immer mehr ein Autoren- als ein Leserding.
Moores wilder Wald wächst in den Adirondack Mountains; ihr Roman spielt in jenem Teil der Vereinigten Staaten, der es, gemessen an den berühmten Goethe-Versen, nicht besser hat, weil er tatsächlich, anders als der Dichterfürst zu Weimar glaubte, voller „verfallener Schlösser“ und alter „Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten“ ist. In Moores Adirondacks gehen die Geister der amerikanischen Romantiker um: „Self-Reliance“ (Autarkie) heißt das Schloss (vulgo: der Landsitz) des hier ansässigen Rittergeschlechts (vulgo: der Familie Van Laar, der in Manhattan eine Bank gehört). Das nebenan liegende Ferienlager (eine milde Gabe der Van Laars) trägt sogar den Namen Ralph Waldo Emersons, der den berühmten transzendentalistischen Essay „Self-Reliance“ in der Ritter-, Räuber- und Gespenstervergangenheit des Jahre 1841 schrieb.
Vom Krimi zum Gesellschaftsroman
„Trust thyself“ – Trau dir selbst – lautet dessen Refrain, und in gewisser Weise geht es genau darum in Camp Emerson: Die Jugendlichen, die herkommen, sollen lernen, notfalls auch allein in Amerikas Wildnis zu überleben. Vorhersehbar, dass einer von ihnen verloren geht. Nicht ganz so vorhersehbar, dass der Verlorene dem Rittergeschlecht der Van Laars entstammt. Seine erstgeborenen Söhne nennt es dynastisch selbstbewusst sämtlich Peter, der jüngste in der langen Reihe aber wird seit 1961 vermisst. Unweit von Camp Emerson ist der Junge verloren gegangen und wurde seither nie wieder gesehen.
Liz Moores Kniff: Sie erzählt die Geschichte zweimal und verdoppelt den Suspense. Sie setzt nicht 1961, sondern 1975 ein, das „leere Bett“, mit dem der Roman beginnt, gehört aber nicht dem letzten Peter, sondern der ersten Barbara Van Laar, 13 Jahre alt, ein Punk und eigentlich das Kind, das die dynastische Lücke im Schloss Self-Reliance hätte schließen sollen. Nun ist auch sie unter rätselhaften Umständen verschwunden, und die Suchaktion beginnt. Und alles, was zwar keinen Rang, aber immerhin einen Namen hat, beteiligt sich: T.J., die junge Camp-Leiterin, Louise, die sich mit Barbara eine Hütte geteilt hat, oder Judyta, eine herbeigeeilte Polizistin. Doch Moore blendet auch immer wieder zurück, neben die Suchaktion im Präsens rückt eine im Präteritum, bei der ein Feuerwehrmann namens Carl eine zentrale Rolle spielt: Womöglich hat er den vermissten Peter als Letzter gesehen.
Aus dem Kriminal- wird so unversehens ein Gesellschaftsroman, wobei alle, die sich auf die Suche nach den beiden Kindern machen, in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Van Laars stehen. Das Rittergeschlecht selbst aber bleibt – mit Ausnahme der angeheirateten Mutter der Vermissten – stumm. Der Leser erlebt die Van Laars allein von unten nach oben – mit mulmigen Gefühlen auf der Schwelle von Haus Self-Reliance, das man nur als dienstbarer Geist betreten darf, als Wildhüter, Kindermädchen oder vom Vorgesetzten eingenordeter Trooper. Amerikas Klassengesellschaft reicht bis in die wilden Adirondacks; von Selbstbestimmung kann man jenseits von Haus Self-Reliance nur träumen.
Bemerkenswert ist aber nicht nur, wie Liz Moore ihre Geschichte entwickelt, bemerkenswert ist auch, wie sie sie erzählt. Da ist zum einen ihre klare, zügige Prosa, die – wie das ausgebuffte Arch-TV – auch die Ungeduldigen bei der Stange hält; und da ist zum anderen ihr bevorzugtes, gleichfalls vom bewegten Bild geborgtes Stilmittel: der Schnitt. Liz Moore kann Plotten und Charaktere schaffen, sie kann eine Landschaft zeichnen und eine Gesellschaft beschreiben, regelrecht begnadet aber ist sie als Cutterin.
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