Jeder hat so einen Moment. Da macht man was und dann noch was. Trifft eine Entscheidung und noch eine. Und das macht etwas mit einem. Das bleibt. Irgendwo ganz unten. Und gärt in uns und gespenstert herum. Und es hilft nichts, dass wir versuchen, es irgendwie wieder gut zu machen.

Wir bleiben – jedenfalls ein Teil von uns – Gefangene des Moments. Bevor wir hier autobiografisch werden, wenden wir uns dem Moment von Meike und Christian und René und Alex zu und natürlich dem von Gina. Das sind die Freunde, um deren eine Nacht sich in „Colonius“, dem neuen Kölner „Tatort“, alles dreht.

Den Colonius muss man für Nicht-Domstädter vielleicht erklären. Er ist der Kölner Fernsehturm. Mitten in der Stadt, heute 266 Meter hoch, 1981 fertig geworden. Auf 166 Metern Höhe gab es bis 1994, was es im Berliner Fernsehturm (mitten in der Stadt, 368 Meter hoch) immer noch gibt – eine Restauration.

Und in den beginnenden Neunzigern gab es da Skydance-Partys. Eine Art Love-Parade über der Stadt – Drogen, Beats, Stroboskop. Eine Panik gab es da mal zu Silvester. Das hat aber mit dem 93. Fall von Ballauf und Schenk nichts zu tun. Und die Nacht, in der Gina verschwand im November 1993, die hat es natürlich nicht gegeben.

Die Nacht im November ist die Nacht, nach der nichts mehr war, wie es vorher noch war zwischen den Freunden, die vielleicht doch gar keine Freunde waren. Der Moment, hinter den sie nie wieder zurückfanden. Der Moment, in dem sie erwachsen wurden, was in diesem Fall keine Auszeichnung ist.

„Colonius“ erzählt zwei Geschichten, chronologisch, parallel geschnitten. Nicht irgendwie in Rückblenden, wie das gern geschieht, wenn in Kriminalfilmen die Vergangenheit, die nicht vergangen ist, in die Gegenwart der Figuren kragt. Beide Geschichten haben unterschiedliche Farben, unterschiedliche Rhythmen, aber das gleiche Gewicht. Charlotte Rolfes macht aus dem ohnehin meisterhaften Buch von Eva und Volker A. Zahn einen aufregenden Kriminalfilm, der einen in seiner erzählerischen Konsequenz nicht mehr loslässt.

Am Anfang ist der Sex über der Stadt. Die Kamera ist – für Freunde phallischer Architektur ist „Colonius“ ein Feiertag – allmählich den Colonius emporgefahren. Alex, der Fotograf ist und Dealer, beschläft Gina da im Kölner Nachthimmel.

Gina ist 22 und seit drei Monaten Mutter einer Tochter. Vater ist Christian. Sie will dem Vater-Mutter-Kind-Gefängnis entkommen, zurück ins alte Leben. Bässe wummern, Körper zucken, Schweiß fließt. Dann fährt die Kamera wieder am Colonius herunter. Es wird Tag und mehr als 30 Jahre später, und Alex, der immer noch Fotograf ist, aber kein Dealer mehr, ist tot. Liegt erschlagen in seiner Wohnung.

Er hat kurz vorher – Miss Angelheart, die DJane jener fatalen Nacht im Colonius, ist gerade beerdigt worden – noch einmal die alten Freunde kontaktiert. Und die sind jetzt da im Kommissariat. Haben sich nichts mehr zu sagen. Haben alle irgendwas aus ihrem Leben gemacht, zu machen versucht. Ringen jetzt jeder für sich und gegen alle andern mit dem, was geschehen ist.

Versuchen weiter, sich wegzulügen von dem, was damals geschah. Sitzen im Käfig des Kommissariats – in dem es so eng ist wie im Colonius und wegen diverser Bauarbeiten ein bisschen so wummert wie damals da in 166 Metern Höhe.

Ballauf und Schenk moderieren die Verhöre. Moralisieren für ihre Verhältnisse wenig (weil es in diesem Fall zum Glück nicht viel zu moralisieren gibt). Das Kommissariat verwandelt sich in einen Beichtstuhl (auch so ein Lebensentäußerungsgefängnis).

Es hat ziemlich lange keinen optisch derart aufregenden, schlackenlosen „Tatort“ gegeben. Wahrscheinlich nie einen, in dem es eine derartige schauspielerische Balance zwischen den Erzählebenen gab. Und in „Colonius“ werden immerhin Karoline Eichhorn und Thomas Loibl und Andreas Pietschmann mit ihren jungen Alter Egos Sinje Irslinger, Joshua Hupfauer und Sebastian Schneider gegengeschnitten. Am Ende weiß man nicht, wen man für den „Tatort“-Episoden-Darstellerpreis nominieren sollte, den wir noch erfinden müssen.

Vanessa Loibl ist wunderbar

Obwohl. Man weiß es schon. Man müsste Vanessa Loibl nominieren. Die ist nicht nur im wirklichen Leben die Tochter von Thomas Loibl, sie ist in „Colonius“ auch Svenja, jenes Kind von Christian und Gina, mit dem eigentlich alles losging, das alles ausgelöst hat. Und jetzt sitzt sie da und allmählich kommt ans karge Licht der Gegenwart, was wirklich geschah, wie die Erwachsenen um sie herum mit der Vergangenheit umgegangen sind, die sie nie aus sich herausbekommen haben. Was das wiederum mit ihr macht, die nie wusste, was alle wussten, was aus ihrer Mutter wurde zum Beispiel. Und die jetzt ohne Sicherheiten dasitzt.

Keine Ahnung, wie viele Fälle Ballauf und Schenk noch in der Stadt zu lösen bekommen, die ihre ist und wahrscheinlich nie mehr eines andern „Tatort“-Teams Stadt werden wird, „Colonius“ ist ein großer Großstadt-Thriller. Eine Liebeserklärung auch an Köln, über dem Ballauf und Schenk, die Moralisten unter den „Tatort“-Kommissaren, zwischendurch stehen, auf 166 Metern Höhe. Und gar nicht viel sagen.

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