An diesem Wochenende geht die Buchmesse in Leipzig zu Ende. Sie war – wie der gesamte Markt – geprägt unter anderem von Sorgen über nachlassende Verkäufe und teure modische Zutaten bei der Buchproduktion (Farbschnitt, Karten, mehrfarbige Grafiken – Letzteres bei fantastischer Literatur mittlerweile unerlässlich), von aufstrebenden neuen „Gatekeepern“, die die klassische Kritik unwichtiger machen, und Frauen, die den lange Zeit männlich geprägten Literaturbetrieb herausfordern.

Es ist also immer noch genauso wie im Jahre 1840, als Annette von Droste-Hülshoff ihre Literaturbetriebssatire „Perdu!“ schrieb.

In dem Drama mit dem Ergänzungstitel „Oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe“ wird das Buchgeschäft personifiziert vom Verleger Speth. Er klagt, dass seine Hausautoren ihm zu viele Texte in unzeitgemäßen Genres aufdrängen: „Wer liest denn noch Gedichte? Eine Kammerjungfer, die in den Sekretär verliebt ist?“ Dann berechnet er, dass das Rhein-Buch seines Star-Autors Sonderrath ihn wegen der teuren Stahlstiche mehr kostet, als es je einbringen wird. Es sind sehr gegenwärtige Sorgen.

Erklären muss man heute nur, warum die Droste die Autorinnen, die in dem Stück auftreten, als „Blaustrümpfe“ bezeichnet. Das war eine damals gängige Bezeichnung für schreibende Frauen. Zurück geht sie auf die „Bluestockings Society“, eine literarische Vereinigung von Frauen in London Mitte des 18. Jahrhunderts.

Nach England weist auch der Name eines der Blaustrümpfe: Die älteste der drei dichtenden Damen, ein fast blindes Relikt, heißt Johanna von Austen. Von Jane Austen waren zu diesem Zeitpunkt erst zwei deutsche Übersetzungen („Anna“ 1822 und „Stolz und Vorurteil“ 1830) erschienen, die stark in den Text eingriffen, Sätze vereinfachten und Namen eindeutschten – so wie es Droste-Hülshoff mit „Johanna von Austen“ machte. Sie konnte den literarischen Rang ihrer Kollegin deshalb noch nicht richtig einschätzen.

Umso schärfer hatte sie den deutschen Literaturbetrieb im Auge. Eine gängige Praxis war es, Rezensenten dafür zu bezahlen, dass sie Bücher hochlobten oder runterschrieben. Der Verleger Speth hält sich dafür sogar eine eigene Zeitung. Offenbar hat er aber bei seinen Machenschaften den Überblick verloren. Denn er ist entsetzt, als sein Großkritiker Seybold in der eigenen Publikation das Buch „Der deutsche Eichenhain“ verreißt, das Speth auch selbst verlegt hat: „Und ich bin immer so fromm gewesen und habe ihm alles ungelesen eingerückt – und so honett bezahlt. Heftig. Wissen Sie, was der Mensch für jede Rezension bekommt? Acht Louisdor, sage acht Louisdor! Und die hat er auch hierfür gekriegt. Nein, das ist schlecht!“

Zumindest in diesem Punkt ist „Perdu!“ veraltet: 4000 Euro (die inflationsbereinigte Kaufkraft von 8 Louisdor) würde ein bestochener Zeitungskritiker heute nie bekommen. Für einen Bookfluencer auf Instagram oder TikTok ist die Summe aber realistisch.

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