D Der Tod kann Verlust und Erlösung zugleich sein. Die eigene Existenz endet unwiederbringlich – im Normalfall eine betrübliche Aussicht. Aber je nachdem, welche Karten einem die Privilegien-Lotterie in unserer von sozialer Ungleichheit geprägten Welt zugespielt hat, weiß man zumindest, dass die Qualen des irdischen Daseins mit dem Ableben endgültig vorbei sind. Für den Protagonisten des neuen Films von „Parasite“-Regisseur Bong Joon-ho, ist der Tod dagegen eine wiederkehrende Tortur ohne Erlösung – immer wieder stirbt er, immer wieder wird sein Körper neu „ausgedruckt“, um erneut – meist brutal – zu sterben.

Der koreanische Filmemacher, der 2020 gleich vier Oscars für seine Eat-the-Rich-Satire „Parasite“ gewann, zieht in seinem neuen Science-Fiction-Film „Mickey 17“ alle klassenkämpferischen Register, um die Ausbeutung der Menschheit in plakativer Direktheit zu illustrieren: Mickey Barnes, ein chronischer Pechvogel, ist aufgrund von Schulden auf der dahinsiechenden Erde dazu gezwungen, auf einem Raumschiff zur Besiedlung eines fernen Planeten als „Expendable“ (deutsch: Entbehrlicher) anzuheuern – und wird zu einer Art menschlichem Crashtest-Dummy. Ein Vergleich, den der Film nicht nur andeutet, sondern explizit zeigt.

Zu Forschungszwecken lässt man Mickey von der kosmischen Strahlung verbrühen, an tödlichen Viren zugrunde gehen oder probiert experimentelle Medikamente an ihm aus. Sein regelmäßiges Ableben stört kaum jemanden, denn eine neuartige Technologie erlaubt es, ihn einfach neu zu erschaffen. Aus einem Menschendrucker, der aussieht wie ein Kernspintomograf, kommt stets ein renovierter Mickey.

Man stirbt nur x-mal

Bongs bissiger Humor, der auch seine Filme „Snowpiercer“, „Okja“ oder „The Host“ prägt, beweist sich hier in obskuren Details. Der neue Mickey ruckelt mit Geräuschen wie von einem 90er-Jahre-Drucker aus den Apparat. Gelegentlich vergessen die Wissenschaftler auf dem Raumschiff, eine Liege vor den Drucker zu schieben, sodass der nackte Klon wie ein neugeborenes Giraffen-Baby auf den Boden plumpst.

Der von Robert Pattinson gespielte Mickey verkauft sein Leben also nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach – der Tod beendet nicht die Ausbeutung seiner Arbeitskraft, sondern ist ihr fester Bestandteil. Dafür nimmt er sein Schicksal geradezu gleichmütig entgegen. Als man einmal seine Leiche in einem Brennofen entsorgen will und feststellt, dass er noch lebt, sagt Mickey: „Alles okay“ – und lässt sich im Leichensack entsorgen. Es sind nicht nur die Wissenschaftler, die kein Ungerechtigkeitsgefühl entwickeln, sondern auch Mickey selbst entwickelt lange kein Bewusstsein für den Missbrauch, dessen Opfer er ist. Seine Passivität wirkt verstörend.

Es mag eine etwas platte Kapitalismus-Kritik sein, die Bong Joon-ho hier durchbuchstabiert, philosophisch interessant ist sie trotzdem. Ein Running Gag ist etwa die Frage der Raumschiff-Mitreisenden, wie es sich anfühlt, zu sterben – eine Frage die Mickey zunächst lieber umgeht.

Pattinson 17, Pattinson 18

Man hätte es dabei belassen können, sich mit den ethischen Implikationen des „Expendable“-Modells auseinanderzusetzen, aber um die Handlung voranzutreiben, lässt Bong irgendwann einen zweiten Mickey (Nummer 18) auftauchen, den man im Glauben ausdruckte, Mickey 17 sei verstorben. Als der Totgeglaubte dann, nachdem ein Freund ihn auf einem Eisplaneten dem Kältetod überlassen hatte, klaglos wieder auftaucht, entspinnt sich die klassische „Filme-mit-Klonen“-Frage über Identität, Einzigartigkeit und so weiter.

Das Szenario klingt bekannt und scheint gerade in der Science-Fiction auserzählt, aber Bong lässt seinem Humor freien Lauf und findet neue Blickwinkel. Mickeys Freundin nimmt die Doppelgänger-Situation zum Beispiel überraschend gelassen – und will sofort eine ménage à trois mit beiden. Eine Nebenbuhlerin schlägt vor, die Mickeys aufzuteilen. Und Pattinson spielt die „Multiples“ (also mehrfach ausgedruckte „Expendables“) mit unterschiedlichen Dialekten, Mimik und Persönlichkeiten – seine Doppelrolle ist ein Highlight des Films.

Der Rest des Raumschiffs ist weniger begeistert von dem ethischen Dilemma, dass die gleichzeitige Existenz von Nummer 17 und Nummer 18 aufwirft. Ein Gesetz schreibt vor, dass „Multiples“ ausgelöscht werden müssen – beiden Mickeys droht also ein Tod ohne Wiedergeburt. Eine vielversprechende Idee, deren Ausführung aber leider nicht an die Brillanz früherer Filme des Regisseurs heranreicht.

Lernen von den Aliens

Bong Joon-ho ist seit Jahren als Regisseur bekannt, der seine Sozialkritik recht explizit buchstabiert. Die arme Haushälter- und die reiche Bürger-Familie in „Parasite“, der Aufstand der halbverhungerten Passagiere im postapokalyptischen „Snowpiercer“-Zug gegen die dekadenten Reisenden in den vorderen Waggons: Bongs Inszenierungen erinnern weniger an die Stücke Bert Brechts als vielmehr an eine Wahlkampfrede des linken US-Politikers Bernie Sanders. In „Mickey 17“ sind die Charaktere allerdings derart überzeichnet, dass man sich kaum mit ihnen identifizieren kann – weshalb der Funke des Films nicht so recht überspringen will.

Zum Beispiel ist der Bösewicht (ähnlich in der Klimawandel-Satire „Don’t Look Up“) eine einfallslose Trump-Persiflage. Der von Mark Ruffalo gespielte sendungsbewusste Sektenführer Kenneth Marshall, dessen Anhänger natürlich rote Basecaps tragen, regiert das Raumschiff despotisch und egozentrisch. Im Film hat Marshall übrigens zwei Wahlen verloren. Offenbar gingen die Filmemacher während der Produktion von einem Wahlsieg der demokratischen Kandidatin Kamala Harris bei den Präsidentschaftswahlen in den USA aus. Insofern ist „Mickey 17“ auch eine unfreiwillige Persiflage auf die linksliberale Selbstgewissheit.

Auf dem Planeten, den Marshall und seine Anhänger kolonisieren wollen, leben furchteinflößend aussehende Alien-Tiere, denen ihre Artgenossen so wichtig sind, dass die gesamte Spezies aufbricht, um ein einzelnes, von den Menschen entführtes Alien-Baby zu retten. Für sie ist niemand entbehrlich. Die wilden Tiere, so die etwas zu heftig geholzhämmerte Botschaft, verkörpern humanistische Werte eher als die Menschen selbst.

Ob man „Mickey 17“ mag, hängt zu einem erheblichen Teil davon ab, ob man diese Form der künstlerischen Sozialkritik ansprechend findet – oder ob man das Ende des Films als Erlösung empfindet, weil man sich freut, dass man ihn nicht immer wieder durchleben muss.

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