Die ultimative Ironie von Donald Trumps Projekt besteht darin, dass MAGA (Make America Great Again) im Grunde auf sein Gegenteil hinausläuft: Mach aus den USA einen BRICS-Staat, eine lokale Supermacht, die auf Augenhöhe mit anderen neuen lokalen Supermächten (Russland, Indien, China) interagiert. Beide Friedensperspektiven, mit denen sich Trumps Regierung derzeit befasst – im Gazastreifen und in der Ukraine – sind ein Beispiel dafür, wie die gerade entstehende BRICS-Welt funktionieren wird: Ja, sie wird multipolar sein, aber im Sinne einiger starker Staaten, die jeweils ihren eigenen Einflussbereich definieren und die Souveränität ihrer kleineren Nachbarn einschränken. Trumps Außenpolitik passt voll und ganz in die BRICS-Welt: Er gibt zu, dass die Ukraine im Einflussbereich Russlands liegt, während er darauf besteht, dass Kanada, Grönland, Mexiko und Panama im Einflussbereich der USA liegen.

Kann Europa die Kraft finden, MAGA etwas entgegenzusetzen, das man MEGA nennen könnte: Europa wieder groß machen, sein radikal-emanzipatorisches Erbe wiederbeleben? „Europa“ ist heute ein Terrain des ideologischen und politischen Kampfes. Viele Vorstellungen von Europa konkurrieren und sie überlagern sich: die konservative Vorstellung von Europa als Raum christlicher souveräner Staaten, die technokratische Vision von Europa als wirtschaftlicher Einheit und dergleichen mehr. In einem Interview am 15. Juli 2018, kurz nach einem stürmischen Treffen mit den EU-Staats- und Regierungschefs, bezeichnete Trump die Europäische Union als den ersten in der Reihe der „Feinde“ der USA, noch vor Russland und China.

Welches Europa aber stört Trump genauso, wie es europäische Populisten stört? Es ist das Europa der transnationalen Einheit: jenes Europa, das sich vage bewusst ist, dass wir uns über die Zwänge der Nationalstaaten hinwegsetzen sollten, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen; jenes Europa, das auch verzweifelt danach strebt, dem alten Motto der Aufklärung, der Solidarität mit den Schwächeren, irgendwie treu zu bleiben; jenes Europa, das sich der Tatsache bewusst ist, dass die Menschheit heute eins ist, dass wir alle im selben Boot sitzen (oder auf demselben Raumschiff Erde), sodass das Elend der anderen auch unser Problem ist.

Sloterdijks Diagnose

Wir sollten hier den Philosophen Peter Sloterdijk nicht unerwähnt lassen, der im November 2009 in der Zeitschrift „Cicero“ feststellte, der Kampf heute bestehe darin, das Überleben der größten wirtschaftspolitischen Errungenschaft des modernen Europas, des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates, zu sichern.

Sloterdijk zufolge ist unsere Realität – zumindest in Europa – die „objektive Sozialdemokratie“ im Gegensatz zur „subjektiven“ Sozialdemokratie: Man müsse unterscheiden zwischen der Sozialdemokratie als Panoptikum politischer Parteien und der Sozialdemokratie als „Systemformel“, die „die politisch-ökonomische Ordnung der Dinge“ genau beschreibe, „die den modernen Staat als Steuerstaat, als Infrastrukturstaat, als Rechtsstaat und nicht zuletzt als Sozialstaat und Therapiestaat definiert“: „Wir begegnen überall einer phänomenalen und einer strukturellen Sozialdemokratie, eine manifester und einer latenten Sozialdemokratie, einer, die als Partei auftritt, und einer, die in die Definitionen, Funktionen und Prozeduren der modernen Staatlichkeit als solcher mehr oder weniger irreversibel eingebaut ist.“

Diese Idee, die dem geeinten Europa zugrunde liegt, ist korrumpiert worden, halb vergessen, und nur in einem Moment der Gefahr sind wir gezwungen, zu dieser wesentlichen Dimension Europas, zu seinem verborgenen Potenzial zurückzukehren. Europa befindet sich in der großen Zange zwischen Amerika auf der einen und Russland auf der anderen Seite, die es beide zerstückeln wollen: Sowohl Trump als auch Putin unterstützten den Brexit, sie unterstützen die Euroskeptiker in allen Ecken, von Polen bis Italien.

Was stört sie an Europa, wo wir doch alle die Misere der EU kennen, die bei jeder Prüfung immer wieder erneut versagt: von ihrer Unfähigkeit, eine konsequente Einwanderungspolitik zu betreiben, bis zu ihrer miserablen Reaktion auf Trumps Zollkrieg? Es ist offensichtlich nicht dieses real existierende Europa, sondern die Idee Europas, die trotz aller Widrigkeiten zündet und in Momenten der Gefahr spürbar wird. Wir hören immer wieder, dass Europa bei der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz hinter den USA und China zurückbleibt. Aber manchmal ist es gut, zu spät zu kommen: So lassen wir andere die unvermeidlichen Fehler machen und steigen in den Prozess auf eine angemessenere Art und Weise ein.

Das Problem Europas besteht darin, seinem emanzipatorischen Erbe treu zu bleiben, das durch den konservativ-populistischen Ansturm bedroht ist – aber wie genau ist das zu verstehen? In seinen „Beiträgen zum Begriff der Kultur“ von 1949 bemerkte der große Konservative T. S. Eliot, dass es Momente gebe, in denen die einzige Wahl zwischen Ketzerei und Unglauben besteht, in denen die einzige Möglichkeit, eine Religion am Leben zu erhalten, darin besteht, sich von ihrem Hauptkörper abzuspalten. Das ist es, was heute getan werden muss: Der einzige Weg, die Populisten wirklich zu besiegen und zu retten, was von der liberalen Demokratie noch zu retten ist, ist die Abspaltung einer Sekte vom Hauptkörper der liberalen Demokratie. Manchmal ist der einzige Weg, einen Konflikt zu lösen, nicht die Suche nach einem Kompromiss, sondern die Radikalisierung der eigenen Position – Trump weiß das sehr gut, und wir Europäer sollten das auch lernen.

Leugnen, genießen, verleugnen

Heute sind wir einer ganzen Reihe von beunruhigenden, ja, traumatischen Ereignissen ausgesetzt: die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, Kriege, Migrationswellen, der Zerfall des sozialen Gefüges, das eine Gesellschaft zusammenhält ... Wie sollten wir (und mit „wir“ meine ich einfach diejenigen, die diese Ereignisse als ernsthafte Bedrohung wahrnehmen) also auf diese Situation reagieren? Die Antwort des gesunden Menschenverstands – einen kühlen Kopf bewahren, die Situation sorgfältig analysieren und sehen, was realistischerweise getan werden kann – ist offensichtlich zu flach: Jeder würde ihr im Prinzip zustimmen, was sie zahnlos macht. Ein viel besserer Ansatz ist es, zu sehen, welche Optionen uns zur Verfügung stehen. Soweit ich das sehe, gibt es drei.

Offenes Leugnen: Das ist alles übertrieben, machen wir einfach weiter mit unserem Leben. Diese Strategie wird vor allem von der Neuen Rechten und ihren Verschwörungstheorien angewandt (Leugnung des Klimawandels, Impfungen verursachen Autismus usw.), obwohl in letzter Zeit auch linke Versionen aufgetaucht sind (Variationen des Themas, dass die ökologische Panik, die Covid-Pandemie und der Krieg in der Ukraine allesamt Erfindungen des Großkapitals sind, um die Arbeiter unter Kontrolle zu halten).

Eine Faszination für die apokalyptische Bedrohung, die diese als unausweichlich und, perverserweise, als etwas, das wir genießen sollten, annimmt. Diese Haltung wird natürlich selten explizit formuliert, aber sie durchdringt unser Denken oft als obskures Fundament: „Europa ist kaputt.“

Die dritte und interessanteste Option: Verleugnung. Wie die slowenische Philosophin Alenka Zupančič gezeigt hat, offenbart Verleugnung am besten die Struktur, die unserer heutigen gesellschaftlichen Reaktion auf traumatische und beunruhigende Ereignisse zugrunde liegt, vom Klimawandel bis hin zu beunruhigenden tektonischen Verschiebungen in unserem sozialen Gewebe. Im Gegensatz zur simplen Leugnung und Negation zeichnet sich die Funktionsweise der Verleugnung dadurch aus, dass wir das, was wir verleugnen, voll und ganz anerkennen – ihre Logik ist die des bekannten französischen Satzes „je sais bien, mais quand meme ...“, also: „Ich weiß sehr wohl (es ist wahr), aber trotzdem (glaube ich nicht wirklich daran)“.

Diese Haltung wird immer mehr zum vorherrschenden Modus, der unser soziales und politisches Leben bestimmt. Wir sehen, wie sie von großen Teilen der Menschen gelebt wird, die den Klimawandel und den drohenden Zusammenbruch der Umwelt als wissenschaftliche Realität akzeptieren, sich aber trotzdem weiter fortpflanzen, Auto fahren, Fleisch essen, sich auf Technologien verlassen und so weiter, als ob die Ressourcen des Planeten unbegrenzt und nicht erschöpft wären: „Ich weiß sehr wohl, dass unsere Umwelt in ernsten Schwierigkeiten steckt, aber trotzdem ... (das Leben muss weitergehen, unsere individuellen Wünsche sind es immer noch wert, verfolgt zu werden, im Grunde geht es weiter wie bisher).“

Risiken eingehen, Tabus brechen

Wie können wir einer solchen Verleugnung entgegenwirken? Nicht einfach dadurch, dass wir das, was wir wissen, ernst nehmen, ohne es zu verleugnen, sondern dadurch, dass wir das Gegenteil von Verleugnung praktizieren: Wir wissen sehr wohl, dass die Situation zum Verzweifeln ist, dass das, was uns erwartet, die Katastrophe ist, aber dennoch sollten wir mit vollem Engagement handeln, um sie zu verhindern. Wie jedoch kann diese scheinbar irrationale Strategie funktionieren?

Sie kann deshalb funktionieren, weil das Wissen, das in „was wir sehr gut wissen“ enthalten ist, nicht neutral ist: Seine Objektivität ist bereits voreingenommen. Was wir „sehr gut wissen“, was „offensichtlich“ ist, was als selbstverständlich akzeptiert wird, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern in den Sand gezeichnet; es ist eine gesellschaftlich konstruierte, gemeinsame hegemoniale Meinung, die ihre eigenen Risse und Ungereimtheiten verschleiert, um unveränderlich zu erscheinen. Unsere Aufgabe ist es, sie zu ändern. Es geht nicht darum, „alternative Fakten“ zu liefern, sondern den Rahmen zu untergraben, der uns dazu bringt, bestimmte Fakten auszuwählen und andere zu ignorieren.

Deshalb geht es hier nicht um die übliche Verleugnung von Tatsachen, sondern um einen mutigen Akt, ein Risiko einzugehen und unsere nur scheinbaren Grenzen zu ignorieren. So sollten wir uns der Aussicht auf eine ökologische oder soziale Katastrophe stellen, wenn es nach dem französischen Ingenieur und Philosoph Jean-Pierre Dupuy geht: nicht die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe „realistisch“ einschätzen, sondern sie – in diesem Fall die neue BRICS-Multipolarität der Mächte – als unser Schicksal, als unvermeidlich, akzeptieren und uns dann mobilisieren, um den Akt zu vollziehen, der das Schicksal selbst verändert – und dadurch neue Möglichkeiten innerhalb einer gegebenen Situation eröffnet.

Deshalb sollten wir heute die Haltung eines prinzipiellen Pragmatismus einnehmen. Groucho Marx sagte: „Das sind meine Prinzipien, und wenn sie euch nicht gefallen, dann habe ich eben andere.“ Das ist die Formel für prinzipienlosen Pragmatismus: wenn die Machthaber ihre Prinzipien ändern, nur um an der Macht zu bleiben. Daneben gibt es das dogmatische Verfechten von Grundsätzen: Wir halten an ihnen fest, auch wenn das wirtschaftliche und soziale Verwerfungen bedeutet. Prinzipieller Pragmatismus ist nicht das Streben nach einem richtigen Verhältnis dieser beiden Gegensätze, sondern bedeutet etwas viel Präziseres: Wenn sich eine Situation radikal ändert, müssen wir viele unserer Positionen ändern, um unseren Grundprinzipien treu zu bleiben.

Vieles wird geschehen müssen – nicht zuletzt müssen wir den Mut aufbringen, eines der großen Tabus zu brechen: Wir müssen die Planung rehabilitieren – eine groß angelegte, verbindliche Planung, nicht nur eine vage „Koordination“ oder „Zusammenarbeit“. Es gibt einfach keinen anderen Weg, um den Krisen zu begegnen, die unser Überleben bedrohen. Im gesellschaftlichen Leben können Zusammenbrüche auf verschiedenen Ebenen stattfinden, von intimen Entscheidungen bis hin zu globalen Veränderungen. Was sie kennzeichnet, ist das Paradox zweier Eigenschaften, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: Ihr Ausgang ist nicht vorhersehbar und noch weniger planbar, aber gerade deshalb müssen wir gut organisiert sein, wenn sie näherrücken ...

Kurz gesagt: Obwohl sie nicht planbar sind, verlangen sie von uns eine Menge Planung. Nachdem wir konkurrierende Überlegungen sorgfältig umrissen haben, müssen wir in dem vollen Bewusstsein handeln, dass wir unsere Position aufgrund unerwarteter Konsequenzen unseres Handelns möglicherweise ändern müssen.

Das ist die Wahl, vor der Europa heute steht. Es ist nicht die Zeit für bescheidenen pragmatischen Realismus: Wenn Europa überhaupt überleben will, muss es als Supermacht auftreten. Nicht nur als eine weitere Supermacht im neuen BRICS-Multilateralismus, sondern als potenzieller Verbündeter all jener Staaten, die Opfer der BRICS-Koexistenz der Großmächte sind. Kurz gesagt, als die einzige Zivilisation, die der Idee der globalen Solidarität mit dem Schwächeren treu bleibt. Das klingt utopisch, aber ich will damit sagen, dass Europa nur auf diese Weise überleben kann – wenn es nämlich lediglich einer der neuen starken Akteure der BRICS werden will und seinen Namen in die Liste der USA, Russlands, Chinas, Indiens einreiht, wird es verschwinden.

Aus dem Englischen von Christina Borkenhagen.

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