Es gibt keine Revolution ohne eine Portion Pathos. Vielleicht gibt es auch keine ohne eine Prise Kitsch. Der Werbeclaim des verhafteten Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem Imamoglu hat beides: „Alles wird gut“. Das türkische Original: „Herşey çok güzel olacak“ (wörtlich: „Alles wird sehr schön“) ist etwas länger und eignet sich auch prima dazu, auf Demonstrationen rhythmisch skandiert zu werden – wie in diesen Tagen von Hunderttausenden, die Abend für Abend den Demonstrationsverboten und Einschüchterungen trotzen.

Der Spruch ist eine feststehende Redewendung – und als solche eigentlich unerträglich banal. Eine Kalenderweisheit, eine Instantaufmunterung, ein Trost, der keiner ist. Ein kitschiger Spruch, der bei Sechsjährigen gerade noch funktioniert, zu dem man aber sonst nur greift, wenn einem derjenige, den man aufmuntern möchte, in Wirklichkeit gleichgültig ist. Oder weil man selbst keine Hoffnung hat und einem nichts Besseres einfällt.

„Alles wird gut“ lautet auch der Titel Filmkomödie des Regisseurs Ömer Vargi aus dem Jahr 1998, dem Jahr, in dem Tayyip Erdogan von den damaligen Machthabern – den Militärs – als Oberbürgermeister von Istanbul abgesetzt wurde. In diesem Glanzstück des türkischen Kinos brillieren zwei Laienschauspieler – Cem Yilmaz, heute der mit Abstand populärste Comedian des Landes, und der Musiker Mazhar Alanson, Frontmann der Pop-Rockband MFÖ – in der Rolle zweier ungleicher Brüder. Der Ältere arbeitet in einem Arzneimittel-Lager, in dem er auch wohnt und hat nur eine Leidenschaft: Er sammelt Fotos aus Werbungen für Sportautos. Der Jüngere ist ungleich extrovertierter und ambitionierter, ein Schlitzohr mit großen Träumen, der aber weder seine Ehe noch sonst irgendwas auf die Reihe bekommt. Komische, aber tragische Verlierertypen, deren Tristesse keine andere Hoffnung zulässt als diese Phrase.

Auch Kurden wählen Imamoglu

Doch in der Alltäglichkeit und Schlichtheit, in Pathos und Kitsch liegt auch eine Kraft verborgen. Und noch etwas zeichnet diesen Spruch aus: seine Diffusität. Gerade, weil unklar bleibt, was „alles“ heißt und was „gut“, eignet er sich als Projektionsfläche. Bei den Gezi-Protesten 2013 machte eine ähnliche Parole die Runde: „Nieder mit manchen Sachen!“

Diese Mischung aus Kampfesmut, Zuversicht und Unbestimmtheit passt bestens zu Ekrem Imamoglu. Seine Partei, die CHP, gehört zwar zu den größten Mitgliedsorganisationen der Sozialistischen Internationale, aber ihre Mitgliedschaft und erst recht ihre Wählerschaft ist mit „sozialdemokratisch“ nur unzureichend beschrieben. Seit Mitte der Sechzigerjahre positioniert sich die CHP links der Mitte, sie ist gewerkschaftsnah und hat einen sozialistischen Flügel. Zur Kernklientel der CHP gehört zudem die alevitische Minderheit, die einen säkularen Lebensstil pflegt und dem sunnitischen Islamisten Erdogan von Anfang misstraut hat. Aber die Partei von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk verkörpert weiterhin auch eine säkular-nationalistische und etatistische Tradition.

Der Aufstieg der AKP ging einher mit dem Zerfall der vormaligen Regierungsparteien rechts der Mitte. Den größeren Teil ihrer Wählerschaft beerbte die AKP, einen kleineren, das liberale urbane Bürgertum die CHP. Weltweit dürfte es keine zweite sozialdemokratische Partei geben, die so viel von Managern, Unternehmern und wohlhabenden Selbstständigen gewählt wird wie die CHP. Imamoglu entstammt selbst diesem Milieu und arbeitete, bis er 2014 als Bezirksbürgermeisters von Beylikdüzü, einem Mittelklassebezirk am westlichen Stadtrand gewählt wurde, in einer Baufirma, die sein Großvater 1950 gegründet hatte – und die nun nach seiner Verhaftung beschlagnahmt wurde.

Imamoglu spricht alle diese unterschiedlichen Milieus an – und weiter der CHP lange Zeit verschlossene. So wie Erdogans Familie stammt auch seine aus der traditionell konservativ-nationalistischen Schwarzmeerregion; er weiß auch fromme und nationalistische Wähler anzusprechen – und deren Gegenpol, die Kurden, ohne deren Stimmen er niemals zum Oberbürgermeister worden wäre. „Alles wird gut“ ist das integrierende Versprechen eines integrativen und pragmatischen Politikers. Zugleich korrespondiert der Spruch mit Imamoglus zuversichtlichen und freundlichen Art, den er sich auch in seinen kämpferischen Moment bewahrt hat – ein Gegenmodell zu proletarischen Macho Erdogan.

Geschenk eines Teenagers

Mit diesem Erfolgsrezept gelang Imamoglu etwas, das keinem anderen türkischen Politiker gelungen war: Er schlug Erdogan gleich dreimal. Und nur darum sitzt er nun in Haft – und nicht wegen irgendwelcher Korruptionsvorwürfe, die sich einzig auf die Aussagen anonymer Zeugen berufen, die Imamoglu vom Hörensagen belasten. Die Vorwürfe sind nicht nur konstruiert, sie sind lausig konstruiert.

Imamoglus Claims war übrigens keine Erfindung seiner Kampagnenmanager, sondern das Geschenk eines Istanbuler Teenagers. Auf einem Handyvideo ist die Szene aus dem Wahlkampf ums Istanbuler Rathaus vom Frühjahr 2019 festgehalten: Imamoglu hat nach einer Veranstaltung gerade seinen Bus bestiegen, ein paar Leute umringen den Bus. „Alles wird gut!“, ruft ein Teenager. „Genau so“, antwortet Imamoglu. Dann wendet er sich an seine Mitstreiter: „Schaut euch diesen Jungen an! Dieser Glaube genügt uns.“ Er lässt den Busfahrer noch einmal das Fenster öffnen: „Großartig, mein Junge“, ruft er dem Teenager zu. „Alles wird gut!“

Das Video geht viral und macht auch den 16-jährigen Gymnasiasten Berkay Gezgin landesweit bekannt, von dem dieser Spruch stammt. Nicht überliefert ist, ob Imamoglu selbst, sein sehr fähiger Sprecher, der vormalige Fernsehjournalist Murat Ongun, oder jemand anderes erkennt, welches Potenzial dieser Spruch hat und wie maßgeschneidert er zu Imamoglu passt, viel besser als das hölzerne Motto („Wo es Imamoglu gibt, gibt es eine Lösung“), mit dem er ursprünglich in den Wahlkampf gezogen war. Die Geburt eines Markenzeichens. Und die Werbeclaim-gewordene Hoffnung auf ein besseres Leben in einem besseren Land, deren Symbol geworden ist.

Imamoglus Sprecher Ongun wurde am Sonntag zusammen mit dem Oberbürgermeister verhaftet. Berkay Gezgin, der Junge vom Bus ist heute 22 Jahre alt und studiert. Am Sonntagabend wurde er auf dem Heimweg von der Protestkundgebung am Istanbuler Rathaus festgenommen. Die Festnahme mag ein Zufall gewesen sein. Am Dienstagabend verfügte ein Untersuchungsgericht auch für ihn Untersuchungshaft.

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