Zum immateriellen regionalen Kulturerbe, zu dessen Schutz sich das Bundesland Nordrhein-Westfalen berufen fühlt, gehören natürlich der Karneval, die Sankt-Martins-Tradition und die Bolzplatzkultur. Es steht aber auch skurrileres Brauchtum auf der Liste, etwa die „Flussfischerei an der Mündung der Sieg in den Rhein“ oder die „Anlage und Pflege von Flechthecken“. Seit knapp vier Jahren ist auch die „Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet“ amtlich geschützt.
Das Rheinland darf sich da durchaus mitgemeint fühlen. Denn was die Trinkhalle von Duisburg bis Dortmund ist, wird in Düsseldorf und Köln gemeinhin Büdchen genannt und als solches Kulturgut auch besungen (zumindest im Karneval): „Am Bickendorfer Büdche,/ do käuf dä Jupp sing Brütche/ beim Lisbeth en enem Tütche,/ dat hät e lecker Schnütche./ Un ovends dann am Büdche/ verzällt hä usem Tütche“, reimt die kölsche Folkpop-Band Bläck Fööss, „wie schön ihr Büdche wör.“ Als treuer Stammgast vom Frühstück bis zum Feierabendbier will der Joseph der Elisabeth auch persönlich näherkommen, an ihrem – nennen wir es einmal – Kiosk.
Die besonders nordrhein-westfälische Verkaufsstelle für Getränke, Zigaretten und Zeitungen, für belegte Brötchen, Bockwurst und Gulaschsuppe gilt als aussterbende Art. Hier wird nicht nur mit Waren für den täglichen Gebrauch und schnellen Verzehr gehandelt, sondern auch mit Informationen und Emotionen. Viele Büdchen können dabei nicht mal betreten werden, Trink-„Halle“ darf man zumeist als Euphemismus verstehen.
Aber: Platz ist vor der kleinsten Hütte. Also wird draußen und auf engstem Raum (im Stehen, allenfalls unterm Wellblechdach) geplaudert, gegessen und geraucht, getrunken und gesoffen, gebaggert und gestritten, da werden große Debatten geführt und kleine Geheimnisse ausgetauscht. Oder wie es beim Landesministerium für Kultur und Wissenschaft heißt: „Trinkhallen nehmen als typische Treffpunkte eine wichtige Funktion für die Nachbarschaft ein und stellen Orte der Integration und des Austausches dar.“
Jedes Büdchen – ein Wimmelbild
Lange, bevor die Politik das soziale Wesen der Kioske (wie Büdchen/Trinkhalle andernorts unzureichend genannt werden) erkannte, hatte die Fotografin Tata Ronkholz Büdchen und Trinkhalle bereits ein Denkmal gesetzt. Sie erkannte, dass diese Orte eine eigene Ästhetik artikulieren – in der Architektur und der Gestaltung der Auslage. Menschen sind in Ronkholz’ Fotos gar nicht nötig. Dass sie Treffpunkte porträtieren, wird auch deutlich, ohne die Kundschaft zu zeigen.
Die Insignien der Trinkhalle kehren auf den Fotografien immer wieder: das Schaufenster mit aufschiebbarer Luke, ein Brett als Tresen, die Leuchtkästen mit Reklame für Getränke und Tabak, das HB-Männchen vor und die Langnese-Fahne neben der Tür, Presseaufsteller und Zeitungsständer, ein Plakat mit dem Eis-am-Stiel-Angebot, handgeschriebene Zettel an der Scheibe, Mülleimer sowie Kaugummi- und Zigarettenautomat (die Kundenbindung geht auch nach Geschäftsschluss weiter). Jedes Büdchen – ein Wimmelbild.
Roswitha „Tata“ Ronkholz wurde 1940 in Krefeld geboren und studierte an der dortigen Werkkunstschule. Nach ihrem Abschluss 1965 arbeitete sie als Möbeldesignerin. Sie entwarf „Wohnlandschaften“ für die Firma Habit, gestaltete Bücher, gehörte mit ihrem Ehemann „Coco“ zur rheinischen Künstlerbohème und begann zu fotografieren.
Anfang der 1970er-Jahre lernte sie das Ehepaar Bernd und Hilla Becher kennen, das sich an der Kunstakademie Düsseldorf gerade anschickte, die einflussreichste Fotoschule Deutschlands zu gründen. Ronkholz schrieb sich als eine der ersten Studentinnen in der bald legendären Becher-Klasse ein, aus der berühmte Fotografen wie Andreas Gursky und Thomas Struth hervorgingen. Sie waren allerdings eine halbe Generation jünger als Tata Ronkholz.
Ronkholz verinnerlichte, was Hilla und Bernd Becher lehrten: die unverstellte Sicht auf die Umgebung, den vergleichenden Blick, die visuelle Analyse der gebauten Welt, die Wahrnehmung von Differenzen im Ähnlichen. Die Bechers sind bekannt für ihre typologischen Aufnahmen von Kühl-, Wasser und Fördertürmen, von Raffinerien, Gasometern und Hochöfen. Sie dokumentierten Zweckarchitektur, streng formal, fast klinisch aber mit der Offenheit, sie auch als Dokumente einer Industriekultur und Arbeitskultur zu sehen.
Auch Ronkholz begann seriell zu arbeiten. Sie fotografierte etwa Eingangstore von Fabriken in Rotterdam und Köln. In Düsseldorf dokumentierte sie (mit Thomas Struth) den Abriss des Rheinhafens. Ihre umfangreichste Serie begann sie 1977 und setzte sie (meist schwarz-weiß) bis 1984 fort: „Trinkhallen“. Ihr sei es dabei „weder um einen sozialen Aspekt noch um das Design“ gegangen, sagte sie zur Attraktion des Motivs, „sondern ich fühlte mich zum Alltag hingezogen. Ich wollte das Büdchen um die Ecke in seiner ganzen Liebenswürdigkeit zeigen.“
Van Ham gehört der Ronkholz-Nachlass
Besonders liebenswert ist die Trinkhalle in Düsseldorf-Gerresheim, die sich zwischen ein Wohnhaus und eine Garage klemmt. Wahrscheinlich keine zwei Meter breit, hat sie doch alles, was ein Büdchen ausmacht. Manche sind tatsächlich nichts weiter als Buden, etwa der kleine Schuppen, der sich im bergischen Odenthal an ein Fachwerkhaus schmiegt. Andere scheinen unter dem Budenzauber aus Bierwerbung fast zusammenzubrechen.
Es gibt simple Bretterverschläge, modernistische Pavillons, umgewidmete Trafohäuschen und fast normale Geschäfte unter den Trinkhallen. Manche sind kaum mehr als ein Ausschankloch in der Fassade mit Markise darüber. Unwillkürlich denkt man sich aber die Menschen hinzu, all die Jupps und Lisbeths, die sich hier gemeinschaftlich verköstigt haben.
Die Serie ist inzwischen ein Zeitzeugnis. Die meisten der Büdchen gibt es nicht mehr. Im Jahr 1985 hörte Tata Ronkholz auf zu fotografieren. 1997 starb sie nach langer Krankheit. Den Ruhm und – auch kommerziellen – Erfolg einiger ihrer Kommilitonen hat die frühe Becher-Schülerin nicht erlebt. Selbst die „Trinkhallen“ haben nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie etwa die „Porträts“ von Thomas Ruff, die „Museumsbilder“ von Struth oder die Architekturfotografien von Candida Höfer, ebenfalls eine der ersten Schülerinnen der Bechers.
Die SK Stiftung in Köln widmet Tata Ronkholz nun die überfällige Retrospektive. Die Werke stammen aus dem Nachlass, der vom Auktionshaus Van Ham nicht nur verwaltet wird. Das Kölner Unternehmen hat Ronkholz’ fotografisches Erbe vor einigen Jahren erworben. „Nachlassmanagement“, sagt Renate Goldmann, Direktorin von Van Ham Art Estate, im Gespräch mit WELT, „ist unser zweites Standbein.“
Das Potenzial von Künstlernachlässen wurde in den vergangenen Jahren insbesondere von Großgalerien wie Hauser & Wirth oder Zwirner entdeckt, die sich in einem Überbietungswettbewerb bei der Repräsentation sogenannter „Estates“ befinden. Zum Anliegen von Van Ham – für die Nachlässe wurde ein Schaudepot von 4000 Quadratmetern eingerichtet – gehöre zunächst die physische „Rettung“ der Kunstwerke, erklärt Goldmann. Darauf folge die „Kontextualisierung“ durch Ausstellungen, Publikationen und die Erarbeitung von Werkverzeichnissen. Aber auch „Vermarktung und Verkauf“ seien ein wichtiger Faktor der Vermittlung.
Im Fall von Tata Ronkholz arbeitet Van Ham mit dem Kölner Galeristen Thomas Zander zusammen, der auf Fotografie spezialisiert ist. Vintage-Abzüge aus dem Ronkholz-Nachlass werden in der Galerie zum Preis von 5800 Euro angeboten. Darunter sind auch die eindrücklichen Bilder von Trinkhallen, in denen nicht nur ein künstlerisches, sondern auch das bedrohte immaterielle Erbe bewahrt wird.
„Tata Ronkholz: Gestaltete Welt – eine Retrospektive“, 14. März bis 13. Juli, SK Stiftung Kultur, Köln (Eröffnung am 13. März um 19 Uhr)
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