Der Soziologe Stefan Schulz hat während des Zoom-Calls ein riesiges Mikrofon vor der Nase. „Das ist da von gestern noch“, erklärt er. Da habe er seinen ehemaligen Professor Stefan Kühl „nach Jahren endlich dazu gekriegt“, in seinem „Groundbreaking“-Podcast aufzutreten. Schulz, bekannt geworden spätestens mit seinem Bestseller „Die Altenrepublik“, ist auf vielen Kanälen unterwegs. Nach Jahren enger Zusammenarbeit mit Tilo Jung geht er eigene Wege, unterhält mit dem Filmanalytiker Wolfgang M. Schmitt den Podcast „Die neuen Zwanziger“, der über 100.000 Abonnenten erreicht.
Schulz neuestes Buch heißt „Die Kinderwüste“. Es behandelt das, was Schulz unsere „volkswirtschaftliche Schicksalsfrage“ nennt: den dramatischen Geburtenrückgang der letzten Jahre. Schulz verknüpft ihn eng mit dem „schlechten Zustand unserer Familienpolitik“ – und entwickelt in seinem Buch ein überraschend radikales Programm, damit die Menschen wieder Kinder bekommen. Schulz ist 42 Jahre alt und selbst Vater dreier Kinder.
WELT: Deutschland ist kein besonders kinderfreundliches Land – ich glaube, da sind wir uns einig. Ihr Buch „Die Kinderwüste“ hat einen Nerv getroffen, ist direkt wieder auf die „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen. Eine „Kinderwüste“ – was ist das?
Stefan Schulz: Interessant, dass Sie gleich beim Titel anfangen, der ist mir besonders wichtig. Es geht um die Wüste, die man in seinem privaten, kleinen Leben erlebt – aber eben auch im Großen und Ganzen. Das Buch ist die Ausarbeitung des privatesten, engsten, im Grunde auch kleinsten und jedenfalls intimsten Lebensraums: der Familie. Und es ist politisch.
WELT: Es geht also einerseits um die Kinderlosigkeit, aber andererseits auch um den Mangel an staatlicher Hilfe, an Angeboten für Familien.
Schulz: Genau.
WELT: Sie beginnen während der Coronazeit. Sie schildern den Fall einer Frau, die sich während der Lockdowns steuerliche Vorteile zu verschaffen versuchte, indem sie ihren Haushalt mit Kindern kurzerhand als Gewerbe umdeklarierte: Sie betreibe „Aufzucht von Säugetieren“.
Schulz: Mir war wichtig, die Pandemie als das zu nutzen, was sie war, nämlich eine Art Reallabor: Was passiert in so einer völlig artifiziellen Situation? Die Pandemie hat gezeigt, welchen Stellenwert die Familie eigentlich hat. Der Staat hat für uns kollektiv bindend entschieden, dass jetzt die Betriebe stillgelegt werden, dass die Flughäfen verbarrikadiert werden. Dass die Schulen geschlossen werden. Alles, was während Corona nicht mehr stattfand, hat sich verlagert – und zwar als Arbeitslast auf die Familie. Betriebe zu? Homeoffice. Schule zu? Homeschooling. Restaurants zu? Homecooking. Daran sind sehr viele Familien einfach zerbrochen. Für mich ist die Pandemie das Nadelöhr in Sachen Familienpolitik.
WELT: Indem die Frau ihre Familie zum Gewerbe umdeutet, tut sie etwas, das Sie als richtungsweisend begreifen: Sie fordert die anderenfalls ausbleibende staatliche Unterstützung ein, indem sie ihre Familie zur wirtschaftlichen Einheit erklärt.
Schulz: Wir haben uns nun mal in Deutschland dafür entschieden, in Marktwirtschaft und Demokratie zu leben. Wenn wir aber alles marktwirtschaftlich organisieren, dann bitte auch die Familie. Wenn jemand eine Fabrik betreibt, kann er sich entscheiden, ob er in eine neue Maschine investiert oder in Menschen. Entscheidet er sich für Menschen, ist völlig klar: Ab Monat eins kostet der 2000 netto. Das ist der Grund, dass ich am Ende des Buches den Staat auffordere, eine Billion Euro pro Jahr für Familien freizusetzen.
WELT: Ein gigantisches Sondervermögen – nicht nur für die naheliegenden Bereiche wie Kitas, sondern zum Beispiel für staatlich geprüfte Babysitter, Catering für Alleinerziehende und rund-um-die-Uhr-Kitas.
Schulz: Ja, ich denke, das ist gerade eine gute Gelegenheit für eine konstruktive Wende, um zumindest für die Familien ein bisschen was rauszuholen. Genauso wie der Staat während der Pandemie für die Familie ausgefallen ist, sollte er jetzt einspringen. Wir haben gesehen, was negativ möglich ist und jetzt will ich einmal sehen, was positiv möglich ist.
WELT: Sie sehen die Corona-Pandemie als Wahrheitsmoment. Aber Sie beschreiben auch Missstände wie die mangelnde Investition in Kitas und Schulen – oder die während der Ampel-Koalition gescheiterte Kindergrundsicherung, die nichts mit der Pandemie zu tun haben. Woran liegt es, dass ausgerechnet in Deutschland nicht ausreichend für Familien getan wird?
Schulz: Zum einen war es in Deutschland über Jahrzehnte völlig gewöhnlich, dass Politiker sagen: „Ich habe mich für Politik als Beruf entschieden, ich habe keine Familie.“ Wir hatten nacheinander mehrere Kanzler, die keine leiblichen Kinder haben. Während der Pandemie hatten wir einen Gesundheitsminister ohne Kinder. Am Ende saßen da ein Finanzminister, ein Gesundheitsminister, eine Kanzlerin und ein Kanzleramtschef. Alle ohne Kinder. Die haben während der Pandemie Politik gemacht – und waren in dieser Hinsicht Extremisten.
WELT: Die Kinderlosigkeit der Politiker führt zu einem Mangel an Empathie und Vorstellungsvermögen?
Schulz: Es fehlt einfach an Bewusstsein dafür. In dem Moment, in dem Politiker in ihrem Privatleben keine Kinder vor Augen haben, verkümmert dieser soziale Anteil.
WELT: Gleichzeitig beobachten Sie aber so etwas wie einen Hang zum Kitsch, wenn es hierzulande um das politische Sprechen über Familie geht.
Schulz: Jedes Mal, wenn jemand ein Kind kriegt, kommt die Politik und sagt: Oh ja, hier wird gerade ein heiliger Bund zwischen Mutter und Tochter oder Mutter und Sohn geschlossen. Dieses heilige Gefüge, das dürfen wir nicht stören! Da darf der Staat sich nicht einmischen!
WELT: Werden Familien von der Politik in Deutschland paradoxerweise gerade deswegen vernachlässigt, weil sie idealisiert werden?
Schulz: Die Kinder, die wir haben, sind unser Heiligtum. Und wie es sich für ein Heiligtum gehört, wird es verhüllt. Die sieht man nicht auf der Straße. Ich war letzten Monat in Griechenland. Es ist spektakulär zu sehen, wie anders die da drauf sind –Kinder sind eine Selbstverständlichkeit. Das soziale Leben findet grundsätzlich mehr auf der Straße statt.
WELT: Wie nehmen Sie die Situation aktuell in Deutschland wahr?
Schulz: In Ostdeutschland haben wir Regionen, wo man überhaupt keine Kinder mit Schulranzen mehr sieht, die zu Fuß in die Schule gehen. Es gibt sie einfach nicht mehr, und die wenigen, die es gibt, werden natürlich mit dem Auto den langen Weg bis zur drei Dörfer entfernten Schule gefahren.
WELT: Die Zahlen, die Sie darlegen, sind wirklich dramatisch: 2023 ist die Geburtenzahl um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Im ersten Quartal 2024 sank sie im Jahresvergleich um weitere 4,4 Prozent.
Schulz: Ich erzähle das im Buch anhand eines Nachrichtentages, ich habe mir den 2. Mai 2024 genommen. Da sagte das Statistische Bundesamt: Achtung, Achtung, minus 6,8 Prozent Kinder. Und abends wird dann in den Talkshows diskutiert.
WELT: Aber nicht darüber.
Schulz: Genau. Der Moderator Markus Lanz stellt seine Gäste vor. Es geht um Russland, sofort ist die Rede vom „Vater Staat“. Also der Vater, die Mutter – die Familie als Gefüge, die allgemeinen Lehren, die man so aus einem guten Familienleben zieht. Streitet euch nicht, helft den Nachbarn, kümmert euch um die Oma. Das findet die ganze Zeit in der politischen Berichterstattung statt. Es wird politisch diskutiert, am Ende kommt der Nachrichtenmoderator und sagt: „Und ist jetzt wieder Frieden. In der Koalition verstehen sich Mama und Papa wieder.“
WELT: Sie schreiben: „Die Politik übersieht die tatsächlich existierenden Familien.“ Gleichzeitig sei die Familie als „appellative Erklärungsfolie“ dauerpräsent.
Schulz: Das Familienideal orientiert sich an der Pastorenfamilie von vor 400 Jahren, die wird hyperideal in den Raum gestellt. Aber die Realität der Familien, wenn man nur eine Straße weitergeht, die ist völlig ausgeblendet.
WELT: Sie legen in ihrem Buch dar, wie sehr Familienbilder etwas mit der jeweiligen Wirtschaftsordnung zu tun haben. Es ist ja allgemein bekannt, dass die Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen, etwas relativ Junges ist. Aber ich habe das noch nie so sehr gespürt wie nach Ihren Ausführungen zum Kohlezeitalter: Die Mutter-Vater-Kind-Familie habe sich formiert, weil der Arbeiter unter Tage eine Ehefrau braucht, die ihm die Klamotten wäscht.
Schulz: Die Familienidee, die wir heute haben, scheint tradiert. Man lebt wie seine Eltern und Großeltern, man gründet eine Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind – vielleicht noch ein Kind. Und dann hat man zwei Kinderzimmer und lebt so in seinem Haus vor sich hin. Wenn es richtig gut läuft, hat man auch einen Garten. Wenn man zehn Generationen zurückgeht, sieht das völlig anders aus. Ich unterteile unsere jüngste Geschichte in Kohle-, Öl- und Gaszeitalter. Noch im Kohlezeitalter hat man nicht flächendeckend so gelebt – wirklich kam es erst mit dem Öl, als man die Idee der Dampfmaschine industriell groß ausbreiten konnte, als man Fabriken hatte und die Fabriken Arbeiter brauchten. Diese Arbeiter brauchten Familien, denn irgendwer muss sich ja um die Kleidung kümmern.
WELT: Alle diese Energieformen gehören in gewisser Weise der Vergangenheit an, die Zukunft ist ungewiss und hybrid. Gilt das auch für die Familie?
Schulz: Die Zeitenwende ist überall. Familienpolitisch würde ich sagen, man muss sich entscheiden: Ein Stück weit kann man auch bewahren, was wir die letzten 150 Jahre installiert haben als Familie und sagen: Das war ein gutes Modell. Wir wollen nicht allergrößte emotionale Verwerfungen. Nur: dann muss man halt an die ökonomischen Grundlagen dieser Leben ran. Dann muss man sich die Frage stellen: Kann jedes Haus eine Million Euro kosten? Die Antwort ist nein.
WELT: Ist Baupolitik die neue Familienpolitik?
Schulz: Es müsste ganz anders gebaut werden. Der Staat als öffentlicher Finanzier, Träger und Bauherr müsste schlüsselfertige Häuser bauen und sagen: „Ach, du hast zwei Kinder? Dann mäßigen wir den Preis.“ In Frankfurt wird das teilweise so gemacht: wenn man ein Grundstück übernimmt, werden pro Kind 10 oder 20 Prozent von der Erbpacht abgezogen.
WELT: Sie schildern in ihrem Buch das Beispiel des Autors Michael Nast, der kürzlich über seinen unerfüllt gebliebenen Kinderwunsch sprach. Obwohl er sehr erfolgreich ist, zweifelte er stets daran, die finanziellen Umstände zu haben, die ihm das Kinderkriegen ermöglichten. Ist unsere Arbeitswelt wirklich so kinderfeindlich?
Schulz: Mit einer befristeten Anstellung hat man keine Perspektive, dass man sagt: in dieser Welt traue ich mir jetzt auch noch Kinder zu. Am lebenswertesten ist es in den urbanen Zentren: Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München, Hamburg. Gleichzeitig stellen wir fest: In Berlin liegt die aktuelle Kinderzahl bei 1,1, Kinder pro Frau. Das heißt, die Menschen im Elternalter bekommen nur halb so viele Kinder, wie sie selbst sind. Das bedeutet innerhalb von einem Durchlauf durch Grundschule, weiterführende Schule, Berufsausbildung hat sich eine Bevölkerung halbiert. Wir lachen gerade noch darüber, wie junge Menschen in urbanen Zentren ihre Leben gestalten und hoffen, dass aus diesen Verstrickungen mit sieben offenen Beziehungen und einer Ankerperson, die aber alle drei Jahre wechselt, noch mal Nachwuchs bei rumkommt.
WELT: Ich frage mich manchmal, ob der Geburtenrückgang wirklich auf ökonomische Verhältnisse und Mangel an Infrastruktur zurückführbar ist. In Frankreich etwa, wo die staatliche Betreuung besser ist, werden auch immer weniger Kinder geboren. In jedem Fall scheint es ja recht unwahrscheinlich, dass Investitionen in dem von Ihnen vorgestellten Ausmaß vorgenommen werden.
Schulz: Ich habe sehr viel über Mehrheitsverhältnisse im Bundestag gelesen. Es ist für alle völlig klar: Eine Bundestagsentscheidung macht das Geld locker. Investitionen in Kinder sind die beste Rendite, die man sich vorstellen kann. Die gute alte Idee Familie hat uns in den letzten 150 Jahren enormen Reichtum, enormen Wohlstand verschafft. Eigentlich sind wir kurz davor, so glücklich zu werden. Es fehlt halt einfach nur eine Billion Euro.
WELT: Ist es wirklich die Lösung, die Familie als wirtschaftliches Unternehmen zu denken?
Schulz: Um nochmal zum Beispiel der Maschine zurückzukommen: Hier ist völlig klar, dass der ganze Herstellungsprozess in den Investitionspreis einfließt. Und dann kostet diese Maschine einfach eine Million Euro. Bei Familien hingegen sagt man: Der nächste Jahrgang ist da. Schön, dass du deinen Sohn so viel zum Posaune-Unterricht gebracht hast, dass er so toll Fußball spielen kann, dass er in der Schule immer auf Zack war, weil du dich abends noch hingesetzt hast, um mit ihm Hausaufgaben zu machen. Die 20 Jahre davor blende ich aus. Warum wird da nicht genauso eine riesengroße Rechnung aufgemacht? Wir brauchen diese Menschen als Produzenten. Wir haben einen volkswirtschaftlichen Beitrag von diesen jungen Menschen.
WELT: Was würden Sie konkret von einer zukünftigen Regierung erwarten?
Schulz: Wir sind in Deutschland in einer Situation, in der weder die Bundeswehr noch Handwerksbetriebe noch Universitäten einfach sagen können: Wir blenden das aus, der nächste Jahrgang wird schon kommen. Der nächste Jahrgang wird nicht mehr kommen. Die Zäsur ist jetzt da. Der nächste Jahrgang ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Ich möchte, dass das durchgerechnet wird. Ganz konkret: Was bedeutet Unterrichtsausfall? Was bedeutet ein fröhliches Kind? Weil es in einem Sportverein ist und gute Laune hat?
WELT: Sie schlagen sogar staatlich organisierte Kindergeburtstage vor.
Schulz: Was würde es bedeuten, eine Stelle in der Stadt zu haben, wo man einen Kindergeburtstag beantragen kann? Ich möchte gerne mit zehn Kindern Kindergeburtstag feiern und dann werden mir einfach 450 € ausgezahlt.
WELT: Sie plädieren auch für den Ausbau von 24-Stunden-Kitas für Eltern mit Nachtschicht. Fördert das nicht eher das Auseinanderdriften von Familien?
Schulz: Da möchte ich gerne ein alternatives Bild vorstellen, das sehr viele Menschen in Deutschland super attraktiv finden. Sie lachen dann immer so ein bisschen verschämt darüber, aber eigentlich meinen sie es voll ernst. Und dieses Bild ist das der Großmutter, die sagt: „Ich liebe meine Enkel, weil ich sie abends wieder abgeben kann.“ Ich finde, das kann auch der Anspruch einer Mutter sein.
WELT: Ich fühle ein Stück weit, was Sie sagen, aber trotzdem kommt es mir vor, als würden Eltern eher zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen als zu viel.
Schulz: In Deutschland haben wir Kinderbetreuung – für die Zeit, in der die Mutter arbeiten geht. Was ist mit der Kinderbetreuung, wenn die Mutter Spaß haben will? Aber die Mutter darf keinen Spaß haben! Spaß hat gefälligst das Kind zu bringen. Das ist völlig absurd. Ein Kind kann doch nach der Schule noch mal zwei, drei Stunden irgendwo anders sein in einem sozialen Zusammenhang und dort halt ein Musikinstrument spielen. Wo ist denn das zu viel?
WELT: Eltern, die ihre Kinder von Hobby zu Hobby schleppen, Familien, die immer mehr auseinanderfallen, in denen man sich überhaupt nicht mehr sieht – ist das nicht gerade das Problem?
Schulz: Das Einzige, was ich sehe, ist, dass alle zu viel bei TikTok hängen und das ist eine Unterforderung. Zu viel Bildschirm und nicht zu viel Action und Abenteuer. Ich möchte, dass jede Stadt, so wie sie eine Grundschule bereitstellt, einen Babysitter-Service hat. Ich gehe zu Ikea einkaufen und mein Kind bleibt beim staatlich geregelten Babysitter. Hier haben wir einfach echte Lücken in der modernen Lebenswelt.
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