Deutschland habe zu viele Soziologen, urteilte im Oktober 1968 der SPD-Fraktionsvorsitzende und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Wir brauchen viel mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen.“ Ein hartes Verdikt, ausgesprochen auf dem Höhepunkt studentenbewegter Radikalität auch gegenüber Professoren, für eine akademische Disziplin, der man kaum absprechen konnte, in den Jahren nach dem Nationalsozialismus genau dafür angetreten zu sein: Der Gesellschaft zu nützen, indem man valide Daten lieferte, „die sich in der Praxis verwerten ließen, um den Wiederaufbau voranzubringen“, so der Kultursoziologe Thomas Wagner in seinem Buch „Abenteuer der Moderne. Die großen Jahre der Soziologie 1949–1969.“
Wie es in dieser Frühzeit der bundesrepublikanischen Soziologie um den Anstand manch eines ihrer Vertreter bestellt war, stand jedoch auf einem anderen Blatt. Acht soziologische Lehrstühle gab es in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Westdeutschland. Nur drei davon waren mit Gelehrten, die Deutschland in den zwölf Jahren vor 1945 inhaftiert, der Möglichkeiten, ihren Beruf auszuüben beraubt oder ins Exil gezwungen hatte, besetzt: Max Horkheimer lehrte in Frankfurt, in Köln René König, Otto Stammer in Berlin. „Auf den übrigen fünf saßen Arnold Gehlen, Helmut Schelsky, Gerhard Mackenroth, Max Graf zu Solms und Werner Ziegenfuß.“ Die ersten drei waren „zumindest phasenweise überzeugte Nazis gewesen“, schreibt Wagner.
Das war freilich in anderen Bereichen des Geisteslebens ganz ähnlich, wie Wagners Blick auf die Zeitungs- und Rundfunklandschaft der Zeit beweist: „Autoren, die bereits im ‚Dritten Reich‘ publiziert hatten, stellten mehr als vier Fünftel des Personals in den Medien, die sich mit Politik und Kulturfragen befassten.“ Was auch damit zusammengehangen habe, schreibt der Kultursoziologe, dass der progressive Teil der geistigen und medialen Elite nach 1933 ihrer Heimat den Rücken gekehrt habe und höchstens ein Drittel der nach 1933 etwa 3000 geflohenen Intellektuellen aus dem Exil zurückgekommen seien. „Nur 180 von rund 2000 Journalisten fanden hiernach wieder einen Platz bei einer Zeitung oder Zeitschrift, während zwischen 60 und 70 in der Nachkriegszeit bei Radiosendern unterkamen.“
„Reflexionen aus dem beschädigten Leben“
Dass man auf sie gewartet hätte, kann man nicht sagen: „Weit verbreitet war ein Misstrauen gegen Remigranten, die man in Fortschreibung eines von den Nazis propagierten Feindbilds als ‚eine vorwiegend jüdische linksintellektuelle Gruppe‘ betrachtete“, so Wagner. Ohnehin hätten die primären Opfer des Nationalsozialismus, „die ermordeten Juden, Sinti und Roma sowie Kommunisten und weitere Opfergruppen“ kaum im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gestanden. Meisterhaft zeichnet Wagner ein prägnantes Bild des Nachkriegs. Einmal erwähnt er eine Briefmarke von 1953: Ein kahlgeschorener, „wie im Schmerz gereckter Kopf hinter Stacheldraht. Daneben stand: ‚Gedenket unserer Gefangenen‘.“ Die Wehrmachtssoldaten, die noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft waren, seien vielen Deutschen schon deshalb näher gegangen „weil die eigenen Ehemänner, Söhne, Kinder und Enkel darunter waren“.
Aus dem Krieg zurückgekehrt war Arnold Gehlen (1904–1974), der bereits auf eine akademische Karriere mit Stationen unter anderem auf dem „Kant-Lehrstuhl“ in Königsberg und in Wien zurückblicken konnte. 1933 war er der NSDAP beigetreten, hatte im selben Jahr das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“ abgelegt. Seit 1947 war er Dozent an der Akademie für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Heimgekehrt war auch Gehlens Schüler Helmut Schelsky (1912–1984). Beide hatten Kriegsverletzungen erlitten. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, bereits vor 1933 die intellektuellen Köpfe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS), hatten ins amerikanische Exil gehen müssen. Ätzend äußerte sich Gehlen 1951 Schelsky gegenüber zum Untertitel von Adornos „Minima Moralia“: „Reflexionen aus dem beschädigten Leben – woher gesehen?“
Dass die einen jenes Deutschland bejaht hatten, vor dem die anderen fliehen mussten, war nicht die einzige Konfliktlinie, die die Kritische Theorie von der kulturanthropologischen Sozialwissenschaft eines Gehlen oder Schelsky trennte. In seinem Buch „Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt“ von 1940 hatte Gehlen betont, dass die spezifische Weise des Menschen, mit den Herausforderungen seiner Umwelt umzugehen, auf die mangelnde Anpassung seiner Organe an diese zurückgeführt werden müsse.
Widerspruch der Frankfurter
Weniger die Tatsache, dass Gehlen in diesem Buch Anleihen bei der 1922 erschienen Studie „Das Menschheitsrätsel“ des jüdischen Mediziners Paul Alsberg gemacht hatte – der wurde von den Nazis im KZ Oranienburg interniert und musste 1934 emigrieren –, erregte den Widerspruch der Frankfurter, sondern die Schlussfolgerung, die er aus seinem Befund vom Menschen als „Mängelwesen“ zog: Selbstgeschaffene Institutionen, notwendig, um dem „nicht festgestellten Tier“ (Nietzsche), dem es an Instinkten mangele, das Überleben zu sichern, zu kritisieren, kam für Gehlen kollektivem Selbstmord gleich.
Dass sich der Mensch ebenjene Institutionen – bei Gehlen ein weitgefasster Begriff, der Hochschule und Industriebetrieb, Gemeinde, Verwaltung, Armee, Parlament sowie die Ehe umfasst – selbst geschaffen habe, hätten Kritische Theoretiker kaum bestritten. Der Aufklärung verpflichtet, sahen sie ihr Geschäft in der permanenten Hinterfragung ebenjener Institutionen, die in ihren Augen dazu tendierten, den Menschen zum hilflosen Anhängsel zu degradieren.
Entgegen aller Wahrscheinlichkeit entwickelte sich zwischen dem Exilanten Adorno und dem Rechtskonservativen Gehlen, der, – so Wagner – die Rechtmäßigkeit seines Tuns von 1933 bis 1945 nie in Zweifel zog, eine Verbindung, die nicht nur zu mehreren Radio- und Fernsehdiskussionen führte, zu einem fast freundschaftlichen Briefwechsel und zu gegenseitigen Besuchen und Ausflügen nebst Gattinnen. Bis dahin war es ein steiniger Weg, was zwei Gutachten beweisen, die aus dem Frankfurter IfS nach Heidelberg gingen, wo Gehlen heißester Anwärter auf einen vakanten Soziologie-Lehrstuhl war. Unterzeichnet sind sie einerseits mit Horkheimer, andererseits mit Adorno.
Pikant: Adorno hatte „den Entwurf für Horkheimers Gutachten gleich mitgeschrieben – und zwar so, dass es sich mit den Formulierungen seines eigenen nicht überschnitt“. Noch pikanter: Bei Formulierungen wie „Das gesamte Instrumentarium des Faschismus ist beisammen“ stützte sich Adorno nicht auf tiefere Kenntnis des Gehlenschen Werks. Der junge Jürgen Habermas, durchaus beeindruckt von Gehlens Anthropologie, hatte den Professor mit Exzerpten munitioniert. Gehlen, der wohl nie von dieser konzertierten Frankfurter Aktion erfahren hat, wollte seinerseits in frühen Kontaktaufnahmen Horkheimers „Spioniererei“ erkennen.
Dass man sich wenig später intellektuell schätzen lernte, wurde vielleicht auch erleichtert durch die geteilte Hochachtung für Gottfried Benn, der übrigens wie Gehlen nie Gewissensbisse gegenüber seinem Nazi-Engagement erkennen ließ und trotzdem, wie der Soziologe, zu einem intellektuellen Star der frühen Bundesrepublik avancieren konnte.
Schönes Durcheinander
Gehlen und Adorno hatten ähnliche Ansichten zur modernen Kunst, wobei Gehlen Malerei, Adorno Musik wichtiger war und teilten einen kulturpessimistischen Grundzug, der in Adornos „Lager“ kritisch beäugt wurde. Von René König zum Beispiel. Der schrieb 1961 an Adorno, „um Ihnen ganz offen und freundschaftlich meine große Sorge mitzuteilen, dass Sie sich in Ihren Standpunkten, sofern sie Kulturkritik betreffen, immer mehr an die Gruppe Freyer, Gehlen, Schelsky annähern“.
Ein wissenschaftshistorischer Befund Wagners ist zentral: Adorno und Horkheimer betrieben, wie viele ihrer Kollegen, in den Nachkriegsjahren, Soziologie mit Blick auf ihren praktischen Nutzen, den Wiederaufbau. „Da machte es keinen großen Unterschied, ob man sich während des Kriegs als Exilant in den USA methodisch auf den neuesten Stand gebracht oder sich in Nazi-Deutschland mit praktischen Fragen der ‚Bevölkerungspolitik‘ befasst hatte“, schreibt Wagner. Berührungsängste gegenüber Ex-Nazis, zumal angesichts eines bescheidenen Talentpools, mögen auch deshalb hintan gestellt worden sein. Das suggerieren auch viele Berufungen an das IfS in diesen Jahren.
Dass Geschichte „messy“ ist, unordentlich, ist ein Leitspruch des amerikanischen Historikers Peter Novick. Schon 2017 hat Wagner in „Die Angstmacher“ in der sogenannten neuen Rechten Anleihen bei Spontis und Antiimperialisten entdeckt. Da also, wo viele in direkter Abstammungslinie in der sachsen-anhaltinischen Provinz nur Ernst Jüngers Enkel sehen wollen. Doch auch Gehlen spielte in „Die Angstmacher“ eine Rolle. Wie Wagner sich jetzt auf Buchlänge dem großen Rechtsaußen der deutschen Soziologie widmet, ist ein großer Glücksfall.
Dass er es nicht leicht verdaulich mag, dafür spricht auch, dass seine Erzählung von den „großen Jahren der Soziologie“ nicht nur von Adorno als Sparringspartner Gehlens handelt, sondern – als Sub-Plot – auch die freundschaftliche Verbundenheit des DDR-Intellektuellen Wolfgang Harich zum West-Soziologen stets präsent ist. Harich wollte Gehlens Denken mit dem Marxismus versöhnen – und versuchte ihn sogar an die Ost-Berliner Humboldt-Universität zu locken. Schönes Durcheinander.
Thomas Wagner: „Abenteuer der Moderne. Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969.“ Klett-Cotta, 336 S., 28 Euro.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke