Norwegen ist ein großes Land mit lediglich 5,5 Millionen Einwohnern. Die wiederum haben nach Luxemburg und Irland und vor der Schweiz das höchste Pro-Kopf-Einkommen überhaupt. Das war nicht immer so. Erst in den 1970er-Jahren nach der Entdeckung und sorgfältigen Ausbeutung der Erdöl- und Gasvorkommen entwickelte sich rasch ein zuvor ungeahnter Wohlstand. Der in den 1990ern aus den sprudelnden Einnahmen gegründete Pensionsfonds ist mit einem Vermögen von 1700 Milliarden Euro der größte Staatsfonds der Welt und sichert den Norwegern die Zukunft.

Entsprechend entwickelt sich das Land weiter, geruhsam, gediegen und souverän. Soziale Projekte werden mit der gleichen Innovationslust verfolgt wie kulturelle Vorhaben. Die Architektur öffnet sich den Wünschen der Avantgarde, die öffentlichen Sammlungen sind nicht von budgetären Nickeligkeiten geplagt. Und doch ist die Bereitschaft privater Investoren, sich einzubringen, hier besonders groß – das zeigt sich nicht zuletzt im Feld der Kunst.

Nun also Trondheim. Im Mittelalter einst Hauptstadt Norwegens, heute mit 30.000 Studenten (bei gut 210.000 Einwohner) Sitz der größten Universität des Landes, zeigt sich als ehrwürdiges Idyll auf dem Fundament einer Wikingergründung. Schmucke bunte Häuschen an Kanal und Hafen, großbürgerliches und repräsentatives Prestige im Stadtzentrum, der riesige Marktplatz mit der hoch aufragenden Statue von König Olav I. Tryggvason als Zeiger einer überdimensionalen Sonnenuhr. Die mächtige Kathedrale nach französisch-gotischem Vorbild erzählt von frühen Machtbestrebungen der Kirche. Die Stadt ist heute Ziel vieler Touristen, die Kreuzfahrtschiffe, Naturschauspiel und zerklüftete Fjorde bereitwillig auch mal hinter sich lassen.

Der Gründer: Ole Robert Reitan

Einer der reichsten Männer Norwegens Ole Robert Reitan ist in Trondheim 1971 geboren, im Gemüseladen seiner Eltern und in deren späteren Großhandelsbetrieb groß geworden. Er hat ein Firmenimperium aufgebaut, bestehend aus einer Skandinavien und die baltischen Staaten überziehenden Discounterkette, einem Immobilienunternehmen und einer Kapitalgesellschaft. Zu den jüngeren Übernahmen zählt das Gros der Aldi-Niederlassungen in Dänemark.

Reitan ist nicht nur ambitioniert, mutig und innovativ, er liebt sein Land, seine Heimatstadt und – nach eigenem Bekunden – die Kunst. Zusammen mit seiner Frau hat er eine respektable Kunstsammlung, den Trends unserer Zeit folgend, immer auf der Spur großer Namen zusammengetragen.

Reitan gehört seit einiger Zeit das mehr als hundert Jahre bestehende Luxushotel Britannia im Herzen der Stadt. Er ließ es renovieren und auf höchste Standards bringen. Da ihm das gegenüberliegende ehemalige Postgebäude ebenfalls gehört, ein imposantes Beispiel des Jugendstils mit Granitfassade und nordischem Ornamentdekor, erwuchs kurzerhand die Idee, dort ein Museum anstelle der öden Büroetagen einzurichten.

Gleich daneben liegt das Theater mit plüschigem Interieur und Retro-Atmosphäre. Die besten Komponenten also für einen kulturellen, einen kultivierten Hotspot in einer ansonsten soliden, extrem unaufgeregten, spätestens in den endlos langen weißen Sommernächten aber pulsierenden Umgebung mit viel historisch geprägtem Selbstbewusstsein.

Zur Einweihung des PoMo Museums Anfang Februar konnte auf die inzwischen qualitativ und quantitativ respektable Sammlung Reitans zugegriffen werden. Es wurde aber auch eine Foundation gegründet, die schrittweise eine eigene Kunstsammlung aufbaut. Und man hat die sehr guten Kontakte zu den großen skandinavischen Museen genutzt, um eine Eröffnungspräsentation zusammenzustellen, die mühelos internationaler Klasse standhält.

Nicht bekannt wurde, ob sich der Staat pekuniär oder fiskalisch an dem teuren Umbau beteiligt. Diskrete Zurückhaltung auch bei der Frage, inwieweit das Stiftungswesen sich wie etwa in Deutschland steuerlich auf die Leistung auswirkt, die private Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Metamorphose des Postamts zum Museum kündigte sich jedenfalls lange vor der Eröffnung schon auf dem Dachfirst durch den riesigen Neon-Regenbogen („Our Magic Hour“) von Ugo Rondinone an. Die Einladung des Schweizer Kunststars den Museumsbesuch – und jeden Moment des Lebens – möglichst als Zauber zu verbuchen?

Ein riesiges, von Stahlsäulen gestütztes hohes Foyer, die ehemalige Schalterhalle, empfängt den Besucher. Hell, trotz extremer Dimension unprätentiös. Zwischen den Säulen winden sich diverse farbig beschichtete Figuren von Franz West, an der hohen Decke verströmen die mintgrünen „Speech Bubbles“ von Philippe Parreno schimmernde Schwerelosigkeit.

Ein rigoroses minutiös durchdachtes Farbkonzept der iranisch-französischen Architektin India Mahdavi begleitet die Besucher über die auf drei Geschosse verteilten Ausstellungsräume. Der Shop in der Eingangshalle ist lachsrosa (wir sind in Norwegen), die spektakulär skulptural gestaltete Treppe führt dann geradezu präpotent in Mandarin-Orange strahlend ins Obergeschoss.

Momente der Weltgeschichte

In einem Kabinett hängt ahnungs- und geheimnisvoll Louise Bourgeois’ Janusfigur „Arch of Hysteria“ im Halbdunkel. Im anderen beschwören die beiden eng beieinanderliegenden, sich ganz knapp nicht berührenden Riesenbasaltkugeln „Is Is“ von James Lee Byars einen Zen-Moment herauf. „Sphinx“ von Simone Leigh, ein Symbol von Kraft, Stolz und Widerstand glänzt groß, golden und unberührbar.

Elegant und scheinbar ungerührt bringt die amerikanische Künstlerin die Überschneidungen kultureller, zeitlicher und geografischer Gegebenheiten auf den Punkt. Sie konfrontiert den Betrachter anhand einer archetypischen Figur mit Unterstellungen und Vorurteilen im Zusammenhang mit Geschlecht, Rasse, dem weiblichen Körper, den überkommenen Schönheitsidealen.

Druckgrafik von Giovanni Battista Piranesi und Edvard Munch bricht das zeitliche Spektrum der Sammlung, genauer gesagt der Präsentation auf. Mit Andy Warhols „Mao“, eine Leihgabe des Louisiana Museums im dänischen Humlebaek, wird zudem ein wahnsinnig bekanntes Werk präsentiert, doch viel origineller, witziger sowieso ist die Serie der wunderbaren kleinen Skulpturen von Fischli & Weiss, die triviale oder große Momente der Weltgeschichte quasi in Lehm verewigen: „Plötzlich diese Übersicht“. Am Irrsten aber das reglos, ungerührt und anständig zugedeckt nebeneinander im Ehebett liegende Paar, das den Titel „Mr. and Mrs. Einstein shortly after the Conception of their Son the Genius Albert“ verpasst bekommen hat. Ach, Rondinone.

„Unser Ziel ist es, auch Menschen zu begeistern, die noch nie ein Kunstmuseum besucht haben“, sagt Marit Album Kvernmo, Direktorin des PoMo. Das könnte durchaus gelingen, denn die Sammlung trägt (noch) keine erkennbare persönliche Handschrift, hat aber ganz offensichtlich hervorragende mit dem Markt vertraute Berater. „Mehrere dieser Werke werden zum ersten Mal in Norwegen zu sehen sein“, erklärt Monica Reitan, Mitgründerin des Museums, anlässlich der Eröffnung.

„Wir träumen schon lange davon, internationale Kunst nach Trondheim zu bringen. Jetzt ist dieser Traum Wirklichkeit geworden.“ Und wer mit den zeitgenössischen Bildleistungen zum Thema „Postcard to the Future“ doch nicht so viel anfangen kann, wird sich ganz sicher in den hübschen hyggeligen Leseraum verlieben, in seine hölzerne Deckenkonstruktion, in die bunte, den traditionellen Vorbildern verpflichtete ornamentale Wandmalerei.

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