Wer durch die Potsdamer Straße in Berlin geht, dem fällt ein Kirchenbau auf, über dessen Eingang zu lesen ist „Syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien St. Jacob“. Darunter findet sich ein Schriftzug, der selbst den meisten Syrern Kopfzerbrechen bereitet. Es handelt sich um den Namen der Kirche in aramäischer Schrift und Sprache. Die christliche Gemeinde von Antiochia am Orontes in Nordsyrien, nach der die syrisch-orthodoxe Kirche benannt ist, gehört zu den ältesten christlichen Gemeinden überhaupt und soll der Überlieferung nach von Petrus gegründet worden sein.
Das Aramäische hat weit zurückgehende historische Wurzeln. Aramäische Staaten entstanden vor über 3000 Jahren im Nahen Osten und im ersten Jahrtausend vor Christus entwickelte sich die Sprache zum wichtigsten Idiom ganz Vorderasiens. Aramäisch wurde im persischen [!] Achämenidenreich, das im 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus den ganzen Nahen Osten umfasste, eine der wichtigsten überregionalen Amts- und Verkehrssprachen, heute „Reichsaramäisch“ genannt.
Während andere Sprachen des Orients noch mühsam mit Keilschrift in Tontafeln geritzt wurden, verwendete man für das Aramäische bereits Pergament und Papyrusrollen. Aramäisch war die Sprache regionaler Grossmächte wie des Nabatäerreiches von Petra und von Palmyra im heutigen Ostsyrien, das zeitweise sogar die Vormacht Rom im Orient herausforderte. In beiden Staaten wurde die Verschmelzung orientalischer und griechisch-römischer Elemente klar sichtbar. Aramäisch war Sprache Christi und seiner ersten Anhänger, also – neben dem Griechischen – des Urchristentums.
Syrien gehörte auch zu den allerersten Eroberungen der Muslime, als diese in den 630-erJahren aus der arabischen Halbinsel heraus in den sogenannten ‚fruchtbaren Halbmond’, die Levante, vorstießen. Dieser islamisch-arabische Angriff war umso erfolgreicher, als Byzantiner und persische Sassaniden in den Jahren und Jahrzehnten zuvor sich in ständigen Kriegen um den grosssyrischen Raum erschöpft hatten. Die Schlacht am Flüsschen Yarmuk im Sommer 636 besiegelte mit einem epochalen Sieg der Muslime das Schicksal Syriens und des gesamten Mittelmeerraumes. Schon 635 war Damaskus von den Muslimen erobert worden. Im April 637 übergab Patriarch Sophronius Jerusalem an Umar, den zweiten islamischen Kalifen. Nun begann die Islamisierung und Arabisierung des bislang weitgehend christlichen Nahen Ostens.
Sowohl muslimische als auch christliche Minderheiten haben eine wichtige Rolle in der historischen und politischen Entwicklung Syriens bis in die Gegenwart gespielt. Bei der islamischen Eroberung des Landes bestand die Mehrheit der Einwohner aus Christen. Dies änderte sich im Laufe des Mittelalters und heute bilden die christlichen Gemeinschaften Minderheiten. Die eigentliche christliche syrische Nationalkirche , die ‚syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien’, deren Anhänger nach ihrem Gründer Jakob Baradai auch ‚Jakobiten’ genannt werden, fand ihre Eigenständigkeit anlässlich des Konzils von Chalcedon (451). Damals standen christologische Fragen im Mittelpunkt. Das Konzil beschloss die Einheit des Göttlichen und des Menschlichen in der Person Jesu Christi, allerdings gebe es „2 Naturen“, eine göttliche und eine menschliche, in der Person Christi.
Diese Lehre konnte die streng monophysitische syrische Kirche nicht mittragen, da sie eine einzige gottmenschliche Natur in Christus annahm. So entstand eine selbständige syrische Kirche, die sich sowohl theologisch von der orthodoxen Reichskirche unterschied als auch ethnisch – als ‚aramäische’ Kirche gegenüber der ‚griechischen’ Reichskirche. Das Aramäische wich zwar in den Jahrhunderten islamischer Herrschaft dem Arabischen, aber als Kirchensprache und in einigen Gegenden sogar als Umgangssprache lebt es weiter, wirkt bis heute identitätsstiftend.
Im Gegensatz dazu bildeten die ‚Melkiten’ – also „Kaiserlichen“ – die Anhängerschaft der griechisch-orthodoxen Reichskirche, deren Gläubige zum grossen Teil Christen griechischer Sprache waren.
Diese auch ‚Rum-Orthodoxe’ genannten Christen nahmen schneller und vollständiger als die syrisch-orthodoxen Gläubigen das Arabische an und verwendeten es auch als Kirchensprache .Ihre Zahl liegt deutlich unter der der Syrisch-Orthodoxen. Aus ihren Reihen stammt Michel Aflaq, der Gründer der Baath-Partei, die unter der Asad-Sippe in Syrien dominant war – ebenso wie im Irak. Daneben gibt es griechisch-katholische und syrisch-katholische sowie armenische Christen im Land.
Christen stellen insgesamt heute nur noch etwa 10 Prozent der syrischen Bevölkerung gegenüber 30 Prozent vor 100 Jahren, wobei die Zahlenangaben stark politisch, emotional und ideologisch aufgeladen sind. Viele syrische Christen sind nach Europa oder Amerika ausgewandert. Ihre Lage wurde auch in Syrien, wie anderswo im Orient, zunehmend prekär.
Die wichtigste unter den Minderheiten, die aus dem Islam kommen, sind die Alawiten. Ihre Gemeinschaft ging im 9. Jahrhundert aus dem Schiitentum hervor, hat sich aber so entwickelt, dass sie praktisch als Sekte gelten kann. Seelenwanderung, Reinkarnation und manichäischer Lichtkult spielen bei den Alawiten eine Rolle. Sie feiern neben muslimischen auch christliche und zoroastrische Feste. Es ist eine esoterische Gemeinschaft, in der eine große Mehrheit „Unwissender" einer kleinen Oberschicht von Initiierten gegenübersteht, die auch politisch und wirtschaftlich führend sind. Sie leben vorwiegend in gebirgigen Regionen im Nordwesten nahe den Städten Latakia, Tarsus und Banias.
Eine Sonderrolle spielen sie seit 55 Jahren, als ein Alawit, der Vater des kürzlich geflohenen Präsidenten Baschar al-Asad, Hafiz al-Asad, im Militär – dem einzigen Bereich, in dem die marginalisierten Alawiten Chancen hatten – aufstieg und Verteidigungsminister, 1971 sogar Präsident wurde. Seither war der syrische Staat fest in alawitischer Hand und unter Kontrolle der Asad-Sippe. Die Familie Asad garantierte den Alawiten Einfluss, die gerade deshalb in allen Schlüsselpositionen die Macht des Asad-Clans sicherten. Den Christen ging es unter Asad besser als in Regionen, in denen Islamisten herrschten.
Den arabischen Frühling sahen gerade die Minderheiten in Syrien schon früh mit Skepsis. In dem aufkommenden Bürgerkrieg gewannen nicht Reformer, sondern Islamisten die Oberhand. Da, wo die Islamisten die Kontrolle erlangten, wurden auch Christen unterdrückt. Besonders zu leiden hatten die aramäischen Sprachinseln wie Ma’lula im Antilibanon.
Als im Dezember 2024 die Hai’at Tahrir al-Scham überraschend die Macht in Syrien an sich reißen konnte, waren die Minoritäten erschreckt. Ein als islamistisch eingestuftes Regime würde, so fürchtete man , jetzt gerade diejenigen drangsalieren, die nicht zu den 75 Prozent sunnitischen Muslimen der syrischen Bevölkerung gehörten. Anfang März kam es dann zu heftigen Angriffen auf die Alawiten als Träger des abgesetzten Regimes. Dabei waren nicht nur reguläre Sicherheitskräfte des neuen Regimes beteiligt, sondern auch islamistische Elemente , darunter Tschetschenen. Zwar waren Attacken von alawitischer Seite auf Einheiten der neuen Regierung vorausgegangen, doch schienen die Gegenschläge, deren Opfer viele Zivilisten wurden, völlig unverhältnismässig.
Jetzt kam auch Angst unter den Christen des Landes auf. Einige sollen im Zuge der Unruhen getötet worden sein. Zahlreiche Gerüchte kursierten. Ein Christ, der sein Kreuz nicht habe ablegen wollte, sei geköpft worden. Es drohe gar ein Genozid an Christen.
Es sind die syrischen Christen selbst und Organisationen, die sich weltweit mit der Diskriminierung von Christen befassen wie „Open Doors“, die vor Fake News und Übertreibungen warnen. Gerade überzogene Vorwürfe und unbelegte Greuelgeschichten bringen die Christen in Gefahr, wecken bei den neuen Herren in Damaskus den Verdacht, es gebe eine unheilige Allianz zwischen syrischen Christen und westlichem Ausland. Eine „Kreuzzugs“-Legende könnte entstehen.
Dies wäre für die syrischen Christen brandgefährlich. Nichts würde ihnen mehr schaden als von den neuen Machthabern in Syrien als Fünfte Kolonne wahrgenommen zu werden. Wie es in Syrien – vor allem für die Christen - weitergeht, scheint im Moment noch völlig offen. Der syrisch-katholische Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, hat bei der Frühjahrsversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vor wenigen Tagen gesagt, es „würde ein islamisches Syrien dem Mosaik des syrischen Volkes, das auf unserer gemeinsamen Geschichte beruht, weder jetzt noch in Zukunft gerecht werden.“ Er macht sich große Sorgen, „da die derzeitige Regierung versucht, die Scharia als Grundlage für die neue Gesetzgebung durchzusetzen.“
Alfred Schlicht ist Islamwissenschaftler und Orientalist. Er ist Verfasser des Buches „Die Araber und Europa“ (Kohlhammer-Verlag)
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke