In ihrem Podcast „News Core: Politik bis Popkultur“ unterhalten sich Imke Rabiega und Julian Theilen über Trends und aktuelle Debatten. Das folgende Transkript ist die Essenz der Podcastfolge „Kondome von Merz und Dead Internet“. Es geht um kostenlose Verhütungsmittel, das Sexkaufverbot und TikToker, die YouTube kapern.
Pille und Kondome umsonst
Julian: Wir haben ja gerade Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU und die scheinen sich zu verhaken im Streit um die Familienpolitik.
Imke: Ja, in den letzten Tagen ging es mal wieder um den Paragrafen 218, also die Abtreibungsdebatte. Aber jetzt hat die Union auch noch das viel diskutierte Sexkaufverbot zum Thema gemacht.
Julian: Das Sexkaufverbot besprechen wir gleich ausführlicher. Vorher noch mal ein anderes Thema, wo anscheinend Einigkeit herrscht zwischen den Parteien, und zwar kostenlose Verhütungsmittel. Es ist ja schon sehr viel besprochen worden, dass die Gen Z sehr wenig Sex hat. Vielleicht erklärst du mal aus deiner Gen-Z-Perspektive: Wieso? Was stört euch so an Sex?
Imke: Ich glaube, das betrifft eher noch jüngere Menschen als mich. Studien zufolge liegen die Gründe dafür, dass junge Menschen weniger Sex haben, vor allem in der Corona-Isolation. Das Leben der Jungen hat sich danach nicht mehr so richtig zurückentwickelt in den realen Raum, sondern ist hauptsächlich digital geblieben. Junge Menschen verbringen einfach super viel Zeit online und dementsprechend weniger in der Realität. Und das hat zu einer Entfremdung geführt.
Julian: Man hat das Gefühl, die künftige deutsche Regierung will ein bisschen nachhelfen. Denn in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD wird gerade diskutiert, ob man Verhütungsmittel nicht kostenlos machen sollte.
Imke: Ja, genau. Im Raum steht, Kondome und die Pille frei anzubieten.
Julian: Klingt eigentlich ganz gut, oder? Sex ist ein Grundrecht.
Imke: Ich fände es auch gut, wenn es kostenlose Kondome gäbe. Ein Kondom kostet umgerechnet etwa 60 Cent. Wer also jeden Tag im Jahr einmal Sex hat, kann 219 Euro sparen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich die Pille, die ja ein sehr umstrittenes Verhütungsmittel ist, dadurch noch weiterverbreiten wollen würde, dass sie kostenlos ist. Frauen könnten sich dann weniger mit Alternativen beschäftigen, die vielleicht für ihren Körper gesünder sind.
Julian: Was ich abseits dieser Pillen-Diskussion interessant finde, ist die Symbolwirkung. Wenn der Staat dich quasi zum Sex pusht, hat das ja auch eine befreiende Wirkung und enttabuisiert es ein bisschen weiter. Erinnerst du dich noch an die Male, wenn man so verschämt zur Rossmann-Kasse gegangen ist mit Kondomen? Noch schlimmer war es, wenn man sie im Laden nicht gefunden hat und dann eine Mitarbeiterin vor allen anderen Kunden fragen musste: Wo sind denn die Kondome?
Imke: Ja, an sich finde ich es auch einen guten Vorstoß. Auch deshalb, weil es ja die Kämpfe zwischen Frau und Mann, wer eigentlich jetzt für die Verhütung bezahlen muss, beenden könnte.
Sexkaufverbot, ja oder nein?
Julian: Ein anderes Thema, das noch viel kontroverser diskutiert wird, ist das sogenannte Sexkaufverbot. Da werden seit Jahren auf beiden Seiten gute Argumente geliefert. Interessant finde ich, dass die CDU hier aus meiner Sicht die progressivere, weil strukturelle Position hat. In ihrem Grundsatzprogramm hat sie letztes Jahr schon das nordische Modell aufgenommen. Das neue Modell heißt: Freier werden bestraft, Sex-Arbeiterinnen nicht.
Imke: Genau, in der SPD ist man wiederum dagegen. Da soll Prostitution legal bleiben. Das Hauptargument für legale Prostitution ist seit Jahren schon dasselbe. Und zwar, dass Prostitution, sonst ins Verborgene gedrängt werden würde und dann die Menschen, die darunter leiden, also ausgebeutet werden, noch weniger Schutz in Anspruch nehmen könnten.
Bevor wir darüber diskutieren, sollten wir unterscheiden zwischen Zwangsprostitution und selbstbestimmter Sexarbeit. Da, auch wenn es extrem schwierig war, da genaue Zahlen zu finden, die große Mehrheit der Prostituierten in Deutschland aktuell Zwangsprostituierte sind. Deswegen würde ich auch generell eher beim Begriff Prostitution als Sexarbeit bleiben, denn das andere suggeriert eher eine Freiwilligkeit.
Julian: Was denkst du über die Debatte?
Imke: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder selbst über seinen Körper entscheiden können sollte und Sexarbeit eigentlich erlaubt sein sollte. Zumal sie sowieso immer Nachfrage haben wird, solange wir Menschen sind. Und ich glaube, wenn ich nur an diese zehn Prozent denke, die als Edel-Escorts in geschützten Räumen ihr Geld mit Sexarbeit verdienen, dann finde ich das total selbst ermächtigend.
Julian: Ich finde das ein bisschen weit hergeholt und auch eine sehr privilegierte Perspektive. Man könnte dir hier auch vorwerfen, dass die Position unsolidarisch ist. Ich finde die Vorstellung der CDU ja gar nicht so uninteressant. Deshalb, oder sagen wir es so, weil sie irgendwie strukturell mehr Antworten gibt und nicht nur auf Einzelbeispiele und die individuellen Freiheiten des Einzelnen schaut. Das neue Modell erkennt ja die Perspektive an, die du vorgetragen hast, dass jede Frau selbst über ihren Körper entscheiden sollte.
Aber sie sagt ja, „Wahlfreiheit ist erst dann gegeben, wenn keine wirtschaftlichen Zwänge mehr da sind oder Abhängigkeitsverhältnisse.“ Und das ist bei den meisten Prostituierten ja leider nicht so. Dann kommt man in die Klemme: Will man die Freiheit Einzelner schützen, die das nur aus Lust und Spaß machen? Oder will man die strukturelle Antwort geben, die die meisten anderen schützt, die dies aus Not machen?
Mich erinnert dieser Zwiespalt ein bisschen an die Kopftuchdebatte, wenn ich ehrlich bin. Einige muslimische Frauen in Deutschland haben ja auch immer gesagt: „Es ist meine individuelle Entscheidung, ob ich Kopftuch trage oder nicht.“ Und das ist es ja auch zum Glück. Aber so einfach finde ich es dann wiederum nicht. Klar, viele muslimische Frauen in Deutschland tragen das Kopftuch freiwillig und es ist ihr gutes Recht und wir sollten sie gegen Anfeindungen schützen. Aber strukturell und da haben wir das Wort wieder, ist das Kopftuch ein Unterdrückungsinstrument.
Imke: Ich stimme dir zu. Das ist natürlich eine privilegierte Nische, die das betrifft. Und klar ist ganz deutlich der Großteil der Frauen, aber auch Transmenschen und wenige Männer, Opfer von Menschenhandel und haben einen Zuhälter, der sie bedroht und verkauft. Grundsätzlich würde ich auch nicht sagen, man entscheidet etwas in einer Demokratie gegen die Mehrheit. Also jetzt in dem Fall für die Freiheit der kleinen Gruppe. Es sei denn, es ist gar nicht so klar, ob es wirklich schlechter für die große Mehrheit wäre als der andere Weg.
Ich habe jetzt im Vorfeld gesucht, ob das nordische oder schwedische Modell erfolgreich ist und das ist gar nicht so leicht zu überprüfen. Es gibt wenig konkrete Studien, die repräsentativ sind. Die grundsätzliche Tendenz ist aber, dass es nichts verbessert. Und Betroffenen-Berichte von Einzelpersonen zeigen, dass sich die Prostituierten im Fall des nordischen Modells eher kriminalisiert fühlen, obwohl sie es nicht sind. Aber der Job, den sie ausüben, der ist kriminalisiert, weil Freier ihn nicht in Anspruch nehmen können.
Was auf dem Papier gut und differenziert klingt, ist es in der Realität vielleicht doch nicht. Zudem haben eben die Betroffenen keine Möglichkeiten mehr, Schutz zu finden und werden aus der Gesellschaft noch weiter isoliert. So schildern sie es zumindest. Und ich glaube, da kommt noch ein anderer Punkt ins Spiel, und zwar das Internet. Recherchen von NDR und WDR haben 2024 gezeigt, dass sich Prostitution nach und nach immer weiter ins Internet verschiebt. Und gerade deshalb glaube ich, dass es entkriminalisiert sein sollte und Schutz und Unterstützung sichtbarer, um überhaupt auf Betroffene zugehen zu können, wenn man sie eben nicht mehr in der Realität wie einem Strich finden kann.
Julian: Also wo wir uns einig sind, ist, dass es bei beiden Modellen am Ende darum geht, die Prostituierten zu schützen und ihnen bessere Lebensbedingungen zu verschaffen. Wie man das schafft, darüber kann man streiten.
Imke: OnlyFans hat in den letzten Jahren den Einstieg zu Sexarbeit so niedrigschwellig gemacht, dass wir langfristig auf jeden Fall Aufklärung brauchen, die legal sein muss und Hilfe und Schutz-Angebote für junge Frauen bietet. Deswegen stelle ich mir schon eine Welt vor, in der junge Frauen lernen, wie Sexarbeit funktioniert, wie man das in jedem anderen Job eben auch tut.
YouTube kolonisieren
Julian: Und nun zu unserem zweiten Thema und damit ins Internet: Eine immer größer werdende Gruppe von TikTokern plante am 25. März, also vergangenen Dienstag, die YouTube-Shorts zu kapern. Die Plattformen haben eine unterschiedliche Kultur: Auf TikTok werden neue Memes und Trends im Internet verbreitet und YouTube Shorts ist bislang aus der TikTok-Sicht vor allem als Nachmacher bekannt. YouTube ist immer so drei Monate hinterher, nicht sexy, nicht neu.
Imke: Jetzt planen einige TikToker, die YouTube Charts zu stürmen und mit neuem Content das zu bekämpfen, was sie vor allem für KI-generierten und Spam und Bots halten. Und sie sagen ganz bewusst: Sie wollen die Plattform kolonisieren.
Julian: Ja, that escalated quickly, wie man so schön sagt. Die Pläne werden im Internet ja wie wirkliche Pläne für eine Militäroperation vorgestellt. Offenbar ist das der Zeitgeist, das so zu militarisieren, wenn es auch nicht sonderlich geschmackvoll ist.
Imke: Ein Grund für den Wunsch, Alternativen für TikTok zu schaffen, ist vor allem, das TikTok in den USA vielleicht für immer gebannt werden könnte. Seitdem ist das Thema auf dem Tisch, dass sich junge Creator, die auch wirtschaftlich abhängig sind von TikTok, umorientieren wollen. Aber sie finden eben nicht so richtig die Plattform, die cool genug ist. Dazu kommt aber auch noch eine weitere Sache, nämlich die meme drought, das heißt übersetzt Meme-Dürre. Offenbar ist auf TikTok gerade eine Art kreativer Stillstand ausgebrochen, was Memes angeht.
Julian: Ja, manchmal braucht es ja einen Tapetenwechsel, wenn man kreative Dürre hat. Machen Schriftsteller ja auch, wenn sie eine Schreibblokade haben, fahren irgendwo ans Meer, versuchen sich inspirieren zu lassen. Vielleicht müssen TikToker das jetzt auch machen. Mal zu YouTube in eine neue Umgebung wechseln, eine neue digitale Welt kann vielleicht neue Kreativität freisetzen.
Imke: Ich bin gespannt. Ich möchte noch kurz auf die tote Internettheorie eingehen, die laut TikTokern ja angeblich auf YouTube-Shorts erkennbar ist.
Die Theorie des toten Internets ist eine ehemalige Verschwörungstheorie, die besagt, dass der Großteil der Internetaktivitäten von KI generiert wird und somit tot ist. Auf einer Plattform, ähnlich wie Reddit, ist schon vor Jahren die Theorie entstanden, dass das Internet ein toter leerer Raum ist, ohne menschliches Wirken. Das wurde immer als eine Schwurbler-Theorie abgetan, bis jetzt durch das Aufkommen von KI generierten Inhalten das Ganze auf einmal erschreckend realistisch wird. Also klar, das Internet ist offensichtlich nicht frei von menschlicher Aktivität. Aber es gibt schon ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass KI verwendet wird, um Kommentare und Inhalte und Positionen zu generieren, die Meinungen steuern können. Aber auch um mit der Flut von Nachrichten andere Themen aus dem Bewusstsein zu drängen.
Julian: Die TikToker behaupten jetzt, dass YouTube-Shorts unter den Auswirkungen des toten Internets leiden und planten deshalb, die Plattform vor drei Tagen, am Dienstag, mit frischen, von Menschen erstellten Inhalten und Kommentaren zu überfluten. Jetzt die Frage: Hat das geklappt?
Imke: Ich glaube, das wird sich noch zeigen. Die Videos, die es bislang gibt, drehen sich vor allem um die Sache selbst, also die YouTube-Kolonisation. Meine Prognose: Das könnte sich inhaltlich relativ schnell erschöpfen.
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