Vier Stunden, bevor Angela Merkel die Bühne zur Lesung betritt, lässt die Leipziger Buchmesse die Öffentlichkeit wissen, dass gerade alle Rekorde gebrochen wurden: 296.000 Besucher (13.000 mehr als 2024) stürzten sich in die diesjährige Ausgabe der Frühjahrsschau mit dem Lesefestival „Leipzig liest“, ein viertägiges Bücher-Happening irgendwo zwischen Cosplay-Karneval, Branchenschau und Demokratiebeschwörung.
Und als seien sie davon noch nicht satt, wollen 1700 Menschen am Sonntagabend Angela Merkel zur Buchvorstellung im Leipziger Gewandhaus sehen. Normalerweise ist das der Ort für den Beginn einer Buchmesse, diesmal also auch fürs Ende, die Altkanzlerin füllt den großen Saal, in dem regulär das Gewandhausorchester musiziert, für ein großes Konzert ihrer Kanzlerschaft. „Freiheit“ heißen die Erinnerungen, die seit 17 Wochen in den Top Ten der Bestseller-Charts stehen. Es sind sozusagen Memoiren in F-Dur – der Pastoraltonart. Der Komponist Franz Schubert bezeichnete F-Dur als Ausdruck von „Gefälligkeit und Ruhe“. Dass sie selbstgefällig und frei von jeder Form von Selbstkritik seien, wurden den Merkel-Memoiren bereits mehrfach kritisch bescheinigt, zuletzt von Horst Seehofer im Deutschlandfunk.
Die kurze Anmoderation des Abends gerät peinlich, ein Mensch vom MDR verspricht ein „zeitgeschichtliches Sahnehäubchen“ und will das Publikum offenbar in Fan-Aufwallung bringen, indem er es nötigt, eine Chansonzeile aus Merkels Zapfenstreich-Auswahl zu intonieren: „Für mich soll’s rote Rosen regnen.“ Hm.
Merkel betritt den Saal im blauen Blazer, etwas heller als das Modell, das sie auf dem Buchcover trägt, das ihr übrigens in Form von zwei großen Bannern Flankenschutz auf der Bühne gibt. Den Eingangsapplaus kommentiert die Altkanzlerin mit den Worten: „Wir sind hier nicht auf dem CDU-Parteitag, wo Applauszeit gestoppt und hinterher mit früheren Auftritten verglichen wird“. Eine klassische déformation professionelle, offenbar hat sie sich als Parteichefin über Journalisten – oder Parteifreunde? – geärgert, die genau dies getan haben. Kurz geht sie auch auf die Anmoderation ein: „Sie müssen bei mir nicht singen, nur zuhören.“
Den Abend bestreitet sie als Solistin. Sie führt – wie schon in Berlin – selbst durchs Programm, kein kritischer Moderator wird ihr Fragen stellen. Auf dem Pult befinden sich: gleich zwei Exemplare ihres Buches (falls eines verloren geht?), ein Wasserglas (zu dem sie in 90 Minuten kein einziges Mal greift) und etwas kleines Schwarzes – ein Funkwecker, der ihr anzeigt, ob die den Zeitplan einhält? Tut sie. Dem Zufall hat diese Kanzlerin schon immer wenig überlassen.
Merkel und Leipzig
Der Leseabend ist auf Leipzig zugeschnitten. Zum einen hat Angela Kasner, wie sie damals noch hieß, hier von 1973 bis 1978 Physik studiert. Zum anderen war Leipzig Schauplatz für den CDU-Parteitag 2003, als Merkel ihre Partei kurzzeitig als „Antithese zur etatistischen SPD“ (Ulf Poschardt) positionierte, wovon später nichts mehr übrig blieb – und wonach man heute selbst in der Merz-CDU suchen muss.
Merkel kommt natürlich nur auf das eine, das studentische Leipzig zu sprechen. Sie trägt vor, wie sie einmal aus dem Hörsaal verwiesen wurde, weil sie während der Marxismus-Leninismus-Vorlesung beim Lösen von Physik-Aufgaben erwischt wurde. Lacher im Saal, als Merkel über ihr fehlendes Talent im Hochschulsport und später über die Elefantenrunde mit Gerhard Schröder 2005 liest. Raunen im Saal, als Merkel auf ostdeutsche Befindlichkeiten zu sprechen kommt und eine Bemerkung (von WELT-Autor Thomas Schmid) geißelt, in der sie als „angelernte Bundesdeutsche“ bezeichnet wurde.
Wenn Merkel Lesepassagen rafft, einleitet oder abschließt, hängt sie manchmal Sentenzen oder Spitzen an wie: „SPD-Kanzler neigen zu vorzeitigen Neuwahlen“. Zu ihrem 2017 gewonnen Eindruck, dass Donald Trump Deutschland besonders misstraue, ergänzt sie: „Daran hat sich bis heute nichts geändert.“
Die Lesepassagen zu ihren 16 Jahren Kanzlerschaft enthalten die bekannten Rechtfertigungsreferate – im Sinne von „alles war alternativlos“ – von der Flüchtlingspolitik („Dann ist das nicht mein Land“) über den Umgang mit der AfD bis zur Ukrainepolitik seit dem Nato-Gipfel 2008. Zum letzteren Themenfeld kein Applaus. Der Abend endet mit Appellen zur Demokratie und Standing Ovations. Dann, als der Begrüßungsmoderator den Blumenstrauß bringt und noch mal Schlusspointen setzen will, verlassen die Ersten den Saal. Vorbei an den Bücherstapeln mit dem Label „vorsigniert“, strömen die Leipziger an die frische Luft. Sind nur Merkel-Anhänger gekommen? Offenbar. 30 Euro Eintritt würden sonst wohl die wenigsten bezahlen. Zumal nicht nach vier Tagen „Leipzig liest“ mit 2800 anderen Veranstaltungen.
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