Vor 20 Jahren verabschiedete sich Deutschland von einem der größten Entertainer, den dieses Land je hatte: Harald Juhnke verstarb nach langer Krankheit.

"Ich war ein Bettler, ein Playboy, ein Söldner, ein Spieler, ein Clown und ein Poet", singt Harald Juhnke bei einer seiner zahlreichen TV-Aufzeichnungen in seiner Version von Frank Sinatras "That's Life". Eine Selbstbeschreibung, die auch ein Biograf nicht besser hätte formulieren können. Juhnke war alles – Sänger, Entertainer, Moderator, Familienvater und – Alkoholiker. Sein Leben: ein jahrzehntelanger Drahtseilakt in höchsten Höhen und mit tiefsten Tiefen. Am 1. April 2005 stirbt Harald Juhnke mit 75 Jahren. Schwer gezeichnet von seiner langen Alkoholsucht. 

Der "Harry vom Wedding" erobert die größten Bühnen des Landes

Geboren wird Harry Heinz Herbert Juhnke 1929 in Berlin. Er wächst im Arbeiterstadtteil Wedding auf. Sein Vater ist Angestellter bei der Polizei, seine Mutter Hausfrau. Im zerbombten Nachkriegs-Berlin werden die Hinterhöfe der Mietskasernen zu seinem Abenteuerspielplatz. Sein langjähriger Manager Peter Wolf erklärte in einer ZDF-Dokumentation: "Kurz nach dem Krieg war Harald Juhnke besessen von der Idee, Schauspieler zu werden." Er habe auf der zerbombten Bühne des Theaters am Gendarmenmarkt gestanden und gerufen: "Ich bin Harry Herbert Juhnke und ich werde eines Tages Deutschlands größter Schauspieler werden." 

Es ist ein Traum, für den Juhnke bereit ist, alles zu geben. Er nimmt Schauspielunterricht und schon nach wenigen Monaten gibt er tatsächlich sein Debüt am späteren Maxim-Gorki-Theater. Ab da geht seine Karriere steil bergauf. Nach einigen Monaten als Theater-Schauspieler ist Juhnke auch im Film zu sehen. Und er wird Vater – mit gerade einmal 22 Jahren. Doch seine Tochter stirbt mit nur anderthalb Jahren an einer unheilbaren Krankheit. Juhnke reagiert, wie er später immer reagiert, wenn ihm etwas über den Kopf wächst: Er stürzt sich in die Arbeit. Und den Alkohol. In den späten 1950er-Jahren dreht er einen Film nach dem anderen. Er sagt von sich selbst, er sei ein "fleißiger Triebtäter – mit einem Sprachfehler" – er kann nicht "nein" sagen.

Showmaster Kein Platz für Influencer: Thomas Gottschalk über "Wetten, dass.. ?" und Witze mit Joe Biden

Schon 1959 wird die Sucht, die ihn sein Leben lang begleiten soll, öffentlich. Er zecht eine Nacht in Westberlin durch. Mit zehn Bier und 23 Schnäpsen intus setzt er sich ans Steuer seines Autos und liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Bei seiner Festnahme prügelt er auf die Beamten ein. Die Bilanz seiner Nacht: er muss den Führerschein abgeben und sieben Monate ins Gefängnis. 

Es sollte nicht der letzte alkoholbedingte Skandal werden. Doch vom Trinken hält ihn niemand ab. Juhnke würde man heute wohl als "functional alcoholic" bezeichnen – als "funktionierenden Alkoholiker". Seine Rollen spielt er fehlerfrei, mit Charme und Verve, nach Drehschluss greift er zur Flasche. Die Branche weiß von seiner Sucht und sie akzeptiert sie, solange er die Waage aus Arbeit und Eskapaden halten kann. 

Harald Juhnke ist schon früh "funktionierender Alkoholiker"

Doch diese Balance findet ein jähes Ende. Mitte der 1970er Jahre kollabiert Juhnke mehrmals auf der Bühne. Offiziell wegen Begründung Kreislaufproblemen. Doch der Öffentlichkeit kann er nichts mehr vorspielen. Die "Bild" titelt: "Harald Juhnke – zwischen Bühne, Krankenhaus und Kneipe". 

Seiner Karriere tun die wiederkehrenden Abstürze aber keinen Abbruch. Denn Juhnke erklimmt seine nächste, noch größere Bühne: Er wird zum Fernsehstar. In der Serie "Ein verrücktes Paar" wird er an der Seite von Grit Boettcher über Nacht deutschlandweit bekannt. Bis zu 20 Millionen Zuschauer schalten bei der Sketch-Sendung ein. Was Juhnke da noch nicht weiß: Es sollte nur ein Sprungbrett sein zum absoluten Höhepunkt seiner Karriere. Ende der 1970er Jahre bietet das ZDF ihm an, die Sendung "Musik ist Trumpf" zu moderieren. Der absolute TV-Olymp. 

Bis zu 30 Millionen Zuschauer bei "Musik ist Trumpf"

Juhnke wird zum Showmaster. In seiner ersten Übertragung stellt er sich dem Publikum ganz Sinatra-like vor: "Es stand ein Meister an dieser Stelle. Ich bin ein Lehrling, nicht mal Geselle. Ich bin ein Mann für alle Fälle." Ein Understatement, das ihn blitzschnell zum Publikumsliebling macht. Der "Harry vom Wedding" als Nachfolger von Moderatoren-Legende Peter Frankenfeld – und bis zu 30 Millionen Menschen sehen zu. 

Drei Jahre lang ist Juhnke eines der beliebtesten Gesichter der deutschen TV-Unterhaltung. Doch auch diesen Olymp reißt seine Alkoholsucht nieder. Juhnke wird unzuverlässig, immer wieder steht die Live-Show kurz vor der Absage, weil er betrunken am Set erscheint. Im Oktober 1981 kommt es dann tatsächlich zum Skandal. Der Moderator ist so volltrunken, dass er nicht moderieren kann. Das ZDF muss umdisponieren, beerdigt seine erfolgreichste Sendung und entlässt Juhnke, der sich kurz darauf in eine Suchtklinik einweisen lässt.

100. Geburtstag Hans Rosenthals Sohn: "Seine Ängste thematisierte er nie"

Seine Ärzte warnen ihn: Wenn er nicht aufhört zu trinken, droht ihm die Demenz. Doch auch dieses Ultimatum bleibt von Juhnke ungehört. Er ändert sich nicht, weil er sich nicht ändern muss. Er ist zwar ein Risiko für die Sender und Theater, doch sein Name verspricht noch immer volle Säle und hohe Quoten. Mit der Vorabendserie "Drei Damen vom Grill" rehabilitiert er sich – zumindest bei den Zuschauern. Die Shows, in denen er als Moderator, werden nicht mehr live gesendet, sondern aufgezeichnet. Seiner Beliebtheit tut dies aber keinen Abbruch. 

Im Spätherbst seiner Karriere spielt er die Rolle seines Lebens: den "Trinker"

Doch von einer Seite fehlt ihm der Applaus: Harald Juhnke will ernste Rolle spielen. Er will die Anerkennung des Feuilletons. Und die erarbeitet er sich – wenn auch spät. 1992 spielt er in der Helmut-Dietl-Verfilmung "Schtonk". Die Kritiker überschlagen sich mit Lobeshymnen. Und Juhnke begießt den Erfolg einmal mehr mit Alkohol. 

Er ist im Spätherbst seiner Karriere. Er hat alles erreicht, was er erreichen konnte. Und doch schafft er es, mit 65 Jahren noch ein letztes Highlight zu setzen: Er spielt die Rolle seines Lebens, gewissermaßen sich selbst, in dem Drama "Der Trinker". Der bekannteste Alkoholiker Deutschlands spielt einen bemitleidenswerten Suchtkranken im fortgeschrittenen Alter. Alles an dieser Rolle schreit nach Juhnkes echtem Leben.

Prinzessin Diana & Co.: Türkischer Fotograf erweckt tote Promis zum Leben

Prinzessin Diana starb 1997 im Alter von nur 36 Jahren bei einem Autounfall in Paris. Heute wäre die Mutter von Prinz William und Prinz Harry 61 Jahre alt. Ob sie wirklich so aussehen würde, wie Alper Yeşiltaş sie auf diesem Foto erscheinen lässt? Graues Haar und tiefe Falten lassen Diana älter wirken als Anfang 60. © Alper Yeşiltaş
Zurück Weiter

Noch immer stürzt er sich in regelmäßige Gelage, versucht trocken zu werden, wird rückfällig. Der Alkohol dominiert weiter sein Leben – und er hinterlässt Spuren. Er hat erste Gedächtnislücken, wirkt teilweise verwirrt. Seine Kollegin und Freundin Barbara Schöne fragt, was mit ihm los sei. Er antwortet nur kurz: "Dein Harald wird verrückt." 

Es ist eine Vorhersehung, die sich abgezeichnet hatte. Im Dezember 2001 verkündet Manager Peter Wolf auf einer Pressekonferenz das Ende von Harald Juhnkes Karriere: "Er ist unheilbar krank, sein Geist ist verwirrt, eine Heilung ist ausgeschlossen. Harald Juhnke wird nie wieder auf einer Bühne oder vor einer Kamera stehen." 

Danach geschieht das, was eigentlich ausgeschlossen war: Um Harald Juhnke wird es still. Am 1. April 2005 stirbt er mit 75 Jahren. Bei seiner Beerdigung erklingt ein letztes Mal sein Lieblingslied: Frank Sinatras "My Way".

  • Harald Juhnke
  • Peter Frankenfeld
  • Frank Sinatra
  • ZDF

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke