Fangen wir mit gleich zwei Geständnissen an, was normalerweise für einen Kriminalfilm mindestens eins zu viel ist. Aber was ist schon normal bei Klaus Borowski? Der, beziehungsweise Axel Milberg, der ihn im „Tatort“ spielt, war 22 Jahre und 44 Ermittlungen lang auf der Jagd nach Geständnissen (wobei – Jagd trifft es beim Bewegungsökonomen Borowski nicht so).

Jetzt – so geht es los in „Borowski und das Haupt der Medusa“ – steht der Kommissar vier Tage vor seiner Pensionierung, die Kollegen bereiten sich darauf vor, ein T-Shirt („Natural born Kieler“) ist gedruckt. Es ist, weil Milberg es so wollte, Borowskis letzter Fall.

Wir – erstes Geständnis – werden ihn vermissen. Seine Cord-Joppen, seinen ungelenken Gang, seinen staunenden, streunenden Hundeblick, seine Art, das Handy so zu benutzen, als hätte es noch eine Wählscheibe, seine erratische Verhörtechnik, seine Angewohnheit, sich derart in die Untiefen gestörter – vor allem weiblicher – Seelen zu begeben, dass man ein ums andere Mal Angst bekam, einer der Kieler Psychos, die ihm die durch die Bank hervorragenden Drehbuchautoren in den stets sehr eigenen, gern skurrilen und spökenkiekerischen Geschichten an den Hals schrieben, könnte ihm den Garaus machte.

Ob der Klaus – zweites Geständnis – nun das überlebt, was ihm Drehbuchautor Sascha Arango (dem er schon beispielsweise die gleich mehrfache Begegnung mit Lars Eidinger als völlig gestörtem Stalker Kai Korthals verdankt) diesmal auferlegt hat, wissen wir nicht. Um die krokodilstränenverströmende Journalistenmeute beim Borowski-Nachrufschreiben gar nicht erst auf die Idee des Spoilerns zu bringen, hat man sie die letzten zehn Minuten von „Borowski und das Haupt der Medusa“ nämlich gar nicht schauen lassen.

Bis dahin, soviel sei gestanden, haben Milberg und Arango und August Diehl, der in „Medusa“ nicht nur sein „Tatort“-Debüt gibt, sondern auch mit einer extrem hässlichen Grandezza den Kai-Korthals-Preis für gefährliche Irre in einem „Tatort“ bekommt, alles getan, dass einem Klaus Borowski und seine Welt fehlen wird – egal, wohin er am Ende verschwindet.

Die Geschichte geht so: Borowski, einer der zentralen Erforscher der Bürgerdämonologie im deutschen Kriminalfilm, stolpert wieder mal aus Eigensinn durch die Hintertür in einen Fall prekärer Familienverhältnisse. Und wie eigentlich immer bei Arango ist nicht interessant, wie einer zum Mörder wurde, sondern was die Tat mit ihm macht.

Wir sind in Düsternbrook, das ist ein Viertel von Kiel, das – wenn man „Borowski und das Haupt der Medusa“ glauben darf – man sich vorstellen muss wie eine Ansammlung offener Särge in Villenform, in denen Menschen leben, die nicht wissen, dass sie eigentlich tot sind.

Bobbele und die Mutter aus der Hölle

Die Frosts zum Beispiel. Elenor und Robert. Er (August Diehl) ist Mitte vierzig, aber schlecht gealtert, sie (Corinna Kirchhoff) seine Mutter aus der Hölle. Wer wissen möchte, was Norman Bates zu dem machte, der er in „Psycho“ ist, schaue diesen „Tatort“.

Wir wohnen, damit geht es los, einer Demütigung der Extraklasse bei, in deren Verlauf Mutti Frost, die mit ihrem „Bobbele“ mehr verbindet als nur Mutterschaft, ihren Sohn nach allen Regeln der freudianischen Kunst fertigmacht. In einem Haus, dessen Inneneinrichtung allein selbst die Resilientesten unter uns über den Rand des Wahnsinns befördern würde.

Es ist ein Abend im Spätherbst. Es gibt Gulasch, es schmeckt ihr nicht, weil da Kardamom drin ist, ja sind wir hier beim Afghanen etc. Also packt Robert Frost – in Erwartung der nächsten Tirade – eine Garrotte dahin, wo sonst beim Essen Karotten sind (Arango liebt solche Scherze).

Mit der erwürgt das Bobbele sie, zersägt sie (das sehen wir nicht) und versenkt Muttis Teile in der Kieler Förde. Bis aufs Haupt, dessen Haar tatsächlich dem Gorgonenkopf des Titels gleicht. Das packt das Bobbele in sein Aquarium. Das alles bringt „Medusa“ schon ziemlich weit nach oben auf der Tarantino-Coenbrüder-Skala.

Robert Frost wäre damit – jetzt kommen wir endlich zu Borowskis Hintertür – durchgekommen, wäre der Klaus nicht, um einen Reisepass für seine Weltreise zu beantragen, im Bürgeramt vergessen worden („Borowski und das Haupt der Medusa“ ist auch ein Argument dafür, nicht zu früh in die Rente starten zu wollen).

Da stand auf dem Schreibtisch eines eigentlich unverzichtbaren IT-Fachspezialisten (Bobbele, wie sich herausstellt), der wie zwei unter seltsamen Umständen verstorbene Mitarbeiterinnen auch leider nicht mehr seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen kann, das Bild einer Villa.

Die kennt Borowski als Spukhaus aus dem Grauen seiner Düsternbrooker Kindheit. Borowski macht, was er immer macht – was er will nämlich. Und folgt seinem Gespür für Verbrechen. Und streift kurze Zeit später durchs Haus des Robert Frost (welche Verbindung der mit dem amerikanischen Lyriker hat, weiß wahrscheinlich bloß Sascha Arango), der ihn, die Garrotte in der Hand, durchs Dunkel verfolgt.

„Borowski und das Haupt der Medusa“ ist, was Borowskis meistens sind: ein Duell mit angeschlossenen Nebenfiguren. Weshalb die (weiblichen) Kollegen von Klaus – die fabelhafte Sibel Kikelli und die herrliche Maren Eggert – auch ziemlich schnell das Weite suchten. Maren Eggerts Frieda Jung immerhin – letzter Dialog „Wir sollten heiraten“, sagt sie. „Aber wen“, sagt er – hat einen letzten Auftritt als Tagtraum des Klaus Borowski im Reisebüro.

Almila Bagriacik – als Kommissarin Mila Sahin gegenwärtiger Sidekick vom großen Klaus – wird das Borowski-Ende überleben (egal, wie es ausfällt). Und Karoline Schuch wird Borowski nach Borowski. Wir drücken uns die Daumen, dass die NDR-Redaktion ihr und Almila Bagracik dieselbe Freiheit der Figurenfindung, der Figurenformung, denselben Raum für Irr- und Eigensinn lässt, die er Axel Milberg zugestanden wurde.

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