Die künstlerische Moderne in Brasilien kam spät, aber dafür mit Wucht. Nachdem 1888 die Sklaverei abgeschafft und nur ein Jahr darauf die Republik gegründet wurde, kam es in den Künsten zu einem Aufschwung, der im 20. Jahrhundert in den Modernismo mündete, wie er sich selbstbewusst auf der Semana de Arte Moderna 1922 in São Paulo präsentierte.

Am Anfang war die Neugier, wie nun die große Ausstellung „Brasil! Brasil! The Birth of Modernism“ in der Royal Academy in London zeigt. Gemälde wie die von Tarsila do Amaral zeigen Körper leuchtenden Fleisches, Landschaften in üppigem Grün und strahlendem Blau. Es ist, als ob die Bilder fragten, was das für ein Land ist und welche Menschen darin leben.

Tarsila do Amaral war eine wichtige Protagonistin des Modernismo. Ihr Gemälde „Abaporu“ („Menschenfresser“) inspirierte ihren damaligen Mann Oswald de Andrade 1928 das „Anthropophage Manifest“ zu verfassen, in dem er einen „kulturellen Kannibalismus“ propagierte. Andrade spielt auch in der Londoner Ausstellung eine zentrale Rolle, mit dem „Porträt von Oscar“ (1925) von Anita Malfatti.

Der mit kräftigen Strichen gemalte junge Mann zieht einen mit seinen großen Augen und expressiven Brauen in den Bann. Der rote Mund ist leicht geöffnet, im Hintergrund sind stürzende Flächen in kräftigen Grün- und Rottönen. So stellt man sich jemanden mit Erfahrungshunger und wildem Denken vor.

Will man den brasilianischen Modernismo verstehen, kommt man an Oswald de Andrade nicht vorbei. Bis heute ist seine Hymne auf den Kannibalismus eine Provokation, nicht nur für Veganer. „Mich interessiert nur das, was mir nicht eigen ist. Gesetz des Menschen. Gesetz des Anthropophagen“, schreibt er in seinem Manifest, das „im Jahre 374 nach der Verschlingung des Bischofs Sardinha“ verfasst wurde.

Karnevalisierung ohne postkoloniale Aufpasser

Sardinha war zwischen 1552 und 1556 der erste Bischof Brasiliens, der von einheimischen Tupinambá nach Schiffbruch verspeist wurde. „Tupi, or not tupi that is the question“, witzelt er in dem Manifest. Andrade will keinen realen Kannibalismus praktizieren, ihm geht es um das „Symbol der Verschlingung“.

Der symbolische Kannibalismus ist nicht weniger als ein Lob der kulturellen Aneignung. Alles zu verschlingen, sich aneignen und enteignen, karnevalisieren, kreolisieren, barockisieren; es gibt viele Worte dafür, dass dem brasilianischen Denken nichts ferner liegt als die heutigen Isolationszellen im identitätspolitischen Kulturknast mit ihren postkolonialen Aufpassern.

„Die Tupinambá waren immer eine ‚Konsumgesellschaft‘“, schreibt der brasilianische Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro in seinem Buch „Die Unbeständigkeit der wilden Seele“. Er spricht vom „mimetischen Enthusiasmus“. Man will den Anderen absorbieren, sich das Fremde einverleiben, um es sich verwandt zu machen und sich selbst zu verwandeln.

Der 1951 geborene Viveiros de Castro gilt als der wichtigste Anthropologe seit Claude Lévi-Strauss („Traurige Tropen“), als dessen Schüler er sich begreift. Besonders scharf greift er die postkolonial eingefärbte These an, dass seine Disziplin „nur ein perverses Theater ist, in dem der ‚Andere‘ immer nur gemäß der schmutzigen Interessen des Westens ‚repräsentiert‘ oder ‚erfunden‘ wird“, wie er in „Kannibalische Metaphysiken“ schreibt.

Dieser „selbstgefällige Paternalismus“ sei eine der „perversesten Manifestation des Ethnozentrismus“. Es gibt für Viveiros de Castro keinen allmächtigen Westen, der meint, im Anderen immer nur die eigene Konstruktion zu sehen. Was es für ihn gibt, ist eine Begegnung, die alle Beteiligten verändert.

Begegnung mit den europäischen Avantgarden

Viveiros de Castro warnt davor, in die Falle einer denkfaulen Kritik des Eurozentrismus und der kulturellen Aneignung zu geraten, in der man landet, wenn man sich die Welt nur als Konstruktion alter, weißer Männer oder westlicher „Strukturen“ vorstellen kann. Umgekehrt: Weil Europa verschlungen hat, was für es fremd war, hat es sich selbst verändert.

„Man könnte fast sagen, dass die Lektionen, nach denen Montaigne die Indianer Brasiliens fragte, über Rousseau in die politischen Lehren der Französischen Revolution eingingen“, schreibt Lévi-Strauss in „Wir sind alle Kannibalen“. Von Sigmund Freuds „Totem und Tabu“ bis Friedrich Nietzsches Rede vom „Raubtier“, überall finden sich Spuren dieser Begegnung.

So haben die meisten der in der Royal Academy ausgestellten Künstler aus Brasilien die Begegnung mit den europäischen Avantgarden in Berlin, Paris oder London gesucht. Das Eigene wollte man im Anderen finden. So muss Vicente do Rego Monteiros wunderbare „Frau vor dem Spiegel“ (1922) den Vergleich mit Picasso wirklich nicht scheuen.

Ebenso beeindruckend in seiner leuchtenden Farbigkeit und Einfachheit der Formen ist „Entwurf für Miss Brasilien“ (1931) des für seine provokativen Kunstwerke und Theateraktionen bekannten Flávio de Carvalho, den Oswald de Andrade einmal den „idealen Anthropophagen“ nannte. Ein künstlerischer Allesverschlinger, der sich den Auftrag gab, Brasilien zu „entprovinzialisieren“. Das widerlegt die eigenartige Vorstellung, die Kunst des „Globalen Südens“ fände nur in Reishütten statt.

Die Gemälde spiegeln auch die Geschichte Brasiliens im 20. Jahrhundert wider. Während in „Drachen steigen lassen“ (1950) von Djanira da Motta e Silva vorn eine vergnügte Kindermeute zu sehen ist, sind im Hintergrund einige Neubauten zu sehen, die an den großen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer denken lassen. Die Schattenseiten des Fortschritts zeigt hingegen Candido Portinaris „Die Flüchtlinge“ (1944), ein zerlumptes Häuflein verlorener Menschen mit zerstörten Gesichtern, von ihrem Land vertrieben und deklassiert durch die Gegend ziehend. Bis heute sind die „Landlosen“ ein großes Thema in Brasilien, seit Kolonialzeiten ist der größte Teil des Landes im Besitz weniger Eigentümer.

Was mit Gesichtern und Landschaften begann, landet bei abstrakten Mustern und Flächen, wie in den Gemälden und Fotos von Geraldo de Barros. Mit dem Militärputsch von 1964 und der Verfolgung von Linken und Liberalen, sehr eindrücklich in dem oscarprämierten Film „Für immer hier“ von Walter Salles zu sehen, kam der Modernismo zu seinem Ende. Doch gerade in der Lust, sich in der Einverleibung des Fremden selbst zu verändern, ist die brasilianische Moderne ein inspirierendes Modell. Man spricht sogar schon von der „Brazilian Theory“, als Nachfolgerin der French und Italian Theory. Wer sich von der überwältigenden Schönheit des kulturellen Kannibalismus überzeugen möchte, hat in London die Möglichkeit.

„Brasil! Brasil! The Birth of Modernism“, bis zum 21. April 2025, Royal Academy, London

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