Die Türkei versucht, mit den USA und der EU verbunden zu bleiben, sich gleichzeitig aber auch China und Russland anzunähern. So ist sie Mitglied des westlichen Militärbündnisses Nato, will aber auch den Brics-Staaten unter der Führung Pekings und Moskaus beitreten. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan selbst spricht von einer «Aussenpolitik der 360 Grad». Will heissen: Die Türkei mischt überall mit.
«Unter Erdogan sieht sich die Türkei als eigenständige Regionalmacht, die aussenpolitisch ungebunden ist, obwohl sie in Allianzen mit dem Westen steht», sagt Thomas Seibert. Der Journalist lebt seit über 20 Jahren in der Türkei.
Die aufstrebende Militärmacht
Dieses Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Die Türkei hat das zweitstärkste Heer in der Nato und ist kampferprobt. Erdogan hat die Rüstungsausgaben in den vergangenen Jahren zudem weiter erhöht. Seinen Einfluss macht Ankara zudem in der Region geltend: «Die neue syrische Regierung steht unter türkischem Einfluss», sagt Thomas Seibert.
Mit diesen Entwicklungen habe sich auch das Selbstverständnis der Türkinnen und Türken geändert, sagt der langjährige Beobachter der türkischen Politik. «Die Menschen haben ihr Land immer als relativ arm und schwach gesehen. Erdogan will ihnen durch seine Aussenpolitik zeigen: ‹Die Türkei ist nicht mehr arm und schwach. Sie ist gross und mächtig.›»

Anders als in der türkischen Innenpolitik, wo mindestens die Hälfte der Bevölkerung die Regierung kritisch beäuge, sei in der Aussenpolitik der Zuspruch einigermassen gross für Erdogan, erklärt Seibert.
Chancen für Ankara durch aktuelle Weltlage
Exemplarisch zeigt sich die ambivalente Haltung der Türkei im Verhältnis zu Moskau: Den westlichen Sanktionen wegen des Ukrainekrieges hat sich Ankara nie angeschlossen. Jüngst zeigte sich die türkische Regierung jedoch offen gegenüber einer türkischen Beteiligung an der von Frankreich und Grossbritannien vorgeschlagenen Friedensmission in der Ukraine.
Der Streit zwischen Europa und den USA wertet die Türkei auf.
Die derzeitige globale politische Konjunktur komme der Türkei entgegen, sagt Beobachter Seibert. «Der Streit zwischen Europa und den USA wertet die Türkei auf. Erdogan hat sehr wohl verstanden, dass es durch dieses Zerwürfnis zwischen Europa und Amerika neue Chancen für die Türkei gibt.»
Erdogan und die multipolare Weltordnung
Trotz der ausgestreckten Hand gen Osten dürfte Erdogan die Allianzen im Westen nicht aufgeben wollen, mutmasst Seibert. «In einer ungemütlichen Nachbarschaft, mit Russland im Norden und dem Iran im Osten, bleibt der US-Atomschirm für die Türkei wichtig.» Die EU sei zudem nach wie vor der wichtigste Handelspartner der Türkei. In der Beziehung mit Brüssel gehe es Erdogan vor allem darum, Lockerungen herauszuschlagen – etwa eine erleichterte Visavergabe für Türkinnen und Türken.
Die Verhaftung des Istanbuler Stadtpräsidenten, Ekrem Imamoglu, hätte diese Beziehung trüben können. Doch die Reaktionen aus Europas Hauptstädten fielen bislang eher verhalten aus.

«Der Westen will Erdogan nicht verärgern», sagt Thomas Seibert. Für Europa spiele Ankara nämlich eine entscheidende Rolle beim Umgang mit der Migration. «Die Türkei hält Europa die Flüchtlinge fern», formuliert es der Kenner salopp. Recep Tayyip Erdogan dürfte sich dadurch gestärkt sehen. Oder wie es Thomas Seibert formuliert: «Erdogan ist überzeugt, dass der Westen im 21. Jahrhundert im Abwärtstrend sei.»
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