Am 2. April dieses Jahres sind 300 Jahre seit der Geburt Giacomo Casanovas vergangen. Und doch könnte uns dieser venezianische Abenteurer und berühmteste Liebhaber aller Zeiten nicht ferner sein als ein mittelalterlicher Mönch oder ein antiker Philosoph. Zu oft ist der spätfeudale Kosmos Casanovas inzwischen verglüht. Den ersten Umbruch, die Französische Revolution von 1789, hat der Libertin und Lebenskünstler noch miterlebt – mitsamt der Einverleibung seiner Vaterstadt Venedig in die neue, französische Weltordnung im Jahr 1797. Casanova starb bald darauf, ohne wieder in die Lagune zurückkehren zu können, deren Regiment ihn in den Bleikammern inhaftiert, ihn zweimal verbannt, aber auch berühmt gemacht hatte.

Passend zum runden Geburtstag gibt es zwei aktuelle Publikationen, die sich trefflich ergänzen, um dieses unüberblickbare, unfassbar spannende, unergründlich erotische und zugleich unergründlich lehrreiche Leben zu beleuchten. In der „Anderen Bibliothek“ erscheint ein „erotisches Lesebuch“ mit dem Titel „Casanova zur Nacht“. Handlich und edel aufgemacht, versammelt die Blütenlese 33 Liebesepisoden aus dem knisternden Reigen, mit dem Casanova seine vielbändige „Histoire de ma vie“ ausgeschmückt hat.

Die berühmten Casanova-Memoiren

Wie Generationen von Lesern zuvor – wer hätte je die ausufernden Memoiren Casanovas durchgeackert, die zudem erst seit ein paar Jahren komplett ediert sind? – kann man hier Rosinen aus dem sittengeschichtlichen Riesenkuchen herauspicken, namentlich die staunenswert ungenierten Schilderungen des Liebesaktes, aus dem der Autor in der Regel als konditionsstarker Triumphator hervorgeht, ohne je sich oder die Leserschaft zu ermüden – inklusive Alltagsphilosophie in Sachen Sex: „Während meiner langen Laufbahn als Libertin hat mein unbesiegbarer Hang zum weiblichen Geschlecht mich dazu getrieben, alle Künste der Verführung anzuwenden. Ich habe etlichen hunderten Frauen, deren Reize meine Vernunft überwältigt hatten, den Kopf verdreht.“ Und so weiter.

Ob es nun wirklich Hekatomben von willig Verführten – zuweilen noch im Kindesalter – waren oder immerhin ein paar Dutzend, Casanova hinterlässt in diesem Deflorilegium kaum brauchbare Praxistipps. Was soll man mit Ratschlägen wie dem, eine sperrige Schöne sei am ehesten im Duett mit einer Freundin zu verführen? Oder mit seiner Passion für Mütter und ihre Töchter gleichermaßen? Kompatibel mit jedwedem Feminismus bleibt Casanovas Credo, er habe stets die größte Freude am Freudebereiten gefunden.

Lothar Müller stellt die Lebenslehre des Jubilars dagegen vom Unterleib auf den Kopf. Anstatt sich wie die meisten Biografen von einer Verführung zur nächsten zu hangeln, nimmt Müller Casanova als den Mann wahr, als der er jenseits seiner unersättlichen Liebeslust gelten wollte: als intellektuelle Jahrhundertfigur, als größten Beobachter seiner Epoche, als Denker des Vitalen, der – vielleicht einzigartig – seine Philosophie nicht nur gedacht, sondern mit jeder Faser seines Körpers gelebt und immer wieder auch erlitten hat.

Durch Müllers stupende Kenntnis der Originalquellen, aber vor allem durch die Verknüpfung mit den illustren Geistern jener Epoche entstand ein grandioses Geburtstagsgeschenk – gerade weil Sex hier kaum eine Rolle spielt im kulturhistorischen Abenteuerleben des selbst ernannten „Chevalier de Seingalt“. Das staunenswerte, aber niemals ermüdende Panoptikum der unterschiedlichsten Akteure lässt sich in Kürze nicht einmal aufzählen.

Der Autor hält sich nicht nur bei den welthistorischen Bekanntschaften wie dem Preußenkönig Friedrich II., Österreichs Kaiser Jopeph II., der Zarin Katharina oder dem venezianischen Papst Clemens XIII. auf, ja nicht einmal allzu lange beim belauerten Widerpart Voltaire.

Casanova pflegt den Austausch mit solchen Größen ebenso unverbrämt wie mit der Crème von wesensverwandten Abenteurern, Projektemachern, Komödiantinnen, Betrügern, Kupplerinnen, Glücksspielern, die das 18. Jahrhundert bevölkerten wie kein anderes. Unter Müllers souveräner Reiseleitung rumpeln wir auf Kutschen mit Casanova durchs höfische Europa, das von Petersburg bis Palermo und von Lissabon bis Konstantinopel reicht.

Sein nie ermüdender Tatendrang führte unsern Helden dabei auch in deutsche Kleinstädte wie Lippstadt, Wesel, Wolfenbüttel oder Tübingen, bis er endlich – zahnlos und von Liebes- wie Glücksspiel ausgelaugt – beim Fürsten von Waldstein im böhmischen Dux die Sinekure eines Bibliothekars annahm, um sich die letzten 13 Jahre der Schriftstellerei zu widmen.

Neben profunden Querbezügen zwischen unserem Abenteurer und Kollegen wie dem Fürsten de Ligne, dem Quacksalber Cagliostro oder dem gebremst geistesverwandten Goethe entkräftet Müller die Legende des tristen Dahinflackerns in Böhmen; denn Casanova reiste auch von Dux gerne nach Wien, Prag, Teplitz oder Dresden, um sich altersgerecht zu amüsieren.

Was bleibt von diesem Leben, das uns die digitale Revolution geistig wie sinnlich gerade noch mehr entfremdet? Ein Staunen über die Vitalität Casanovas, der das Leben als Glücksspiel nahm, der den Genuss ins Zentrum stellte, der (jedenfalls für sich) keine Klassenschranken akzeptierte und die ganze Welt als Komödie betrachtete. Leben mit vollem Risiko und immer ins Offene – wer könnte es dieser Jahrtausendfigur aus einer untergegangenen Welt heute noch gleichtun?

„Casanova zur Nacht: Ein erotisches Lesebuch“. Aus dem Französischen von Heinrich Conrad. Mit einem Essay von Stefan Zweig. Herausgegeben von Barbara Albrecht. Die Andere Bibliothek. 367 Seiten, 22 Euro

Lothar Müller: „Die Feuerschrift“. Giacomo Casanova und das Ende des alten Europa. Wagenbach, 272 Seiten, 28 Euro

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