Es ist gesetzt: Abor & Tynna vertreten Deutschland beim ESC-Finale am 17. Mai in Basel. Das ergab – nach zwei Vorrunden auf RTL – der deutsche ESC-Vorentscheid der ARD, diesmal aus Köln und nicht aus Hamburg. Denn dort regiert Hitman Stefan Raab, der nach den fremdschämigen NDR-Perfomances der letzten ESC-Jahre (ja, 2024 waren wir dank Isaac – wer war das noch mal? – sogar auf dem zwölften Platz und „Always on the Run“) wieder durchstarten soll. So wie früher, als Raab mit Guildo Horn, Max Mutzke und Lena Meyer-Landrut zumindest Künstler beim ESC platzieren konnte, deren Halbwertszeit nicht die eines piepsenden Wasserflohs war.

Jetzt aber: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Mein Name ist Stefan Raab, und dies ist ein wichtiger Abend für Deutschland!“ So dröhnt er zur Begrüßung und kommt im schwarzen Anzug mit Krawatte ganz und gar schlagerstaatstragend daher. Schließlich geht es hier um die „Chefsache ESC 2025 – Wer singt für Deutschland?“

Ja, er will die heimische Singwüste wieder grün und vor allem great again machen. Das ist seine musikalische MAGA-Mission. Raab ist zwar netter als Donald Trump, doch auch seine Empathie für das ESC-Trullavolk um ihn rum hält sich irgendwie in Grenzen. Auch weil die TV-Optik so weißrotblau ist wie die Inszenierung des Dauerbeleidigten jenseits des Ozeans, ist nicht so ganz klar, ob das nicht klammheimlich eine riesengroße Raab-Verarsche auf ARD-Kosten ist. Vor allem mit diesem Sieger?

Doch der Reihe nach. Nach den zwei, ein wenig regelkruden Vorrunden, wo von über 3000 Bewerbungen 24 Acts auf neun reduziert wurden („das war ganz, äh, gar nicht leicht“, verspricht sich Raab am Ende) geht es ins übersichtliche deutsche Finale. Bisher haben die Kandidaten eigene und gecoverte Songs, dann erst ihre ESC-Nummern vorgetragen. Und sich damit teilweise ganz unabsichtlich schnell rausgekegelt.

Das Elend zum Finale startet sofort in Gestalt eines der singenden Juroren, Nikos Santos. Der kommt als Sohn deutscher Eltern von Mallorca (ohne Ballermann-Hintergrund) und hispanisierte sich deshalb. Sein englisches Eröffnungsliedchen sprechsingt er dann aber doch gleich wieder sehr übersichtlich kartoffeldeutsch. Dazu passt sein erdfarbener Faltenblazer. „Take me to a higher place“: Das wünschen wir uns auch gleich.

Es folgt das obligatorische ARD-Moderationsoriginalgewächs Barbara Schöneberger, deren goldschwarzer Wickelkleidunfall mit ausgebeulter Schulter allerdings auch schon mal schlimmer war. Heavy Tones, so heißt die Dauerbegleitband des Abends. Und alles Welttrennende soll jetzt vereint werden. Auftritt Jury: Neben Santos und Raab sind es Yvonne Catterfeld und Österreichs ESC-Diva Conchita Wurst mit Streifenröckchen überm grauen Anzug. Raabs Dauerboxsack Elton ist heute verhindert. Man sitzt in braunen Samtsofas vor Holzstäbchentischen und legt, so Raab, Wert auf Analytik wie Emotion bei den Jury-Entscheidungen. Mütterliches kommt von Catterfeld: „Ich hinterfrage nach jeder Sendung.“ Draußen freilich fetzen sich die Insta- wie TikTok-Communities über ihre jeweiligen Favoriten.

Was also will nun Europa? Europa will nicht, das bekommt einfach. „Ein Gesamtpaket, ein authentisches“, weiß Conchita hinter ihrer weißen Tropfenbrille. Raab aber lästert über die Beiträge der anderen Länder. „So achtzigermäßig.“ „Aber vielleicht wissen die mehr als wir“, gibt die Schöneberger das Schubidubidu-Orakel und hofft echt, „dass heute Abend Künstler und Song auf wundersame Weise zusammenfinden“. Ja. „Wunder gibt es immer wieder“, lange ist er her, der von Christian Bruhn für Katja Ebstein geschriebene ESC-Hit, 1970 (3. Platz!).

Und dann geht es los. Jeder mit Cover-Song und ESC-Beitrag.

The Great Leslie: „These Days“

Eine Vier-Mann/Frau-Band aus zwei Engländern, einer Norwegerin und dem Deutschen Malte Brändlin am Bass, der im wie immer trutschigen Einspielfilmchen vor seinem Kant-Gymnasium in Huttingen Platz nimmt. Hört sich aber sehr nach Franz Ferdinand an. Die allerdings würden Abbas „Waterloo“ nicht so flach-tapsig covern. Immerhin ist der Lead in himbeerfarbenem Satinjackett über leicht behaarter Brust zu roter Pilotenbrille ganz vorzeigbar. Hinten leuchten Discokugeln.

Dann kommt das Britpop-Lied „These Days“, grün, rosa und in Tank-Tops verpackt. Falsettogekreisch, Santos leckt sich die Lippen, Conchita seufzt „delicous to watch“. Tanzbar, schnell, aber wohl viel zu professionell und zu reif für ESC-Material. Krachig, laut, elegant. Raab findet sogar „Dreck“ unter deren polierten Fingernägeln. Beim ESC ist eben alles relativ.

Benjamin Braatz: „Like You Love Me“

Der 24-Jährige aus Hagen liebt die Seventies. Jetzt haucht er erst mal „Angels“ von Robbie Williams. „Er wird es Stefan Raab mit einem Emotion-Doppelpack so richtig besorgen“, verspricht die Schönberger. Gemeint ist aber nur das Weinen des offenbar nahe am Schlagerwasser gebauten Metzgersohns Raab. Man erlebt vor allem ein wackeliges Stimmchen unter dunklen Locken, mit Schlaghosen, Glattlederjacke und fetter Silbergürtelschnalle. Wird er laut, singt er flach. Ginge gut als Momos Bruder durch, kann sogar ein paar Gitarrenriffs. Schaut dauernd zu Boden oder hat die Augen zu. Pop-Akademie-Streber. Klebt viel zu brav im Takt. „Ich bin außer Atem, aber bis gleich habe ich mich beruhigt.“ Würde gut in die „Patridge Family“ passen, erinnert sich noch wer an die?

Seinen ESC-Song kennt Stefan Raab, obwohl er ihn noch nicht kennt. Kein Wunder bei der Eingangslyrik: „Never was in Rome, drinking Kaffee, playing my favorite song“. Und dazu leuchten die Handys eiskalt. Mamasöhnchen als Blümchenkrawatte. Der deutsche Donovan. Eher pfadfindertauglich, garantiert queerfrei. Die Schönebergerin will ihn gleich mitnehmen. Soll sie bitte. Und was soll der weiße XXL-Stuhl auf der Bühne?

Leonora: „This Blizz“

Sie kommt aus Köln, studiert Komposition und Klavier. „Houdini“ von Dua Lipa ist ihr Cover-Song, den absolviert sie hüftwackelfrei mit gelbem Bra unter rosa Schimmeranzug. Doch der blonde Pagenkopf macht aus ihr eine singende Chefsekretärin. Wie alle anderen Frauen hat auch sie ihren Nachnamen verloren. Könnte direkt von der AIDAdiva – all you can eat and sing – eingeflogen sein. Sehr glatter Plastikpop, die Stimme auch eher aus der deutschen Tiefebene. „Wie lieb ihr seid.“

Und dann der selbstgeschriebene, gar nicht so glänzige Song der 24-Jährigen mit dem Doppelnasenring. Sie singt für den verstorbenen Papa, will sich leicht fühlen. Und ist doch nur die Salonvariante von Sarah O’Connor als Las-Vegas-Jazz-Act im asymmetrischen roten Kleid und mit goldenem Licht. Sehr madamig, kaum variierte Stimme (Raab: „Du klingst so safe“), aber ohne die Coolness einer Diana Krall. Nie ohne Teflon.

Feuerschwanz: „Knightclub“

Die seit 20 Jahren über Mittelaltermärkte wie Wacken scharwenzelnden Nürnberger Metallritter gehen als große Favoriten ins Finale. Aber haben denn alle schon die deutschen 2023er-Loser Lord of the Lost vergessen? „I See Fire“ von Ed Sheeran ist jedenfalls grauenvoll keltengeknödelt. In deren Mittelalter-Geschäft zieht man sich nicht um, denn der Sixpack ist ja nur ein Pappharnisch, und natürlich sind sie alle ganz lieb.

Ihr Folkmetal-Partykracher „Knightclub“ ruckelt als Brutalodampfwalze durch die Burgruine. Die Hütte bebt, Raab mag den „Kacksong“. Doch selbst wenn hier Robin Hood, Don Quichotte und die Hobbits solidarisch beschworen werden, das ist so gestrig, dass es weh tut: „Dieser Club ist für die Helden der Nacht, denn wir sind nicht mehr dieselben nach der Schlacht.“ Große Jungs wollen nur spielen, wie oft noch? Und dann fliegen halt die Zöpfe und ejakulieren die Gitarren Funken. „So langsam gewöhne ich mich an euch“, kreischt die Schöneberger. Analytiker Raab weiß aber nicht, ob es bei den 60 Prozent abstimmenden Frauen so balladenfrei ankommt. Huhu, ist das nicht übergriffig?

Moss Kenna: „Nothing Can Stop Love“

Der in Berlin lebende Brite hat sich ebenfalls Dua Lipa zum Covern ausgesucht: „Levitating“. Das singt er in roter Paillettenjacke („Glitter in the Sky“). Und er macht das wunderbar, tanzt, vokalisiert locker, er hat sowieso die schönste Stimme von allen. Gute Show mit vier Tänzern in Weißrot. Genau der richtige, ein wenig augenzwinkernde Queerness-Faktor, den die ESC-Community mag. Im Filmchen geht er mit dem Pudel spazieren und hat per Zoom Deutschstunde. Sein Faible für Pelz und Fummel plus sechs Jahre Songschreiben ließen ihn nun in einer vom seligen Sesamstraßen-Bibo stammenden Federboa wiedergeboren werden (Alkohol und Drogen mussten natürlich auch erst hinter sich gelassen werden) – auf einem Dampfkochtopf stehend.

Nach dem sanften Intro schickt er seine hellstrahlende Stimme zu den Kitschsternen, aber es fehlt eben der Adele-Höhenflug, oder mindestens die Conchita-Gipfelbesteigung. Und er wirkt im ESC-Umfeld wie die Schieberversion von Nemos Nonbinär-Hymne „The Code“. Und so höflich ist er! „I’m sweaty“, entschuldigt er sich. „Das hat internationales Format“, weiß die Schöneberger. Nur Format braucht man ja beim ESC gar nicht: einzig den Wiedererkennungseffekt, den Gimmick und den richtigen Riecher fürs passend Skurrile.

Abor & Tynna: „Baller“

Das Wiener Geschwisterpaar Attila (19) und Tünde Bornemisza (21), die sich anhören wie ein verschreibungspflichtiges Medikament, hat einen cellospielenden Vater bei den Philharmonikern, deshalb streicht er hier auch eher nur optisch auf selbigem Instrument. Nach Nancy Sinatras „Bang Bang“ folgt dann das eher geistesschlichte, aber die TikTok-Jugend sofort mitnehmende „Baller“ als eigentlich wenig mundende Mixtur aus Elektronik-Pop und Hip-Hop. Das aber trotzdem mitzieht. Wird das der neue Wiesnhit? „Ich baller Löcher in die Nacht / Sterne fallen und knallen auf mein Dach / Es tut noch bisschen weh / Wenn ich dich wieder seh“.

Na ja, Rilke und Kleist ist das nicht. Es ist auch keine tolle Performance. Da kratzt ein Nerd in Oversize-Grau kaum hörbar Cello. Dann dubbern die Elektrobeats los, und ein seine Locken schüttelndes Girlie – es könnte die kleine Schwester von Blockflöten-Domina Dorothee Oberlinger sein – beginnt zu posieren. Nennen wir sie die Ballerfrau, aber ohne Malle-Feeling. Hinten stampfen zwei Tänzer in weißen Stiefeln hüftzuckend auf den Boden. Atemlos durch die Dorfdisconacht. Das ist so unoriginell wie öde. Bums-fall-la-la-la-la! Das reiht sich irgendwie ein in die dumpfdeutsche Frohsinnstradition. Und dann haut sie auch noch das Cello kaputt. Vielleicht hält es ja bis zum nächsten Kölner Karneval. Aber beim ESC? Nicht verpeilt genug. Nur deutsch balla-balla. Ganz untussig, findet der Raab. Und es ist das erste deutsche Lied seit 2007.

Cosby: „I’m Still Here“

Eine Münchner Band, die seit zehn Jahren auftritt, die magentarothaarige Liedsängerin (ebensolches Top und Schuhe) covert Whitney Houstons „I Wanna Dance with Somebody“, dann will sie einen Whiskey. Komischerweise wirken die vier doch wie zusammengecastet, reden in Worthülsen und geben sich erschreckend bayerisch bieder. Und schon wieder gibt es den super emotionalen Song für den toten Vater, Tränen inklusive, in schlechtem Englisch. Es gibt cringe Gymnastikanzüge in Weiß mit Sternen. Am Anfang wischt die Sängerin den Boden mit ihrem Fransenärmel. Es schmerzt wirklich sehr, auch weil es ziemlich gleichförmig bleibt. Und handgemacht. Trotz der „krassen Erfahrung“, ja auch trotz des Drummers im Strampelhöschen – „das Schönste am heutigen Abend“ (Raab).

Lyza: „Lovers on Mars“

„Creep“ von Radiohead, im schwarzen Kleid vor einer blauen Blume gesungen, hinterlässt so gar nichts Bleibendes; irgendwie lieb gemeint halt. Aus dem Kinderzimmer auf die ESC-Bühne, weiß die Schöneberger, über die immerhin 22-Jährige. Dann stakst ein schwarzhaarig zurückgegeltes Mädel im Lackeinteiler mit ausgestellten Hüften und Overknee-Stiefeln rein. Madonna und „Metropolis“. Eine akustische Gitarre spielt, treibt den tänzelnden Rhythmus voran, hinten leuchtet der blaue Planet rosa. Sie singt Englisch, die Stimme wackelt, nölt gepresst was von Aliens. Auf „Universe“ reimt sich „Curse“.

Und dann wird es romantisch, mal wieder können die Liebenden zu den Sternen fliegen. Wenig abwechslungsreich, sie stolpert immer wieder fast über ihr Englisch. Zwei Astronauten drehen sich in diesem abgespaceten Sommerliedchen, das freilich kaum schwerelos, eher hüftsteif daherkommt. Da fehlt es einfach noch an Erfahrung, die Stimme aber klingt reifer als ihre Trägerin.

Julika: „Empress“

Musste das sein? Loreens „Euphoria“ vom ESC 2012 wird von der 23-jährigen Düsseldorferin traktiert. Die Horror-Liebhaberin (seit sie neun ist) sieht „Musik als Kern meines Lebens in seiner wahren Essenz“. Und sie „singt für ihren inneren Teenager“. Die Kaiserinnen-Show wirkt sehr gekünstelt. Schwarze Federn am Kleid, das wird von vier Tänzern in seinen überdimensionalen Rockbahnen bewegt, zwischen denen Julika bewegungslos verharrt. Mystische Massage einer stocksteifen Königin der Nacht. Bisschen James-Bond-Gothic.

Die Kandidaten sind durch. „Chefsache ESC 2025“, das Finale – total normal. Fast die Hälfte wird jetzt aussortiert, unter Druck: Was möchte die Nation? Vier raus, fünf weiter, dann den telefonierenden, smsenden, mailenden Zuschauern (gern auch mehrfach) überlassen. Zum Zeitschinden gibt es mal wieder den obligatorischen ESC-Rückblick.

Erste Entscheidung der Jury: Feuerschwanz ist draußen. Es ist der Song, der viel ausmacht. Ein Voting gegen das Publikum. Dafür sind The Great Leslie, Leonora, Moss Kena, Arbor & Tynna sowie Lyza weiter. Das finale Finale als Publikumsvoting startet.

Bis zum Endergebnis gibt es einen Ausblick auf bereits gekürte ESC-Teilnehmer, etwa Estlands mambotwistende Trump-Krawatte, Norwegens tanzende Roboter, Finnland blondes Korsettledergirl, ein maltesisches Curveymodel auf rosa Hüpfball oder Latinpop aus Spanien. Deutschland will da keinen Trend setzen, dabei findet die Schöneberger alles sei „Sex auf die Zwölf: Wir lösen das über die Klamotte.“

So wie Yvonne Catterfeld, die jetzt auch was singen darf: „Hands on Me“ aus ihrem neuen Album „Move“. So monoton, bauchfrei, unsexy hätte das auch auf dieser ESC-Vorentscheidbühne stehen können. Das steigert sich durch Stefan Raab, der als Opa-Hip-Hopper noch seinen Auftritt hat. So wie einst beim „Maschendrahtzaun“ hat er aus Friedrich Merz’ „Rambo Zambo“ nach der Bundestagswahl was mit „Bubatz“ und „Lambo“ gemacht. Dann lieber schnell noch einen Kurzdurchlauf, bevor die Schöneberger die Jury disst: „Ab jetzt seid ihr nur noch Deko.“

Der Hausjurist schreitet zur Entscheidung. Deutschland hat ESC-gewählt – mit 34 Prozent „Baller“ von Abor & Tynna als kleinsten, gemeinsamen Schlagernenner. Na, wenigstens muss uns dann Österreich zwölf Punkte geben.

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