Für Hunderttausende Afghanen bedeutet ein Leben in Pakistan ein Leben im Untergrund. Die dortige Regierung will möglichst alle in ihre Heimat abschieben. Dort erwarten sie Armut, Hunger und oft auch Verfolgung.

Ahmed bleibt in diesen Tagen am liebsten drinnen, denn da ist es am sichersten. "Manchmal, wenn etwas sehr Dringendes gibt, ich beispielsweise gesundheitliche Probleme habe, dann muss ich heimlich raus. Schnell raus und aber dann auch schnell wieder zurück", sagt er dem ARD-Studio Neu-Delhi in einer Sprachnachricht, die er aus seinem Versteck geschickt hat.

Er ist Afghane, und wer in Pakistans Hauptstadt Islamabad in diesen Tagen als Afghane erkannt wird, wird höchst wahrscheinlich von der Polizei festgenommen und in ein Abschiebelager gebracht. Man kann es so auf den Punkt bringen: Die pakistanische Regierung will praktisch alle loswerden, die aus Afghanistan kommen und in Pakistan leben.

Frist der Regierung abgelaufen

Am 31. März lief wieder einmal eine Frist ab, bis zu der eine Gruppe afghanischer Staatsbürger Pakistan hätte verlassen sollen. Es ging um die etwa 800.000 Menschen, die einen speziellen pakistanischen Personalausweis für Afghanen haben, eine "Afghan Citizen Card" (ACC). Schon Ende Januar hieß es, sie sollten die Städte Islamabad und Rawalpindi verlassen.

Anfang März wurde ihnen von den pakistanischen Behörden mitgeteilt, dass sie das Land ganz verlassen müssen - und zwar innerhalb von drei Wochen. Ganze Familien, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten in Pakistan leben, die dort einer Arbeit nachgehen oder die Läden haben, und deren Kinder und manchmal Enkel dort geboren wurden. Viele sind schon im März überstürzt aufgebrochen zurück nach Afghanistan. Aber viele verstecken sich wie Ahmed noch irgendwo in Pakistan, leben in Angst und Unsicherheit.

Die Vertreibung der afghanischen Flüchtlinge ist Teil eines "Programms zur Rückführung illegaler Ausländer" (IFRP), das die pakistanische Regierung seit November 2023 umsetzt. Zunächst richtete es sich gegen alle, die keinen gültigen Aufenthaltsstatus hatten, sich mithin also illegal in Pakistan aufhielten. Nach Angaben des Staatssenders "Radio Pakistan" sind fast 886.000 von ihnen inzwischen zurückgekehrt, meist "freiwillig", wie die Regierung gerne betont.

Druck und Misshandlungen

Tatsächlich aber gibt es einen gewaltigen Druck auf die Afghanen. Sie werden festgesetzt und interniert, manche zwangsweise zur afghanischen Grenze gebracht. Es gibt glaubhafte Berichte über Misshandlungen. Pakistanischen Vermietern wird von den Behörden gedroht, dass sie sich strafbar machen, wenn sie weiterhin an Afghanen vermieten.

Die Ausweisung der ACC-Inhaber ist nun die zweite Phase, es folgt eine dritte, die Inhaber eines anderen Ausweisdokuments betrifft. Bis Jahresende sollen praktisch alle Afghaninnen und Afghanen Pakistan verlassen - drei Millionen Menschen.

Fragt man die pakistanische Regierung unter Premierminister Shebbaz Sharif nach den Gründen, bleibt sie im Ungefähren. Der afghanischen Volksgruppe wird regelmäßig und pauschal vorgeworfen, in ihren Reihen Terroristen zu beherbergen oder mit ihnen zumindest zu sympathisieren. Als problematisch wird zudem gesehen, dass zahlreiche Afghanen im vergangenen Jahr an Demonstrationen für Pakistans inhaftierten Oppositionsführer Imran Khan teilgenommen haben.

Konflikt mit Taliban

Doch es gibt weitere Gründe. So sieht sich Pakistan seit langem schon alleine gelassen von der internationalen Gemeinschaft, was die Versorgung von Millionen Flüchtlingen anbelangt. Und dann gibt es andauernde Konflikte zwischen der pakistanischen Regierung und den in Kabul regierenden Taliban.

Islamabad wirft der Taliban-Regierung vor, islamistischen Terroristen der Tehrik-i-Taliban Pakistan (Bewegung der pakistanischen Taliban) einen Rückzugsraum in Afghanistan zu bieten, von dem sie aus Anschläge auf pakistanische Polizisten und Soldaten verüben. Darüber liefern sich pakistanische Armee und Taliban-Kämpfer schon seit Monaten Scharmützel an der umstrittenen Grenzlinie zwischen beiden Staaten, es gab Verletzte und Tote.

Faustpfand und Sündenbock

Die Afghanen in Pakistan sind in dieser unübersichtlichen Gemengelage Faustpfand und Sündenböcke sogleich. Sie zu Hunderttausenden oder gar Millionen in ihre Heimat zurückzuschicken, setzt die Taliban in Kabul massiv unter Druck - und das ist wohl auch der Grund, weshalb die pakistanische Regierung das Rückführungsprogramm ohne Zögern durchsetzt.

Ohnehin ist die internationale Kritik am Vorgehen Islamabads eher verhalten. Philippa Candler, Vertreterin des UN-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) in Pakistan, betonte zu Beginn der Woche in einer Erklärung denn auch die "Last der Gastfreundschaft", die Pakistan trage und richtete einen Appell an die internationale Gemeinschaft. Sie müsse "ihre Bemühungen fortsetzen und anerkennen, dass die Verantwortung geteilt werden muss", so Candler.

Neben großer Armut fürchten viele Geflüchtete auch Verfolgung nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan.

Kritik von Menschenrechtsorganisationen

Kritik am rücksichtslosen Vorgehen der pakistanischen Regierung kommt eher von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch (HRW). Elaine Pearson, Asien-Direktorin von HRW, forderte im Gespräch mit dem ARD-Studio Neu-Delhi die pakistanische Regierung auf, "die Zwangsrückführung von Menschen zu beenden und die missbräuchlichen Taktiken, die Erpressung und die Misshandlungen, die Menschen zur Ausreise zwingen."

Die pakistanische Regierung solle außerdem anerkennen, dass afghanische Flüchtlinge Angst vor Verfolgung haben und gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft an langfristigen Lösungen arbeiten, so Pearson.

Armut und Verfolgung in Afghanistan

In ihrem Heimatland drohen den afghanischen Flüchtlingen Armut und Mangelernährung. Ein Vertreter der Regierung in Kabul erklärte zwar jüngst, man wolle allen Rückkehrern Land zur Verfügung stellen. Doch den Taliban fällt es angesichts der Wirtschaftskrise und der internationalen Sanktionen schon schwer, diejenigen Menschen zu ernähren, die bereits im Land leben. Millionen Rückkehrer würden diese Nahrungsmittelkrise noch verschärfen.

Manchen der zwangsweise Abgeschobenen könnte gar Verfolgung drohen: Intellektuelle, Bürgerrechtler, Ex-Militärs und frühere Ortskräfte, die auf ihrem Weg in westliche Länder in Pakistan gestrandet sind und die unter Zwang zurück in das Land geschickt werden, vor dessen Regime sie geflohen sind.

Keiner von ihnen wird mit viel Rücksichtnahme der pakistanischen Behörden rechnen können. Der Beginn der organisierten massenweisen Abschiebungen wurde zwar gerade wegen des muslimischen Zuckerfests vom 1. auf den 10. April verschoben. Doch im Staatsmedium "Radio Pakistan" hieß es bereits, dass jetzt schon strenge rechtliche Schritte gegen die Betroffenen eingeleitet würden.

Peter Hornung, ARD Neu-Delhi, tagesschau, 01.04.2025 15:06 Uhr

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