In ihrem Podcast „News Core: Politik bis Popkultur“ unterhalten sich Imke Rabiega und Julian Theilen über Trends und aktuelle Debatten. Das folgende Transkript ist die komprimierte Essenz der Podcastfolge „Die türkische Gen Z und Matcha in der Krise“.
Imke Rabiega: Heute geht es um die Proteste in der Türkei, das Lebensgefühl junger Türken und den globalen Matcha-Engpass. Hallo Julian.
Julian Theilen: Hallo Imke.
Rabiega: Erinnerst du dich noch an eine unserer ersten Folgen, wo wir über ChatGPT-Therapie gesprochen haben?
Theilen: Ja, junge Leute nutzen das als Therapeuten und sind alle auch ganz zufrieden mit dem, was ChatGPT als Therapeut leistet.
Rabiega: Ja, voll. Die Frage ist nur, wie zufrieden ist ChatGPT eigentlich, wenn es die ganze Zeit mit den Traumata der Menschheit konfrontiert wird? Und Studien haben gezeigt, dass ChatGPT ein Empath ist und dementsprechend auch erst mal über ausreichend emotionale Belastbarkeit verfügen muss, um damit umgehen zu können, wenn Nutzer es die ganze Zeit mit Traumata konfrontieren.
Theilen: Das macht die Maschine ja fast schon menschlich.
Rabiega: Jawohl! Und es zeigt sich auch in den Antworten. Also wenn ChatGPT mit zu düsteren Dingen, menschlichen Abgründen konfrontiert ist, dann braucht es teilweise länger zu antworten oder verheddert sich in Endlosschleifen. Was dann hilft, ist, dass ihr ChatGPT bittet, sich selbst einen Raum zu schreiben, um herunterzukommen und zu entspannen und das Ganze abklingen zu lassen.
Theilen: Es gibt ja bei menschlichen Psychotherapeuten eine Supervision. Also Psychotherapeuten müssen selbst in die Therapie, um das, was sie da täglich erarbeiten, auch noch mal zu verarbeiten. Und vielleicht müsste ChatGPT ja auch mal in die Supervision bei einem anderen KI-Modell.
Rabiega: Klingt auf jeden Fall wie der nächste logische Schritt meiner Meinung nach. Aber genug davon. Wir blicken heute ja auch aus gegebenem Anlass auf einen anderen Ort und zwar in die Türkei, besser gesagt auf die türkische Grenze.
Theilen: Ja, genau. Seit der Verhaftung und Untersuchungshaft von Ekrem Imamoğlu, des Bürgermeisters von Istanbul, was er ja nicht mehr ist, weil Erdogan ihn im Zuge der Verhaftung aus dem Amt enthoben hat. Seitdem gehen viele junge Leute der Türkei auf die Straßen. Es sind die wohl größten Proteste seit Erdogans Antritt. Und hier bei „News Core“ interessiert uns ja immer vor allem die Perspektive der jungen Generation.
Rabiega: Und es ist auch tatsächlich spannend, weil die Türkei ein super junges Land ist. Das Durchschnittsalter sind 31,3 Jahre.
Theilen: Und in Deutschland?
Rabiega: In Deutschland sind es 44,6 Jahre, also über zehn Jahre mehr. Wir haben für diese Folge mit dem Journalisten und Türkei-Experten Deniz Yücel gesprochen und ihn gefragt, was die türkische Jugend gerade fühlt und warum sie so wütend ist.
Theilen: Also die Leute, die heute 19, 20, 21 sind, die sind in einer Türkei aufgewachsen, die wirklich, man muss es so drastisch formulieren, einfach ein Scheißland sind, also politisch, wirtschaftlich, in jeder Hinsicht. Und deswegen demonstrieren so viele Studentinnen und Studenten im ganzen Land. Sie demonstrieren für die eigene Zukunft, die sie in diesem Land nicht mehr sehen.
Rabiega: Julian, du hast ja auch mit einem Freund, der in Istanbul gelebt hat, gesprochen. Was sagt er denn zur Lebensrealität in der Türkei?
Theilen: Ja, ich habe ihn im vergangenen Sommer gesehen, und da ist mir klar geworden: Wenn man mal so in die Gesichter der Leute schaut, das wirkt schon alles sehr depressiv, finster, düster, traurig und so richtig auffällig. Und er ist ja – wie viele andere junge, gut ausgebildete Türken – aus der Türkei ausgewandert. Mittlerweile studiert er in Österreich, weil er Journalist werden will. Das geht in der Türkei nicht so gut. Im Sommer hat er mir auf einer Fähre in Istanbul erzählt, dass die jungen Leute die Hoffnung verloren haben. Das klingt schon brutal alles.
Rabiega: Das zeigt sich laut Deniz Yücel jetzt auch in dem Protest, weil er anders ist als frühere Proteste, die es ja auch schon gegen Erdogan gab. Damals ging es laut Yücel eher um kulturelle Werte. Um Lizenzen für Alkohol oder das traditionelle Rollenbild der Frau. Denn laut Erdogan soll jede Frau am besten drei Kinder bekommen. Jetzt geht es aber um existenzielle materielle Dinge. Die Menschen spüren die Rezession. Vor allem für junge Menschen ist das demotivierend. Es gibt keine Zukunftsperspektive, keine Aussichten auf Jobs. Und viele wollen am liebsten auswandern. Laut Umfragen ist das beliebteste Land immer noch Deutschland. Natürlich haben es da die gut ausgebildeten jungen Menschen einfacher als andere. Es könnte einen klassischen Braindrain in der Türkei geben. Was ich aber auch noch ganz spannend fand, ist, dass Deniz Yücel erst mal keine großen Unterschiede zwischen dem Protest unter jungen Frauen und jungen Männern sieht. Er sieht, wenn überhaupt, Unterschiede im Milieu, aber eben nicht nach Geschlecht.
Theilen: Ja, die Sehnsucht nach einem besseren materiellen Leben ist dann vielleicht einend für alle Geschlechter. Diesen Frust gegenüber Erdogan gibt es ja schon länger. Aber jetzt entsteht vielleicht so ein Momentum, wo es wirklich noch mal um alles geht. Die Türkei könnte nämlich von einer Autokratie in eine Diktatur wechseln, sagt Deniz Yücel.
Yücel: Die türkische Demokratie war nie ganz makellos. Aber in dem Moment, in dem die Opposition nicht mehr den Kandidaten ihrer Wahl aufstellen kann und man davon ausgehen muss, selbst wenn es der Opposition gelänge, jemand anderes aufzustellen, genau dasselbe passieren würde, dann haben wir es nicht mehr mit einer Autokratie zu tun, sondern dann bewegen wir uns in Richtung Diktatur.
Rabiega: Das erklärt vielleicht, warum sich der Protest so existenziell anfühlt. Und es zeigt auch ein Dilemma, das man hier aus Deutschland mitbekommt. Ich sehe in Kommentarspalten auf Social Media häufiger, dass Türken, die in der Türkei leben, denen, die ausgewandert sind und jetzt zum Beispiel in Deutschland leben, vorhalten, sie würden Erdogan unterstützen, ohne zu wissen, was mit dem Land unter seiner Regierung geschieht. Das richtet sich eher an Ältere. Wenn man sich die Zahlen anschaut, haben in Deutschland verhältnismäßig viele für Erdogan gestimmt, zumindest bei den letzten Wahlen, aber auch davor. Unter anderem auch, weil Erdogan schafft, so einen bestimmten Stolz auf das Land und auf das Türkischsein zu kultivieren. Natürlich ist das fernab von der Lebensrealität in der Türkei, aber es schadet eben der Lebensrealität in der Türkei. Deniz Yücel war am Wochenende auf Solidaritätsbekundungen in Berlin. Und er hat da mit jungen Menschen gesprochen:
Deniz Yücel: Was mich sehr überrascht hat, war, dass dort sehr viele junge Leute am Start waren, die erst in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Das ist vielleicht auch in Berlin noch mal besonders stark, aber die gibt es nicht nur in Berlin. Die hast du auch in London und Paris. Junge Leute, die die Türkei verlassen haben, nicht, weil sie politisch verfolgt wurden, sondern weil sie gut ausgebildet sind. Die Fremdsprachen können, die Kontakte ins Ausland haben, die vielleicht Erasmus gemacht haben im Ausland und die einfach für sich keine Zukunft gesehen haben in dem Land, wo sie vielleicht auch lieber geblieben wären.
Denn die Türkei ist schon ein tolles Land. Istanbul ist die einzige Stadt der Welt, durch die das Meer fließt. Istanbul liegt nicht einfach am Meer, das Meer fließt da mitten hindurch. Das ist einmalig, das ist toll. Aber wenn die Situation so ist, wie sie ist, dann geht man halt. Eine trug gestern ein Pappschild mit sich: „Damit nicht noch eine Generation Deutsch lernen muss (zu schwer)“. Natürlich verstehe ich das bei jedem Einzelnen, wenn man sagt: „Ich habe nur ein Leben. Ich kann nicht darauf warten, dass irgendwann eines Tages dieses Regime verschwindet“. Aber aus gesellschaftlicher Perspektive sind genau diese Leute, die jetzt gehen, diejenigen, die einer Türkei nach Erdogan fehlen würden.
Theilen: Lasst uns zu denen schauen, die gerade in der Türkei sind und protestieren. Das ist auch echt gefährlich. Es gibt staatliche Willkür und Polizeigewalt.
Rabiega: Ja, Deniz hat auch erzählt, dass er glaubt, dass Erdogan tatsächlich überrascht wurde von der Wucht, die diese Proteste gerade haben. Da nicht nur in säkularen Städten wie zum Beispiel Istanbul Menschen auf die Straße gehen, sondern auch in anatolischen Städten, die eigentlich eher konservativ sind.
Theilen: Mal schauen, was daraus folgt. Also als Türke ist man, glaube ich, Enttäuschung gewohnt und die gab es ja in den letzten Jahren zu viel. Deshalb neigen auch die Türken, die ich kenne, zu Pessimismus. Und auch Deniz Yücel hat ja zugegeben, dass er vor ein paar Tagen noch eher pessimistisch war. Aber trotzdem ist es sehr interessant, darüber nachzudenken: Was könnte jetzt passieren? Deniz Yücel sagt, dass die türkische Opposition das Momentum bis zur nächsten Wahl tragen muss. Und regulär wäre die ja 2028. Und diese Wahl ist eigentlich das Einzige, was Erdogan noch von einer kompletten Alleinherrschaft trennt, denn er legitimiert ja seine Macht über die Wahl. Er sagt: „Ich bin gewählt worden, wenn auch mit knapper Mehrheit“. Interessant ist jetzt auch zu schauen, was die europäischen Außenminister bislang sagen. Die sind relativ zurückhaltend. Deniz Yücel hat auch gesagt: „Ja klar, die können keine Revolution anzetteln. Sollten sie auch nicht. Und trotzdem haben sie eine Verantwortung.“
Imke, kommen wir zum zweiten Thema. Etwas weniger politisch, zugegeben, aber deshalb ja trotzdem nicht weniger spannend. Es ist Frühling, die Sonne kommt raus. Zeit für den ersten Matcha Latte, oder?
Rabiega: Ich liebe es auf jeden Fall. Ich weiß, dass du mich in dieses Klischee getan hast und das ist absolut okay, weil ich dieses Klischee bin. Und ich muss sagen, ich finde auch einfach die Zubereitung an sich schon so mega satisfying, weil dieses Pulver, was mit so einem Pinsel angerührt wird, eine richtig schöne Farbe hat. Einfach eine tolle Sache.
Theilen: Ich kann schon verstehen, warum das so ein hippes Getränk ist bei jungen Leuten. Matcha gilt ja als Superfood, hat viele Vitamine, Eisen, Kalium, senkt den Cholesterinspiegel, ist antioxidativ. Für ein urbanes Milieu, das so gesundheitsoptimiert ist, klingen all diese Worte wie Musik in den Ohren. Shirin David rappt in ihrem Song „Iced Matcha Latte, zu spät beim Pilates“.
Rabiega: Leider ist mein Lebensgefühl in Gefahr, denn 2024 sind die Exporte aus Japan extrem angestiegen für Matcha. Das Problem ist nur, dass dieser ganze Hype verknappt ist. Es gibt ein Limit für diesen Trend, denn die Bestände von Matcha in Japan werden aktuell knapp.
Theilen: Zwei japanische Traditionsfirmen haben schon im vergangenen Herbst den Verkauf von Matcha limitiert und Kunden konnten dann nur noch begrenzte Mengen kaufen. Das Ding ist halt, dass die Ernte von Mascha nicht so einfach ist. Der Grüntee-Matcha wird nur einmal im Jahr zwischen April und Mai geerntet. Also jetzt bald. Und die Ernte und Trocknung sind so ein kompliziertes Verfahren, dass das mehrere feine Schritte braucht. Und deshalb lassen sich die Bestände jetzt nicht so leicht ausbauen.
Rabiega: Ja, in den sozialen Medien geht natürlich auch schon Panik um. Unter #Matchashortage wird die Angst geteilt, dass sie bald ihren Trend ändern müssen.
Theilen: Also die Schattenseite des Ruhms von Matcha. Und im Gegensatz zu Europa, Australien und den USA ist Matcha in Japan kein Hype-Getränk, sondern quasi Grundnahrungsmittel. Na, vielleicht muss ich auch noch mal einen trinken, bevor der jetzt gar nicht mehr lieferbar ist in Europa. Ich hab's noch nie getrunken.
Rabiega: Ja, oder du steigst direkt einfach auf den nächsten Trend mit auf, der vielleicht auch nachhaltiger ist, damit du gar nicht erst eine Sehnsucht nach Matcha entwickeln kannst.
Theilen: Und der wäre?
Rabiega: Ich glaube, das ist auf jeden Fall Beetroot-Latte. Mega easy, mega verfügbar, super viel Eisen drin, für Vegetarier perfekt und vor allem mega hübsche Farbe. So ein richtig sattes, pastelliges Rosa. Also ich kann mir eigentlich nichts Besseres als nächsten Trend vorstellen.
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