Es vergeht kaum eine Dreiviertelstunde, und die Bestatterin Blum, die Hausfrau ist und erfolgreiche Sepulkralkultur-Unternehmerin, wünscht sich, auch in der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Totenfrau“, sie wäre in irgendeinem Tradwife-Mehrteiler gelandet, die Netflix mit ziemlicher Sicherheit drehen wird, wenn der Wind aus Washington weiter so weht, wie es gegenwärtig den Anschein hat. Hinterm Herd, bei den Kindern, während der Mann draußen in der Welt die blutigen Geschäfte erledigt.

Ist sie aber nicht. Und das hat was mit den blutigen Geschäften in der Welt da draußen zu tun und mit den Männern, die ihr abverlangen, dass sie sich wehrt. Dass sie, was ihr das Wichtigste ist, verteidigt bis aufs Blut, mit den Mitteln und mit der Gewalt, die sonst in Serien nur Männern zugestanden werden. Vor allem gegenüber Frauen. Männern, die Blum zu einer Art Selbstermächtigungskreuzung zwingen.

Blum, muss man erwähnen, hat einen besonderen Draht zum Jenseits. Dass sie keine Angst vor den Leichen haben muss, die Blum manchmal nicht sehr fürsorglich behandelt (was nicht passt an den Toten, wird schon mal mit der Säge passend gemacht), haben ihr die Verstorbenen schon in der ersten Staffel zugeflüstert. Das tun sie regelmäßig, die Verblichenen. „Die Einzigen, vor denen du dich wirklich fürchten musst“, hat da eine Frau aus dem Sarg heraus erzählt, „sind die Lebenden.“

Was stimmt. Davon handelte schon die negative Heldenreise von der „Totenfrau“ – basierend auf der Blum-Thriller-Trilogie des Tirolers Bernhard Aichner – vor zwei Jahren. Die hat es in die Top Ten der nicht-englischsprachigen Netflix-Serien gebracht. Ein Alpin Noir von vollendeter Finsternis.

Die Geschichte ging so: Blum, Hausfrau, zweifache Mutter, erfolgreiche Unternehmerin, ist glücklich. Bis ihr Mann, als Polizist im Kampf gegen die blutigen Geschäfte in der Welt unterwegs, überfahren wird. Das idyllische Bad Annenhof ganz oben im höchsten Skigebiet Österreichs erweist sich in der Folge als moralisch völlig verrottetes Kaff, in dem Honoratioren sich zu einem Club der besonders brutalen Frauenverbraucher zusammengetan hatten.

Blums Mann war ihnen auf die Schliche gekommen. Und Blum nahm Rache. Leichen pflasterten ihren Weg durch die schrundige Berglandschaft, die ein perfektes Abbild von Blums Seelenzustand waren. Die Morde stießen ihr eher zu und standen in keinem Vergleich zu jenen Videos, die in den Kellern von Bad Annenhof gedreht worden waren. Was „Hurtcore“ ist, erfuhr man, bekam es aber zum Glück nicht zu Gesicht.

Zwei Jahre ist das her. Das Wetter ist nicht unbedingt besser geworden da oben in den Stubaier Alpen. Nachsaison. Gondeln fahren noch, es sitzt aber keiner mehr drauf. Der Schnee von gestern taut allmählich vor sich hin. Vom Zuschauen wird einem so klamm, dass man den Wollpulli noch einmal aus dem Schrank holt. Was auch daran liegt, dass all die wunderbaren Bilder, die Anna Hawliczek mit ihrer Kamera in der irgendwie schimmelig verschneiten Alpenwelt und den klandestinen Innenräumen eingesammelt und aus den Serpentinen gekratzt hat, so einen merkwürdigen Grünstich haben.

Und dann ist noch Wahlkampf

Als auf dem Friedhof – es gab einen Erbstreit – der Sarg einer Frau ausgegraben wird, findet sich neben deren sterblichen Überresten noch Bonusmaterial: Leichenteile, sorgfältig in Cellophan verpackt. Ein Opfer der Blum, von ihr selbst zersägt. Die ahnt, dass mit der Grabstelle die Box der Pandora sperrangelweit offen steht, dass alles zurückkehrt, was sie zu vergessen versucht hat, und sich ihr Selbstverteidigungskurs, den sie mit dem Kollegen und Freund Reza absolviert, bezahlt machen wird.

Das hätte alles vielleicht trotzdem gut werden können, und der Blutverlust aller an diesem Sechsteiler Beteiligten hätte sich in Grenzen gehalten, gäbe es da nicht dieses Video, mit dem man den eher tradwifeorientierten Kandidaten für die bevorstehende Wahl zum Tiroler Landeshauptmann erpressen kann. Und dessen Verschwinden dazu führt, dass Blums Tochter entführt wird.

Bad Annenhof ist im wirklichen Leben übrigens Kühtai. Ein Ski-Ort ohne Ausweg. Eine Straße führt hinauf, eine hinunter. So geht es mit Blum, der moralisch zweifelhaftesten und faszinierendsten aller Frauenfiguren der vergangenen Jahre, diesmal hinunter.

Wieder auf einem Kreuzweg. Wieder an Stationen vorbei, die ihr das Letzte abverlangen. Ihre Gegner sind diesmal nicht irgendwelche Tiroler Snuffporno-Amateure, sondern echte Tötungsprofis. Erschwerend hinzukommt, dass sich die BKA-Kommissarin Wallner (Britta Hammelstein) aus der Hauptstadt mit der Hartnäckigkeit eines Leichensuchhunds auf ihre Spur gesetzt hat.

Daniel Geronimo Prochaska, der diesmal die Regie dieses Ausflugs ins finstere Tal übernommen hat, und der Schreibraum um Barbara Stepansky ziehen alle dramatischen Stellschrauben noch einmal an. „Totenfrau“ geht emotional tiefer. Die Figuren sind ambivalenter, wechseln die Seiten, endgültig nichts ist mehr sicher.

Anna Maria Mühe, die das stille Epizentrum dieses Erdbebens von einer Serie ist, das Herz und der Wahnsinn, darf als Blum um sich schlagen, Männer morden. Lukas Gregorowicz als zwielichtigen Rechtsanwalt etwa schon nach gut anderthalb Stunden. Was eine erhebliche dramaturgische Ressourcenverschwendung ist und insofern fast lustig, als Mühe und Gregorowicz ein Paar sind.

Oder den großen Peter Kurth. Der ist die fette und finstere Spinne im Netz. Besonders fein allerdings sind die Duelle unter Frauen. Wie sich Mühe und Hammelstein beispielsweise mit allem Mut zum Ungeschminktsein belauern, bekriegen und am Ende finden, ist allerdings dann doch der Höhepunkt dieser knapp sechs Stunden im Transitraum zwischen Recht und Gerechtigkeit.

Am Ende sind nicht – wie bei Shakespeare – alle tot. Sondern durchaus noch ein paar Fragen offen. Ein dritter Aichner-Roman stünde für eine Fortsetzung bereit. Und Aichner, der wieder einen Cameo-Auftritt hat, würde der Blum sogar noch mehr antun als in der Trilogie. Hat er mal gesagt. Zum Tradwife-Rolemodel wird er Blum aber nicht machen.

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