Was soll das Theater? Unterhalten oder die Welt verändern? Die Frage ist so alt wie das Theater selbst. Allerdings braucht man die Sinnfrage nicht, um die Lust am spielerischen Verstellen zu entdecken – und die Menge der möglichen Empfindungen, die das beim Betrachter auslösen kann. So vielfältig die Wirkungen der Schauspielkunst sind, so breitgefächert auch die Absichten, die man damit verbinden kann. Der junge Konstantin in Anton Tschechows „Die Möwe“ zum Beispiel will neue Stimmen, neue Perspektiven, neue Formen. Weg mit dem alten, toten, irrelevanten Theater! „Keine Kulturförderung mehr für Menschen über 40“, sagt der Theatermachernachwuchs seiner Mutter, einer alternden Schauspieldiva, ins Gesicht. Die reagiert, wenig überraschend, not amused.

Wie Tschechow in seinem Stück Theaterdebatte und Generationenkonflikt verbindet, ist schlicht meisterhaft. Was Duncan Macmillan und Thomas Ostermeier in London daraus machen, steht dem nichts nach. Sie haben den Text klug aktualisiert und Ostermeier hat ihn mit einem Starensemble fantastisch inszeniert. Konstantin wird von Kodi Smit-Phee, der in dem Wildwest-Drama „The Power of the Dog“ als listiger Gegenspieler von Benedict Cumberbatch und Jesse Plemons beeindruckte, als hysterischer Jüngling mit starken Gefühlsschwankungen gespielt. Er rückt ein paar Stühle vor der Schilfkulisse zusammen: Mit seinem neuen Theaterstück – neue Formen: mit Virtual-Reality-Brillen – will er die zur Sommerfrische aufs Land geflüchtete kleine Gesellschaft beeindrucken.

Nur wie es oft ist, stürmen Konstantins Ambitionen seinen Fähigkeiten voraus und so steht er einigermaßen bedröppelt da, als ihm seine geliebte Schauspielerin Nina eröffnet, dass sie seine Performance abstrakt und leblos findet. Und das ist noch vergleichsweise nett zu dem, was er sich von seiner Mutter Irina Arkadina anhören muss, die von Cate Blanchett gespielt wird. Und wie! Ob in Bikerjacke, Glitzerhose oder „Irina Arkadina“-Shirt – großartige Kostüme von Marg Horwell –, mehr Selbstbezogenheit geht nicht. Diese berufsjugendliche Rampensau, die aus dem Stand in den Spagat springt – Szenenapplaus! – oder sich als großer Mental- und Lifecoach aufführt, strahlt mit ihrer High-Performer-und-Overachiever-Attitüde bis in die 20. Reihe innere Leere und narzisstische Depression aus. Wer würde bei dieser Mutter keine Komplexe kriegen?

„Ich bin nicht nur eine Schauspielerin, ich bin ein Business!“, ruft Blanchett aus und man sieht eine erfolgsverwöhnte Hollywood-Generation vor sich, die sich bis ins hohe Alter mit Acroyoga, Chiasamen und Achtsamkeit stählt. Und trotzdem lauert da eine Verletzlichkeit im Inneren, die mit jeder Selbstoptimierungsspirale nur größer wird: die Angst vor dem Alter, vor dem Verlust der eigenen Wirkungskraft, vor der Endlichkeit.

Als ihr Geliebter, der von Tom Burke mit störrischem Phlegma gespielte Schriftsteller Trigorin, sich mit Nina zu verabschieden droht, rutscht die große Schauspielerin als zutiefst verletzte Frau auf Knien vor dem unbeeindruckten Mann herum, später fällt sie für einen kurzen Moment ihrem Sohn in die Arme. Ja, da ist noch etwas hinter der Fassade. Oder hält die Fassade nur deswegen so gut, weil es etwas dahinter gibt?

Es ist naheliegend, in Arkadina eine Verkörperung der Boomer-Generation zu sehen, die sich nostalgisch an früher erinnert: an die Musik, den ungeschützten Sex, … Konstantin hingegen ist ein typischer Vertreter der Gen-Z, in Zukunftsangst lebend, die er, egal aus welchen Quellen sie kommt, an der Klimakrise festmacht.

Als Ostermeier „Die Möwe“ vor zwei Jahren an der Berliner Schaubühne inszenierte, unter anderem mit Joachim Meyerhoff als Trigorin, zog er den Generationenkonflikt ins Lächerliche. In London hat sich der Leiter der Schaubühne mehr Ernsthaftigkeit getraut, obwohl es trotzdem auch überraschend witzig und komisch ist. Wie ein sehr gutes Salted Caramel: Man schmeckt erst die Süße, bevor das Salzige kommt. Und nur dieser Kontrast macht es so richtig gut.

Was das Stück so ungeheuerlich gegenwärtig macht, ist die Unauflöslichkeit des Generationenkonflikts. Ich stehe dir nicht im Weg, sagt Arkadina einmal zu ihrem Sohn, nur fühlt es sich für den halt so an. Diese Frau steht für das „Anything Goes“. Es gibt keine Grenzen, weder ihres Selbst noch ihrer Selbstvermarktung. Nichts ist unmöglich, der Imperativ des Genießens hat das versagende „Gesetz des Vaters“ ersetzt. Dieses Phantasma mütterlicher Allmacht setzt den bösen Verdacht in Konstantins Herz, dass die Wünsche und Lüste wie ein Nullsummenspiel sind, wo dem einen fehlt, was der andere schrankenlos bekommt. Es kommt ihm so vor, dass seine Mutter etwas von seinem Glück gestohlen hat, ein „Dieb des Genießens“ ist, wie es Slavoj Žižek nennt.

„Die Möwe“ ist ein Stück mit libidinösen Verwirrungen von Shakespear’schen Ausmaßen. Niemand bekommt, was oder wen er will. „Einen Toast auf die Menschen, die wir lieben, und die Idioten, bei denen wir enden“, sagt Mascha, die von der großartigen Tanya Reynolds gespielt wird, bekannt als die versponnene, Penis-Aliens malende Lily aus „Sex Education“. Sie, die aus Trauer um ihr nichtgelebtes Leben immer Schwarz trägt, liebt Konstantin, der wiederum der von Emma Corin – Prinzessin Diana in „The Crown“ – gespielten Nina hinterläuft, die sich für Trigorin ins Unglück stürzt. Es gibt Liebe für alle, nur kriegt sie niemand.

Die Krise des Wollens

Anders als bei „Romeo und Julia“ rührt das Unglück nicht aus der vormodernen „Krise des Dürfens“, dem Verbot, sondern aus der postmodernen „Krise des Wollens“, wie es der Philosoph Robert Pfaller ausdrückte. Die freie Wahl des Liebesobjekts endet in der Freiheit zum Unglücklichsein. Und statt bei der Befreiung der Lust landet man bei der Erschöpfung der nie erlöschenden Begierde.

Wer raschelt da im Schilf beim geheimen Techtelmechtel? Und wer bleibt am Ende im Regen stehen? Die existenzielle Zurückgeworfenheit der Figuren, für die bei Tschechow das Landleben steht, wird durch die reduzierte Bühne von Magda Willi unterstrichen: Vor dem Schilfbüschel ragt ein Steg in den Saal, dahinter erstrahlt ein helles Rund in verschiedenen Lichtstimmungen, das an endlose Sommernächte am See denken lässt. Das passt wunderbar zum Spielort, dem Barbican Centre, der brutalistischen Betonburg inmitten der Millionenstadt, hinter deren grauen Wänden sich ein künstlicher See mit Wasserfall verbirgtvon . Ein eingemauertes Paradies, wie auch die Kunst? Und somit ein weiteres Sinnbild für die Theaterblase, die im Widerspruch zwischen selbstgewählter fröhlicher Isolation und einer alles durchbrechenden Relevanzsehnsucht gefangen ist?

Auf die Frage, ob das Theater unterhalten soll, gibt Ostermeier mit Tschechow eine klare Antwort: Unbedingt. Während es in deutschen Theatern oft so verbiestert wie beim protestantischen Gottesdienst zugeht, scheint das Volkstheater von Shakespeare und Co. in London bis heute deutliche Spuren hinterlassen zu haben. Getränke werden mit in den Saal genommen, immer wieder ist das Klacken beim Öffnen von Getränkedosen zu hören, es gibt Popcorn. Da gibt es eine Pflicht, zu unterhalten.

Ostermeier hat sich vor der Premiere als „den britischsten der deutschen Regisseure“ bezeichnet. Man kann, wie er zeigt, klug unterhalten, erst recht mit diesen überwältigenden Schauspielern. Blanchett („Tár“) und Burke („Mad Max: Furiosa“) sind schon ganz bald wieder zusammen zu sehen, auf der Kinoleinwand statt im Theater: In Steven Soderberghs Thriller „Black Bag – Doppeltes Spiel“ spielen sie an der Seite von Michael Fassbender.

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