Am Himmel des Kracht-Kosmos steht der neue Roman wie ein Komet – ein Eindringling, der erst auf den zweiten Blick dazugehört. Er wirkt kühl und schroff und bringt doch alles mit, was Kracht zu Kracht macht, all die Romane hindurch, von „Faserland“ bis „Eurotrash“: die Pilgerreise, den Spin ins Fantastische, eine elegische Poesie, die die Sätze glitzern lässt, das Grundgefühl einer den Hals zuschnürenden Vergeblichkeit und, irgendwo fern, ein Hoffnungsschimmer.

Ein Mann namens Paul hat beträchtliche Meisterschaft im Verschwinden erreicht. Er lebt allein im schottischen Stromness auf den Orkney-Inseln. Schon die ersten Sätze des Romans beschwören das Überzeitliche: „Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich. Es war eine Zeit, in der viele Dinge schnell erworben und dann wieder vergessen wurden.“

Rätselhaft. Sind die Sorgen nun echt oder nicht? Oder verweist das „auch nicht wirklich“ darauf, dass das Folgende ausgedacht ist? Während das „Es war eine Zeit“ nur Millimeter vom „Es war einmal“ der Brüder Grimm entfernt scheint, könnte man die zweite Hälfte des Satzes für eine Bestandsaufnahme des Kapitalismus halten. Also ein Märchen aus unserer Gegenwart?

Paul ist eine Art Innenarchitekt (wie einst der Erzähler in „1979“), darauf spezialisiert, das perfekte Rot für die Salons pingeliger Herzöge zu finden sowie bis auf die Seele entkernte Häuser, deren patinierte Holzbohlen Plastikparkett mit Fußbodenheizungen weichen mussten, so weit aufzumöbeln, dass sich solvente Käufer in die Simulation von Aura verlieben. Er legt alte Kelims aus oder Schafwollteppiche, „und wenn der Fotograf kam, dann arrangierte er sorgfältig orangefarbene Rhododendronzweige in tönerne Krüge“.

„In dieser Welt aus beschämender Distanzlosigkeit“

Paul hat wenig übrig für diese Jobs, wie sollte er auch, dieser minimalistische Kauz, der selbst in Stromness davon träumt, nach Fair Isle zu ziehen, „weiter nordöstlich, mitten im Meer“. Dort würden Zugezogene erst nach fünf Generationen akzeptiert. „Und so müsste es ja eigentlich sein“, denkt Paul, „in dieser Welt aus beschämender Distanzlosigkeit, Instagram und den Schrecknissen der vernakulären Architektur.“ Er abonniert das Magazin „Kūki“, das sich der „Exklusion“ verschrieben hat, „der letzte dies, der einzige das“. Reportagen widmen sich japanischen Bürstenbindern, und sogar die Orkney-Bäckerei hat sich anerkennend darin wiedergefundenen.

Zufällig trudelt eine Mail ein, „Kūki“ erbittet Pauls Dienste. Das Green Mountain Datenzentrum im norwegischen Stavanger sei einer der großen Erinnerungsspeicher der Menschheit. Trillionen Fotos von Geburten, Reaktorunfällen und Katzenbabys lägen dort auf den Festplatten – „Erinnerungsschwärme“, womöglich eine Form des ewigen Lebens. Es gelte, diese Kathedrale der metaphysischen Mnemosyne in einem „perfekten, einmaligen Weiß“ anzustreichen. Paul macht sich auf die Wollsocken.

Bald wandert er andächtig durch das Hightech-Spiegelkabinett. Jäh trifft ein Sonnensturm auf die Erde. Die Auswölbung elektromagnetischer Strahlung fährt verheerend in Halbleiter und grillt alle Elektronik. Nun strebt Krachts Poetik ins Naturgesetzhafte: „Ein Ereignis folgte dem anderen“, heißt es, „denn Geschichten waren in der Raumzeit ebenso unzerstörbar wie Materie und Energie.“ Diesen bislang unentdeckten dritten Hauptsatz der Thermodynamik muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er sorgt dafür, dass Paul verschwindet, nicht nur aus Stavanger, sondern aus der Welt – und in einer anderen auftaucht.

Die Kapitel sind parallel montiert; auf eines in Stromness oder Stavanger folgt ein anderes, das sich anfühlt, als wären wir in einem der „Erdsee“-Romane von Ursula K. Le Guin gelandet. In einem namenlosen „Magier“ erkennen wir allmählich Paul. Er hat eine Keramikpistole im Gepäck, ähnlich jener, deren Bauplan mittels 3D-Drucker in einer Broschüre ausgeführt wird, die Paul nach Stavanger mitgebracht hat. Sie erweist sich als Update von Tschechows Gewehr, jener sprichwörtlichen Waffe, die früher oder später abgefeuert werden muss. Ein subkutaner Gag, das Höchste, was der gestrenge Roman sich an Humor erlaubt.

Die Broschüre stammt aus einer Büchertauschstation auf dem Weg zur Orkneyschen Sauerteigbäckerei. Dort hat Paul auch eine Ausgabe der „Brüder Löwenherz“ mitgenommen. In gewisser Weise handelt es sich bei „Air“ um einen Remix des Lindgren-Romans mit seinen Motiven unverbrüchlicher Freundschaft und des Trosts im Angesicht des Todes. Bei Lindgren folgt ein sterbender Bruder dem anderen in eine Welt, von der es heißt, dass sie nur Station sei in einem endlosen Reigen von Tod und Wiedergeburt.

Das Versunkene als Ware

In der Welt, in der Paul sich wiederfindet, geht die Sonne im Westen auf, weshalb er auf der Flucht in die falsche Richtung läuft, fast dem Herzog in die Arme, der über jene Lande ein grausames Regiment führt. Zum Glück bemerkt es die junge Ildr rechtzeitig. Sie ist erst neun, so wie der lungenkranke Krümel aus den „Brüdern Löwenherz“, und ein Waisenkind. Gemeinsam ziehen sie los, ein ungleiches Paar, aber umschweiflos verschworen wie der Erzähler aus „Eurotrash“ und seine moribunde Mutter.

Auch die Dialoge der beiden ähneln jenen aus Krachts letztem Buch. Sie tauschen einfache Sätze von poetischer Tiefe. Alles wird immer flacher, befindet Paul. Und es stimmt; durch eine Wüste aus Stein erreichen sie eine andere aus Eis. Von dort nähert sich ein alter Bekannter: Cohen, der „Kūki“-Chef. Er ist durch eigene Hand gestorben und hat sich aufgemacht ins Land Nangijala, wie es bei Lindgren heißt. Seine erlesene Zeitschrift zur Vermeidung der monströsen Postmoderne, ist ihm klar geworden, war immer nur deren List, „um das Versunkene erneut als Ware anbieten zu können, allerdings zum hundertfachen Preis“. Am besten, „man brachte sich einfach um“.

„Air“ hat etwas von einem Hilferuf. Das durch und durch Ware gewordene Diesseits ist so viel unattraktiver als das erdichtete Traumland jenseits der Todesschwelle. Wenn es einen letzten Abgesang auf die Popliteratur gebraucht hätte, wäre er das. Doch bei aller Mattig- und Vergeblichkeit, die die Atmosphäre durchdringt wie die Seuche, die Ildrs Mutter dahingerafft hat, scheinen immer wieder Trost spendende Leuchtfeuer auf.

Da ist der Regen, der Wunden heilt, Alte verjüngt und Tote zum Leben erweckt. Oder die Freundschaften mit Cohen, Ildr und einer treuen Hündin. Als Cohen im Land des ewigen Eises strandet, erwartet ihn ein kleines Ruderboot, das den gleichen Namen trägt wie jenes, das Paul in Stavanger sein Eigen nennt: Dóchas, Irisch für Hoffnung. „Air“ ist Krachts Frau Frauke und seiner Tochter Hope Elizabeth gewidmet. Solcherart sind die Motive ineinander verflochten.

Das dem Roman vorangestellte Gedicht von William Butler Yeats, „The Song of Wandering Aengus“, reiht sich ein. Das lyrische Ich ist ein alter Mann. Einst hat er Magie gewirkt und eine Bachforelle in ein kleines Mädchen verwandelt, schimmernd, Apfelblüten im Haar. Seither zieht er umher, auf der Suche nach jener nie verdorrten Epiphanie. Der Ton hält die Waage aus der Vergeblichkeit des Unterfangens und heiterem Glück, dass solche Schönheit möglich ist.

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