Der Krieg ist wieder da. Er war natürlich nie weg, schon gar nicht im Segment des historischen Sachbuchs. Doch so, wie sich das politische Deutschland das Desiderat klassisch-territorialer Landesverteidigung, Abschreckung und Geostrategie derzeit erst wieder aneignen muss (und zwar nicht nur fiskalisch), so war das Thema auch auf dem Buchmarkt absent, blieb in den drei Jahrzehnten der „Friedensdividende“ auf Fachöffentlichkeiten und Militaria-Kreise beschränkt.

Das ändert sich gerade massiv. Die Zeitenwende im politischen und populären Sachbuch ist da, und die Indizien reichen vom Autoren-Trio Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik im Bestseller „Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen“ (dtv) bis in die Taschenbuchreihe C.H. Beck Wissen, die in diesem Frühjahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert und erstmals einen Band zur „Bundeswehr“ (128 Seiten, 12 Euro) anbietet, verfasst vom Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel.

Der als Korrespondent der britischen „Times“ in Berlin arbeitende Journalist Oliver Moody wird uns Deutschen den hybriden Krieg in der „Konfliktzone Ostsee“ (im Mai bei Klett-Cotta) erklären, und der gerade in TV-Talkshows präsente Jungpublizist Ole Nymoen weiß schon jetzt: „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ (Rowohlt) – er hat die Mehrheit der Deutschen laut jüngsten Umfragen hinter sich.

Das würde Herfried Münkler, emeritierter Professor für politische Ideengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und Bestsellerautor, wohl als „selbstzufriedene Sorglosigkeit“ verbuchen. Er stellt der deutschen Öffentlichkeit und Politik in seinem neuen Buch „Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ ein vernichtendes Zeugnis aus, was den Umgang mit der Zeitenwende seit 2022 und die Einstellung auf eine disruptive Ära Trump angeht: „Die ruhigen Zeiten einer sicherheitspolitischen Sorglosigkeit sind für die Europäer vorerst vorbei.“

Nun gehört Münkler selbst zu denjenigen, die in den 2010er-Jahren vorwiegend Historie abhandelten (Erster Weltkrieg, Dreißigjähriger Krieg) und unsere Gegenwart auf Formeln wie die vom „asymmetrischen Krieg“ und „postheroische Gesellschaft“ brachten. Doch Münklers Interesse für Strategie und Geopolitik – ein, wie er schreibt, in Deutschland notorisch unterschätztes Forschungsfeld – war immer eine Konstante in seinen zwei Dutzend Werken.

Diesbezüglich ist er der Machiavelli-Wissenschaftler seiner frühen Jahre geblieben, wie er WELT einmal sagte: „Machiavelli schärft den Blick für die Machtspiele der Gegenwart. Er ist eine Schule des misstrauischen Blicks.“

Viele Qualitäten, die in Machiavellis berühmter Schrift „Der Fürst“ auftauchen und sich auf politische Führung allgemein übertragen lassen, vermisst Münkler bei deutschen Politikern der Gegenwart, namentlich Strategiefähigkeit und Führungskompetenz brächte ihnen das deutsche Parteiensystem nicht bei, was leider auch für Europa fatal sei, das neben aller „Führung von hinten“ (klassische Kompromissaushandlung, worin die Deutschen gut seien) auch dringend „Führung von vorn“ brauche – und wer außer Deutschland könne und solle das angehen?

Deutsche Militärgeschichte

Ist der Begriff der Geopolitik in Münklers Buch hundertfach präsent, taucht er im Buch des emeritierten Berner Militärhistorikers Stig Förster kurioserweise ein einziges Mal auf. Vielleicht, weil seine „Deutsche Militärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ als Standardwerk auf 1000 Seiten selbstredend das große Ganze berücksichtigt: geografische Räume, politische Einflüsse und militärische Bündnissysteme in epochalen Charakteristiken, die sich vom Bauernkrieg (1525) bis zur Zeitenwende unserer Tage höchst unterschiedlich ausnehmen. Was Försters Darstellung, die Konfessionskriege, Napoleon, Bismarck, die beiden Weltkriege und den Kalten Krieg mit Nato und Warschauer Pakt als Gesamtdarstellung als Lektüre gerade heute so wertvoll macht, ist ihr Anspruch, eine ebenso allgemeinverständliche wie ganzheitliche Abhandlung zu sein.

In der Einleitung betont Förster, sich der britischen „War and Society“-Schule verpflichtet zu sehen, die seit den 1960er-Jahren frischen Wind in die Militärgeschichtsschreibung brachte, indem sie ihren Gegenstand in politische, wirtschaftliche und vor allem gesellschaftliche Zusammenhänge einbettete, in Technik-, Medizin- und Kulturgeschichte. Das wahre und keineswegs nur heroische, sondern selbstverständlich auch verbrecherische Antlitz des Krieges darzustellen, nicht zuletzt als Korrektiv zu den oft klischierten Darstellungen in Literatur und Film, treibt moderne, aufgeklärte Militärhistoriker genauso um wie ein zeitgemäßer Blick auf Gender- oder Umweltfragen.

Försters Opus Magnum – das einen größeren Zeitraum erschließt als die Darstellung, die Sönke Neitzel 2020, noch vor der Zeitenwende, unter dem Titel „Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik“ bei Propyläen vorgelegt hat – jetzt zu lesen, frappiert, weil seine monumentale Epochenschau gerade vom Schluss her deutlich macht, wie sehr die jüngste Vergangenheit inzwischen als abgeschlossen zu begreifen ist, sprich die Ära der Sicherheitspolitik und Bundeswehr seit 1990, die durch Friedensdividende, Abbau und Abwicklung der militärischen Infrastruktur sowie diffuse „Out of Area“-Einsätze gekennzeichnet war.

Alle wissen: Inzwischen leben wir in einer völlig anderen Realität. Den Krieg denken heißt also auch: den Krieg wieder lesen (lernen).

Herfried Münkler: Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Rowohlt Berlin, 431 Seiten, 30 Euro

Stig Förster: Stig Förster: Deutsche Miilitärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. C.H. Beck, 1249 Seiten, 49,90 Euro

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