Der Todesfahrer von Mannheim, deutsch, gestoppt von einem Taxifahrer aus Pakistan. Wie die Umkehr eines Klischees Politik, Medien und Social Media in eine Schockstarre stürzt.

A. Muhammad lächelt zurückhaltend, mal lacht er laut. Sein buschiger Schnäuzer sticht derart ins Auge, dass er zu Karneval problemlos als einer der Daltons aus den "Lucky Luke"-Comics gehen könnte.

Muhammad hat in Mannheim den Fahrer des Wagens gestoppt, der mit seinem Auto mehrere Menschen überfahren hat. Er wird nun deutschlandweit als Held gefeiert. Er sei aber kein Held, sagt er, sondern habe nur das getan, was der Islam von ihm verlange. Später bezeichnet sich Muhammad als Taxifahrer, Familienvater, Mannheimer. Er sagt es in dieser Reihenfolge.

Es gibt auf der nicht rechtsradikalen Seite des politischen Spektrums den Wunsch, solche Geschichten schnell prominent zu platzieren. Sie sollen zeigen, dass Ausländer, Flüchtlinge und Muslime ihre Montagnachmittage nicht zwangsläufig damit verbringen, Terroranschläge zu begehen, sondern dass die meisten von ihnen harmlos sind. Einige von ihnen engagieren sich nebenberuflich sogar als Helden. Dabei sieht sich die Mehrheit der Migranten nicht einmal selbst als Migranten, sondern identifiziert sich vorrangig als Taxifahrer, Familienvater oder Mannheimer. Beinahe so als wären sie echte Deutsche.

Migranten? Ich kenn' da einen türkischen Taxifahrer

Ich empfinde angesichts solcher Erzählungen immer ein Störgefühl. Migranten sind weder besonders kriminell noch heldenhaft. Es gibt keinen Grund, diese Menschen zu erniedrigen oder zu erhöhen. Eines der vielen Probleme besteht darin, dass der größte Teil der Bevölkerung in diesem Land keinen Kontakt zu Migranten hat und daher nicht weiß, was diese Menschen denken, reden, essen, feiern oder glauben. Wollen nicht migrantische Politiker oder Journalisten die Lebenswirklichkeit von Migranten beschreiben, verlegen sie sich ironischerweise darauf, von ihren Begegnungen mit türkischstämmigen Taxifahrern zu erzählen. 

Mannheim Vorbestraft und psychisch krank – was wir über den Verdächtigen und die Tat wissen

Schaut man sich die Berichte über Migranten an, stellt man schnell fest, dass Meldungen über migrantische Helden, wie die Berichterstattung über Muhammad, zur absoluten Ausnahme gehören. Längst haben sich Politiker und Journalisten darauf verständigt, dass Migranten als Täter und Nichtmigranten als Opfer zu gelten haben. Die Zahl der Beiträge, die Wortwahl, die politischen Reaktionen, sie sind allesamt derart hanebüchen einseitig, dass man all dies nicht mehr mit Zufall oder Dummheit erklären kann.

© Boris Breuer

Zur Person

Stephan Anpalagan, geboren 1984 in Sri Lanka und aufgewachsen in Wuppertal, ist Diplom-Theologe, Autor und Musiker. Nachdem er zehn Jahre in der Wirtschaft als Manager tätig war, ist er nun Geschäftsführer einer gemeinnützigen Strategieberatung und Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in NRW. In seinen Texten verhandelt er die Themen Heimat und Identität.

Der ehemalige Journalist und heutige Journalismus-Professor Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia forscht über die Frage, warum Berichte über migrantische Gewalttäter überrepräsentiert, Berichte über nicht migrantische Gewalttäter unterrepräsentiert sind. In einem Interview mit den Kollegen von Zeit-Online wird er deutlich: 

"Emotionen sind zur Waffe geworden. Es steht eine ganze Betroffenheitsarmada bereit, lautstark zu trauern. Aber eben nur, wenn der Gewalttäter keinen deutschen Pass hat. Die Gewalt von Deutschen dagegen wird eher wie ein Betriebsunfall aufgefasst. (…) Wenn die Herkunft genannt wird, dann sind es zu über 80 Prozent ausländische Tatverdächtige, mehr als doppelt so viele wie in der Kriminalstatistik, eine völlige Verzerrung. Die Gewalt von Deutschen wird weitgehend ausgeblendet."

Keine Chance gegen deutsche Einzeltäter

Die politischen Reaktionen im Anschluss an Todesfahrten nicht migrantischer Tatverdächtiger ähneln sich beinahe im Wortlaut. Als im Jahr 2020 Bernd W. mit seinem Auto durch den Weihnachtsmarkt in Trier fährt und dabei sechs Menschen tötet, darunter einen neun Wochen alten Säugling und dessen Vater, sagt Dirk Wiese, stellvertretender Fraktionschef in Rheinland-Pfalz Folgendes:

"So eine Tat eines Einzeltäters wird man trotz der besten Sicherheitskonzepte in den Städten nie ganz verhindern können. (...) Man kann auch nicht jede Fußgängerzone zu einem Hochsicherheitsbereich umfunktionieren."

Im Vergleich dazu Thomas Strobl, Innenminister in Baden-Württemberg nach der Todesfahrt von Alexander S. in Mannheim fünf Jahre später.

"Wir werden absolute Sicherheit niemals geben können. Wir können auch nicht unsere Innenstädte zu umzäunten Festungen machen."

Amokfahrer von Mannheim Unter ein Bild von Adolf Hitler schrieb er: "Sieg Heil from Germany"

Es ist eine Politik, die man am besten mit dem Fachterminus "Achselzucken" beschreiben kann. Friedrich Merz fordert keine Konsequenzen, die CSU veröffentlicht keine Vorschläge zur Verschärfung bestehender Gesetze, die AfD bekundet keinen Trauermarsch, es gibt weder Brennpunkte in der ARD noch eine Sondersendung bei Markus Lanz. Die "Tagesschau" geht sogar so weit, den Anschlag in Mannheim als "Autofahrt in Menschenmenge" zu titulieren. Autofahrt.

Kein Brennpunkt weit und breit

Trotz bestehender Hinweise darauf, dass der Täter in Kontakt zu Neonazi-Kreisen wie dem "Ring-Bund" steht, auf einer NPD-Demo mitgelaufen ist, auf Facebook ein Bild Adolf Hitlers mit "Sieg Heil from Germany" kommentiert hat und dafür gerichtlich verurteilt wurde, geht die Staatsanwaltschaft nicht von einem politischen Motiv aus. Es scheint, als hätten die Sicherheitsbehörden aus dem Debakel um den NSU einiges gelernt. Nur eben das Falsche.

Es sind mal wieder Antifa-Organisationen wie "Exif Recherche" und Anti-Fakenews-Blogs wie "Volksverpetzer", die Informationen zum Tatverdächtigen liefern, die aufzeigen, wie schnell das Medienecho nach Mannheim verebbt und wie die Live-Berichterstattung abgebrochen wird, als sich der Tatverdächtige als ein Alexander entpuppt.

Ganz anders übrigens nach den Anschlägen in Magdeburg und München. Die Täter heißen dort Taleb A. und Farhad N. Zu beiden (!) Ereignissen gab es Brennpunkte der ARD, Markus Lanz produzierte eine Sendung mit dem Titel "Attentat in München: Ist die Polizei machtlos?". Es geht um Islamismus, Terrorismus und Asylbewerber. Die "Tagesschau" betitelt in beiden Fällen ihre Beiträge auf Instagram mit dem Wort "Anschlag". Dass sich Taleb A. als "Islamkritiker" verstand und als Unterstützer der AfD gilt, geht in der Berichterstattung unter. Ein Araber, ein Anschlag, wir sind das Opfer. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.

Social Media nach Mannheim-Attentat: War er wirklich Deutscher?

In den sozialen Medien will man lange nicht glauben, dass der Täter in Mannheim kein Migrant war. Es werden Falschmeldungen verbreitet, der Personalausweis eines unschuldigen Mannes wird veröffentlicht, Bilder werden hochgeladen, die einen Menschen mit brauner Haut zeigen. Die Polizei Mannheim kommt kaum hinterher mit ihren Warnungen und Drohungen, dass sie jegliche Straftat verfolgen werde. Aber es hilft nicht. Der Wunsch, es möge ein Ausländer, Muslim, Flüchtling, Fremder sein, ist zu stark.

Die Erzählung ist jedes Mal die gleiche. Bei Deutschen könne man halt nichts machen. Sie sind Einzeltäter. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Innenstädte können nicht zu Festungen umgebaut werden. Ausländer hingegen könne man rausschmeißen. Das ist noch nicht einmal falsch, befeuert aber das Gerede davon, dass die 15 Millionen Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit potenzielle Gefährder wären.

Zudem geht es nicht einmal um die Ausländer selbst. Im allgemeinen Wutgeheul fliegen "die Ausländer", "die Muslime" und "die Migranten" schnell durcheinander. Und selbst dort, wo es sich um deutsche Staatsbürger handelt, verlangt der wütende Mob nach Informationen zur Herkunft der Eltern und Großeltern, nach dem Vornamen, dem Aussehen, der Hautfarbe. In vielen Köpfen scheint noch immer der Ariernachweis verankert zu sein.

Die globale Gesetzmäßigkeit der Arschgeigen

Zwei Beiträge kommen mir angesichts dieser Doppelmoral in den Sinn. Das eine ist eine Zeile des Satire-Magazins "Der Postillon", der kaum etwas hinzuzufügen ist: "Deutsche Psychopathen beklagen, dass sie nach Horrortaten viel weniger Aufmerksamkeit bekommen als Psychopathen mit Migrationshintergrund."

Zum anderen muss ich an den Seemann Jürgen Schwandt denken, der sich Zeit seines Lebens gegen die AfD engagiert und für Weltoffenheit und Toleranz geworben hat. "Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun."

Besser kann man es nicht ausdrücken.

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